Es regiert nicht nur der Rechenstift

Andreas Pangl, Generalsekretär des Österreichischen Raiffeisenverbandes im Interview

Herbst 2014

 

FORMAT: Der Raiffeisen Bank International hat für das laufende Jahr empfindliche Verluste in Aussicht gestellt. Das trifft natürlich auch die Landesbanken als Gesellschafter, die wohl kaum eine Dividende sehen werden. Gerät der gesamte Bankenbereich des Raiffeisen-Sektors in eine Schieflage?

Pangl: Nein, das wird nicht passieren. Natürlich sind die Zeiten herausfordernd, und von den vielen Raiffeisen-Unternehmen können nicht alle Jahr für Jahr Geschäftszuwächse und bessere Ergebnisse vermelden …

FORMAT: Zumal auch die Beteiligungen aus der Landwirtschaft unter den Russland- Sanktionen leiden …

Pangl: Leider stimmt das. Trotzdem stehen wir in Summe auf einer breiten Basis und haben deshalb eine solide Ausgangsposition, um die schwierigen Zeiten gut zu bewältigen.

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FORMAT: Nochmals zur Bankengruppe: Einen Dominoeffekt erwarten Sie durch die RBI nicht?

Pangl: Bei der RBI geht es um die Folgen von Einmaleffekten, für die kann die Bank nichts. Es bestünde aber ohnehin keine Gefahr für einen Dominoeekt, weil viele Raieisenbanken weiterhin hervorragende Ergebnisse aufweisen und die Raieisenlandesbanken vor allem auf ihr eigenes Geschäft bauen.

FORMAT: Trotzdem: Raieisen Österreich muss spürbar Kosten senken. Könnte am Ende auch die Dreistufigkeit des Sektors angetastet werden? Es war schon von Reformen ohne Tabu die Rede.

Pangl: Die Dreistufigkeit steht derzeit überhaupt nicht in Frage. Der Verband hätte dabei auch nur eine beratende Funktion. Das wäre eine Agenda der Eigentümer.

FORMAT: Der ÖRV gilt als eines der einflussreichsten Machtzentren im Lande. Wie ist ihr Verhältnis zu dem Machtzuwachs, den Sie als Generalsekretär erleben?

Pangl:  Ganz entspannt, denn ich definiere meine Aufgabe lieber als die eines Dienstleisters. Der ÖRV ist schlicht die Interessenvertretung aller Unternehmen des Raiffeisensektors mit der zentralen Aufgabe, den Mitgliedern die Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Wirtschaften zu sichern. Der Raiffeisensektor ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in diesem Land, und das hilft, sich Gehör zu verschaffen.

FORMAT: Sie sind demnach also eine Art Lobbying-Zentrale?

Pangl: Wenn Sie so wollen: ja. Wir sind jedenfalls im Lobbying-Register eingetragen.

FORMAT: Wie halten Sie es mit dem Bonmot, die Raiffeisen-Gruppe suche sich immer die ihr genehme Regierung aus?

Pangl: Ich kann nicht einmal sagen: Diese Zeiten sind vorbei. Denn das war nie so. Aber an einer Organisation, die 58.000 Mitarbeiter vertritt, kann keine Partei vorbeigehen. Wir sind einer der bedeutendsten Arbeitgeber in Österreich.

FORMAT: Die Rahmenbedingungen für Ihre Mitglieder zu gestalten, wird schwieriger.  Ein Großteil der relevanten Entscheidungen fällt in Brüssel und nicht mehr in Österreich.  Erodiert damit auch der Einfluss von Raiffeisen?

Pangl: Letztlich kommt man in der Interessenvertretung nur mit guten Argumenten durch. Das gilt in Wien genauso wie in Brüssel. Darin sehe ich eher eine Chance als eine Bedrohung. Denn Genossenschaften und ihre Unternehmen leisten einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaft Europas und damit zur Schalung und Erhaltung von Arbeitsplätzen und Wohlstand. Das wird auch in Brüssel immer mehr anerkannt.

FORMAT: Mit seiner komplexen Struktur aus Genossenschaften ist Raiffeisen für Außenstehende kaum zu durchschauen. Der Geschäftsbereich spannt sich von Milchprodukten über Tankstellen bis hin zu Investmentfonds. Passt das heutzutage noch zusammen?

Pangl: Selbstverständlich! Denn Raiffeisen Österreich bildet keinen riesigen Mischkonzern, sondern besteht aus vielen kleinen und einigen größeren Einheiten, die selbstständig in ihren jeweiligen lokalen Märkten tätig sind. Durch Bündelung der Kräfte im Verbund, etwa im Waren- oder Bankenbereich, können auch die kleinen Genossenschaften ihren Kunden und Mitgliedern eine umfassende Produktpalette bieten.

FORMAT: Genossenschaften, die den Kern des Raiffeisen-Sektors bilden, haben trotzdem ein ziemlich angestaubtes Image.

Pangl:Daran wollen wir arbeiten. Generalanwalt Walter Rothensteiner hat mit uns ein Schwerpunktprogramm entwickelt, in dem wir Genossenschaften als attraktive Unternehmensform vermarkten wollen. Sie stehen für nachhaltiges Wirtschaften mit starkem regionalem Fokus.
Das ist heute aktueller denn je. Wir sehen die Genossenschaft aber auch als geeignete Rechtsform für neue Geschäftsideen, so zum Beispiel für bestimmte, nicht rein dividendenorientierte Crowdfunding-Projekte.

FORMAT: Sie wollen die Genossenschaft ernsthaft als nachhaltigere, weil weniger nach Gewinnmaximierung strebende, Form des Wirtschaftens anpreisen?

Pangl: Ganz genau. Eine Genossenschaft ist auf Generationen angelegt und nicht darauf, Kapital anzuhäufen oder kurzfristig möglichst hohe Gewinne herauszuziehen. Wobei ich zugebe, dass dies im landwirtschaftlichen Bereich leichter zu bewerkstelligen ist als etwa bei den Banken. Aber auch dort muss man sehen, dass in manchen Gebieten die Raiffeisenbank als einzige übrig geblieben ist. Alle anderen sind weg.

FORMAT: Wäre Raiffeisen eine riesige Aktiengesellschaft, dann hätte man mehr Bankfilialen zugesperrt?

Pangl: Ohne Zweifel. Bei uns regiert nicht ausschließlich der Rechenstift, sondern es wird auch eine gesellschaftspolitische Komponente berücksichtigt. Wenn sich ein Vollbetrieb nicht mehr rechnet, halten wir Filialen wenigstens ein paar Tage pro Woche offen. Oder wir bieten zumindest eine Filiale auf Rädern – wie die Raiffeisenbank Bruck.

FORMAT:Was, außer Werbung für Genossenschaften, steht noch auf der Agenda des Raiffeisenverbandes?

Pangl: Bildung ist ein zentrales Thema für uns. Mit dem Raiffeisen Campus sind wir da im Sektor sehr gut aufgestellt. Nachdem sich die Ausbildung bislang vorwiegend auf die Bankmitarbeiter konzentriert hat, ist die Ausbildung der Aufsichtsräte, also unserer Funktionäre, ein neues Feld. Denn deren Aufgaben wurden durch die vielen neuen Regularien komplexer. Außerdem müssen wir uns um mehr Frauen im Funktionärskreis und bei den Führungskräften bemühen.

FORMAT: Mit einer Frauenquote?

Pangl:  Das sollte aus innerer Überzeugung geschehen und nicht, weil es einen Zwang gibt. Wir setzen daher lieber auf Vernetzung, etwa mit dem kürzlich gegründeten Funktionärinnen-Beirat, der im ÖRV eine Plattform für engagierte Frauen bietet. Bei Kunden und Personal stellen Frauen bereits die Hälfte, bei den Führungskräften nicht. Da liegt noch großes Potenzial brach, das Raiffeisen besser nutzen kann und sollte.

FORMAT: Eine Frau zur neuen ÖRV-Generalsekretärin zu bestellen, wäre da ein gutes Signal gewesen, oder nicht?

Pangl: Es gibt bereits Generaldirektorinnen, Geschäftsleiterinnen und Obfrauen. Es ist daher nicht die Frage, ob es einmal eine ÖRV-Generalsekretärin geben wird, sondern lediglich, wann.

 

Interview: Andreas Lampl, Format Nr. 40/2014