Handbuch zur Gründung von Genossenschaften

Vor 150 Jahren veröffentlichte Friedrich Wilhelm Raiffeisen sein Handbuch zur Gründung von Genossenschaften

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Ein Beitrag von Dir. Mag. Johannes Leitner, Geschäftsführer Raiffeisen-Revisionsverband Niederösterreich-Wien eGen

Friedrich Wilhelm Raiffeisen war nach seinem gesundheitsbedingten Ausscheiden aus dem Militärdienst, als Bürgermeister verschiedener Gemeinden des Westerwaldes unmittelbar mit der drückenden Not der ländlichen Bevölkerung konfrontiert. Und er musste erleben, wie viele dieser Ärmsten der Armen durch Wucherer bedrängt wurden. Am Ende des Schuldenwuchers stand oft der gänzliche Verlust des Eigentums, die Obdachlosigkeit und in manchen Fällen tatsächlich das Verhungern.

Viele Jahre hindurch versuchte er mit großem Einsatz zu helfen: Sei es durch Initiativen zum Schul- und Straßenbau, der Gründung eines Brotvereines oder durch diverse Hilfsvereine. Vieles davon war gut und hilfreich, aber irgendwie auch doch nicht so zündend, wie Raiffeisen sich das vorgestellt hatte. Immer noch waren es die Begüterten, die den anderen Menschen Hilfe zukommen ließen, ohne deren Schicksal dauerhaft zum Besseren wenden zu können. Hilfe linderte Not und kam an, aber die Hilfsbedürftigkeit als solche und die damit verbundene würdelose Abhängigkeit blieb bestehen. Irgendetwas hatte Raiffeisen übersehen, das musste doch besser zu machen sein.

An konkreten Beispielen wurde Raiffeisen klar, dass die Selbstmotivation der Menschen und ihre eigene Schaffenskraft der Schlüssel zu einer besonderen Dynamik sind, die freigesetzt werden musste. Menschen mussten in die Lage versetzen werden, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Dazu war Hilfe nötig, der eine oder andere Impuls, aber wenn dies gelang, konnte eine erstaunliche Positivspirale in Gang gesetzt werden. Dazu mussten sich die Menschen zusammentun. Sie sollten Vereine gründen, heute nennen wir sie Genossenschaften.

Nach vielen Versuchen, die sich über viele Jahre hinweg erstreckten, durch Erfolge und Misserfolge, hatte Raiffeisen schließlich die Grundsätze herausdestilliert, die es dazu braucht, nachhaltige Verbesserungen der Lebensbedingungen vieler Menschen zu erreichen. Grundsätze, die in besonderer Weise die Psyche des Menschen im Blick haben: Seine Stärken und Schwächen, die Versuchung zur Gier genauso wie den Altruismus, den Ehrgeiz und die Lust am Erfolg, die Neigung zu Streit und Habsucht genauso wie die Freude am solidarisch errungenen gemeinsamen Erfolg. Raiffeisen wollte keinen neuen und idealen Menschen schaffen um mit diesem Idealbild eine fantastische Utopie zu errichten. Dies überließ er Zeitgenossen wie z.B. Karl Marx, der sein Hauptwerk „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ fast zeitgleich dann im Jahr 1867 publizierte.

Die Menschen, an die Raiffeisen dachte, sollten sich zu demokratisch verfassten Genossenschaften zusammenschließen, solidarisch und selbstverantwortlich agieren, regional überschaubar aufgestellt und dem Prinzip der Subsidiarität verpflichtet sein.

Was Raiffeisen erkannt und vorgelebt hat, war zu seiner Zeit revolutionär. Es funktionierte nicht nur, sondern wurde zu einem durchschlagenden Erfolgsweg! Die Mundpropaganda führte dazu, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern Genossenschaften gegründet wurden – immer mehr und mehr. Die Basis für diese Gründungen bildete sein erstmalig im Jahr 1866 veröffentlichtes Werk über die Darlehenskassenvereine, in dem er seine Grundsätze und Erfahrungen dargelegt hatte. Bald war es vergriffen und es folgte Auflage um Auflage, bis hin zur fünften und letzten, die Raiffeisen noch selbst bearbeiten konnte, im Jahr 1887. Diese Auflage haben die Raiffeisenverbände Österreichs anlässlich des 125. Todestages von F.W. Raiffeisen im Jahr 2013 neu in einer gut lesbaren Version herausgegeben.

Dieses Werk kann über den Raiffeisen-Revisionsverband Niederösterreich-Wien bezogen werden und steht auch elektronisch zur Verfügung: https://www.rrv.at/rrv/darlehenskassenvereine.pdf