Die Macht der vielen Einzelnen

Die Macht der vielen Einzelnen

VN/Hanna Reiner, 4.8. 2014

Crowdfunding und Bürgerbeteiligungen bieten viele Chancen, aber auch Risiken.

Das Online-Lexikon Wikipedia hat es früh verstanden, die „Intelligenz der Masse“ für sich zu nutzen. Wieso also nicht auch vom Geld der Masse profitieren? Die Idee, dass sehr viele Menschen freiwillig kleinere Geldbeträge in die Hand nehmen und bündeln, um damit ein Vorhaben zu realisieren, ist eigentlich alt, hat sich aber erst in den vergangenen Jahren zu einer Art „Zaubermittel“ entwickelt. Dem „Crowdfunding“ hat hierzulande vor allem „Schuhrebell“ Heinrich Staudinger zu Bekanntheit verholfen. Seine Idee: Ein Finanzierungsmodell, bei dem ihm Private ein Darlehen geben und dafür vier Prozent Zinsen bekommen. Und obwohl das Modell zahlreich für Diskussionen sorgte, sieht er das Ganze als „Projektionsfläche für die Hoffnung vieler Menschen, dass etwas Lebensbejahendes in der Wirtschaft möglich ist“.

Denn beim Crowdfunding – auch Schwarmfinanzierung genannt – finanzieren viele kleine (private) Geldgeber ein Projekt. Je nach Modell geht es dabei um Spenden, um Kredite bis hin zu Beteiligungen. Dafür erhalten die Investoren Waren oder Genussscheine, beim „Crowd­investing“ finanzielle Rückflüsse. Vorausgesetzt, das Geschäft läuft gut, und genau das ist auch der Knackpunkt bei dieser alternativen Finanzierung. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass zum Beispiel ein Start-up pleitegeht, ist nicht gering. Ein möglicher Totalverlust des investierten Betrags muss also eingeplant werden.

„Crowdfunding ist Beteiligungs- bzw. Risikokapital und kein Sparbuch-Ersatz“, erklärt Jürgen Kessler, Leiter des Revisionsverbandes der Raiffeisenlandesbank. Deshalb werden an die Ehrlichkeit und Sorgfalt der Projektbetreiber hohe Anforderungen gestellt. Zudem gebe es keine oder nur wenige Möglichkeiten, aus solch einem Investment wieder auszusteigen. Vorteil: Mit dem Risiko steigt auch die Rendite.

Projekte in Vorarlberg

Auch in Vorarlberg gibt es interessante Projekte. Im Kultur- und Kunstbereich finanzierten beispielsweise Dietmar Walser und Burghart Häfele ihr Buchprojekt „Hohenems – Häuser und Passanten“ mittels Crowdfunding. Und auch das Hotel „Fritsch am Berg“ stemmt ein Drittel der Investitionssumme von 7,95 Millionen Euro mittels stillen Gesellschaftern. Dazu wurden 150 Anteile zu je 15.000 Euro zum Kauf aufgelegt. Gesellschafter dürfen mit einer Durchschnittsverzinsung von 7,02 Prozent rechnen, sind jedoch im Falle einer Insolvenz gegenüber anderen Gläubigern benachteiligt. Zudem gibt es viele Projekte im Land, die sich um Bürgerbeteiligungen drehen. Als in Riefensberg beispielsweise das Café Grabherr nach dem Tod des Besitzers seine Pforten schloss, nahmen die Bewohner die „Causa“ selbst in die Hand. Sie gründeten mit Hilfe der Raiffeisenbank eine Genossenschaft, und 120 Riefensberger erwarben einen oder mehrere Anteile zu je 1000 Euro. In Summe 300.000 Euro, mit denen das „Wirtshus“ gekauft werden konnte.

Auch die Genossenschaft „Mehr am See“, die sich für ein bahnfreies Seeufer einsetzt, die Sonnenstromaktien der vkw, bei der der Aktionär ein Strombezugsrecht auf 20 Jahre erwirbt, oder die Bürgersolaranlagen in verschiedenen Gemeinden sind Beispiele für Bürgerbeteiligungen. Aktuell diskutiert werden auch Bürgerbeteiligungsmodelle beim Meng-Kraftwerk der illwerke vkw sowie beim Windkraftprojekt am Pfänder. Würde dies gebaut, sollen die Kosten in Höhe von vier bis fünf Millionen Euro zur Gänze von Bürgern aufgebracht werden. Geplant ist eine „Energiegenossenschaft“, die die Anlage errichtet und betreibt. Ein Anteil soll 5000 Euro kosten, dafür werden die Genossenschafter bei einem Gewinn anteilig Ausschüttungen erhalten.

„Genossenschaft ideale Form“

Für Jürgen Kessler kommt man jedenfalls beim Thema Crowdfunding nicht an der Genossenschaft vorbei. Hierbei würden die Gründungsprüfung durch den Revisionsverband und die gesetzliche Revision die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens prüfen. „Neben den breiten Anwendungsmöglichkeiten kann eine Genossenschaft auch flexibel bei so brandaktuellen Themen wie Crowdfunding zum Einsatz kommen. Sie schafft es, Crowdfunding zu regionalisieren.“ Und während „Crowd-Investoren“ in der Regel kein Mitspracherecht haben, gibt es bei der Genossenschaft Mitgliederrechte in der Generalversammlung.

Auch Risiken vorhanden

Dennoch: Auch Genossenschaftsmitglieder tragen ein gewisses Risiko. Je nach Rechtsform haben sie eine sogenannte „Nachschusspflicht“. Sie müssen also bei Bedarf anteilsmäßig das bestehende Kapital erhöhen bzw. für entstandene Verluste haften. Im „Wirtshus“ in Riefensberg haftet laut Firmenbuch beispielsweise jeder Genossenschafter mit dem Zweifachen seines Geschäftsanteils. Genauso bei der mehramsee eGen. Nichtsdestotrotz, im Vordergrund steht oft mehr der Gedanke, gemeinsam etwas zu gestalten. Ganz nach dem Motto: „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“.

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