„Bücher zivilisieren das Internet“

„Bücher zivilisieren das Internet“

Büchereien sind Nahversorger für Literatur und Poesie. Über ihre Rolle in der digitalen Ära und für eine demo­kratische Gesellschaft diskutierte die Branche in Graz.

Von Ulrich Ahamer

Bücher bewahren die Zeit auf, in der ich sie gelesen habe. Sie sind Freunde und verlässliche Archive. Mich von Büchern zu trennen, fällt mir schwer. Wenn Sie sich manchmal fragen, wo all die Bücher sind, die Sie verliehen haben – Ihre Bücher sind bei Leuten wie mir.“ Iris Wolff, deutsch-rumänische Schriftstellerin, überbrachte beim zweitägigen Kongress „Vermittelnde (W)Orte“ des österreichischen Bibliotheksverbandes eine Liebeserklärung an das gedruckte Buch. „Das gleiche Buch zu erwerben, wäre nicht dasselbe, denn der Zauber des erstmaligen Lesens ist nicht wiederholbar. Weil die Bleistiftmarkierungen, eingelegten Zettel, Stichworte und Randbemerkungen zu einem geheimen Register herangewachsen sind und eine eigene Geschichte offenbaren. Andere Bücher wiederum leben von der Weitergabe; die Eselsohren, Randnotizen, der Geruch von vielen Händen erzählen von unzähligen Leseerlebnissen.“

(c) Shutterstock

Die internationale Bibliothekarenschar verbiss sich in Graz nicht in die Diskussion, inwieweit Digitalisierung und das Internet die Existenz des gedruckten Buches bedrohen. Vielmehr zeigte man, was Bibliotheken alles vermögen, als Plattform für Begegnung, als Bildungsdrehscheibe, als Brutstätte gelebter Demokratie. Trotz der gelebten Realität des Internets und der Digitalisierung weist sich, dass Menschen wieder verstärkt Lust auf reale Begegnungen haben und das haptische Erleben beim Lesen nicht missen wollen.
Die erfolgreiche Koexistenz beider Welten beweist, wenn auch von einem sehr besonderen Standort aus, etwa die Österreichische Nationalbibliothek. Deren Direktorin Johanna Rachinger konnte die Zahl der Gäste im Lesesaal massiv steigern – gleichzeitig sichert die Kooperation mit Google den freien und digitalen Zugang zu über 600.000 Bücher aus den Jahren 1500 bis 1850, die im Prunksaal zu finden sind.
Michael Hagner, Neurophysiologe und Wissenschaftshistoriker an der ETH Zürich, kommt in seinem Buch „Zur Sache des Buches“ zur Erkenntnis: „Inzwischen ertönt das Totenglöcklein so häufig, dass sich manche Kommentatoren bereits darüber lustig machen, wenn das Buch gerade wieder mal für tot erklärt worden ist.“ Schon in den 90er- und den Nuller-Jahren prophezeiten Leute wie Nicholas Negroponte vom Media Lab des MIT oder Amazon-Gründer Jeff Bezos, dass es spätestens 2015 keine gedruckten Bücher mehr gebe. Aber die Vorstellung einer Bücherei ohne gedruckte Bücher? Für Hagner wäre das so, als hätte man sich in Streetview Bilder von Venedig angesehen und dann behauptet, die Lagunenstadt erlebt zu haben: „Man muss dort gewesen sein, um die Schönheit zu spüren. Ohne gedruckte Bücher ist alles nichts.“

Orientierungshilfe
Hagner präzisiert seine Kritik: „In qualitativer Hinsicht ist die Bedeutung des Buches größer als je zuvor. Bücher sind das geeignetste Medium, um eine gewisse analytische Orientierung innerhalb der großen Unübersichtlichkeit unserer Welt zu bieten, von der das Internet ein Teil ist.“ Dessen Angebotsvielfalt und unbegrenzte Instrumentalisierung durch politische Akteure führe zu Verwirrung, verstärke Angst, Vorurteile und atavistische Verhaltensweisen. Das Internet sei nicht an allem schuld, aber das Internet müsse sich zivilisieren, und dazu können gedruckte Bücher viel beitragen, so Hagner.
Bibliotheken können aber noch viel mehr. Für Petra Hauke, Lehrbeauftragte am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, ist es ein „Herzensthema“ über Bibliotheken zu sprechen, denn sind sie ein „Garant für Demokratie, weil sie verlässliche Informationen, frei von kommerziellen Interessen, liefern – das ist konkurrenzlos, das müssen Bibliotheken aber auch kommunizieren.“ Der tiefgreifende Wandel bzw. die Herausforderung, denen sich Bibliotheken zu stellen haben, bestehen laut Hauke darin: Weg von einem Portal, wo man lediglich etwas abruft, hin zu einer Plattform, auf der sich Bürger in verschiedensten Formen einbringen können.“
Bibliotheken sind längst nicht mehr jener Ort, der einen vorgegebenen Bildungskanon verordnet. In Bibliotheken kann Wissen getauscht und geteilt werden, jedoch sollte die Begeisterung am Lesen, die Lust am Lernen bei Bibliotheken die oberste Prämisse sein, so Hauke: „In den vergangenen Jahren stand allzu oft die Informationsvermittlung an erster Stelle. Der Lustfaktor, die Freude am Lesen kam zu kurz. Wer sich geistig bereichert, dem wachsen Flügel.“

Babys mögen Bücher
Die Grazer Stadtbibliothek hat in den vergangenen Jahren besonders für Kinder und Jugendliche ihr Angebot stark ausgebaut. Das Programm „Labuka“ bringt den Kindern in bis zu 700 Veranstaltungen pro Jahr die Welt der Bücher, das Lesen und der Wissens­erwerb auf spielerische Weise nahe. Leiterin Roswitha Schipfer schwärmt: „Es wird gelesen und vorgelesen, gespielt, gereimt, geschrieben, gesungen, gerätselt, Theater gespielt und vieles mehr.“ Seit drei Jahren gibt es sogar ein Angebot für Babys. Jugendliche spricht man im Rahmen von „[kju:b]“ mit Workshops zu Musikproduktion, Trickfilmen, Slammen oder Social Media an. Für Maturanten gibt es spezielle Angebote, etwa zum Verfassen der Vorwissenschaftlichen Arbeit.
Ganz global betrachtet sollen „Büchereien Chancengleichheit beim Informationszugang herstellen“, streicht Markus Feigl, Geschäftsführer Büchereiverband Österreich, hervor und ergänzt: „Gerade bei Kindern können Bibliotheken Bildungsbenachteiligungen im familiären Umfeld zumindest ein wenig ausgleichen.“ Zum Abschluss noch ein Hohelied auf die unersetzbare Kulturtechnik von Autorin Iris Wolff: „Lesen hat mit Wagemut zu tun. Es bedeutet Überschreiten der eigenen Grenzen, des eigenen Horizonts.“