Im Gespräch: Thema Genossenschaft

„Raiffeisen spielt unter einem anderen Vorzeichen“

Artikel Raiffeisenzeitung vom 20. August 2015

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Mit der Gründung der Stabsstelle „Genossenschaft – Strategien und Perspektiven“ setzte der Österreichische Raiffeisenverband im Vorjahr einen neuen Akzent. Justus Reichl im Interview über aktuelle Herausforderungen und Vorhaben rund um das Thema Genossenschaft, und darüber, wie ein „Giebel-Kreuz“ als Vorzeichen die „Melodie“ eines Wirtschaftsunternehmens verändern kann.

 

Im Oktober feiert die Stabsstelle „Genossenschaft“ im ÖRV ihren ersten „Geburtstag“. Wie haben Sie die Anfänge in dieser neuen Funktion erlebt?
Justus Reichl: Ich habe meine ersten Monate im ÖRV bewusst als Kennenlernphase angelegt – und da stecken zwei Worte drinnen: Kennen und Lernen. Mittlerweile kenne ich schon viele Partner in der Raiffeisen-Organisation – und einige mehr als noch vor einem Jahr kennen nun auch mich. Dazu brauchte es eine Vielzahl an Begegnungen und vertrauensvollen Gesprächen. Zudem wollte ich vieles lernen über die unterschiedlichen Initiativen im Bereich Genossenschaft, die es bereits gibt. Darum war es mir wichtig, zunächst einmal viel zu hören, zu beobachten und nachzufragen.

Welche Strategie verfolgte ÖRV-Generalanwalt Rothensteiner damit, eine eigene Stabsstelle einzurichten?
Reichl: Seine Überlegung war meiner Meinung nach das bewusste Aufstellen eines Orientierungspunktes am Weg in die Zukunft. Wohl nicht ganz zufällig kündigte er diese Initiative letztes Jahr beim Raiffeisentag in Graz an, der unter dem Motto „Bewusst Raiffeisen“ stand. Bewusst gerade in einer Zeit, wo ganz andere Themen wichtig sind oder sich zumindest in den Mittelpunkt drängen. Überbordende Regularien, allgemeine wirtschaftliche und politische Unsicherheit, Kapital-, Struktur- und IT-Fragen – das alles beansprucht Ressourcen, finanziell wie menschlich. Da kommt anderes schnell ins Hintertreffen, was zumindest ebenso unserer Aufmerksamkeit und Sorge bedürfte, wie etwa die Weiterentwicklung des Fundaments, auf dem wir stehen.

"Wir sind nicht der neue genossenschaftliche Nabel der Welt. Die Stabsstelle versteht sich – wie der ÖRV insgesamt – als unterstützende Einheit für den gesamten Raiffeisen-Sektor.“ - Justus Reichl (c) Pia Morpurgo

„Wir sind nicht der neue genossenschaftliche Nabel der Welt. Die Stabsstelle versteht sich – wie der ÖRV insgesamt – als unterstützende Einheit für den gesamten Raiffeisen-Sektor.“ – Justus Reichl (c) Pia Morpurgo

Und welches Echo haben Sie aus der Raiffeisen-Familie zur Gründung der Stabsstelle bzw. zum Aufgreifen genossenschaftlicher Themen erfahren?
Reichl: Eigentlich gab es drei Echos, die in etwa gleich gewichtet waren. Einmal war da die Frage, ob man heute – gerade angesichts der vorhin genannten Brennpunkte – mit dem Thema Genossenschaft überhaupt eine Chance hat, innerhalb der Organisation wahrgenommen zu werden. Dieser Einwand hat mich nicht überrascht, wohl aber die Menge an derartigem Echo. Denn es geht hier immerhin um die Wurzel, die uns trägt. Wann sollten wir denn darüber reden, wenn nicht jetzt – angesichts aller Umbrüche und Neuaufbrüche um uns herum?
Dann hat es Reaktionen gegeben, die meinten: Über Genossenschaft brauchen wir doch gar nicht viel zu reden, das Thema sei „eh klar“. Aber da stellt sich mir die Frage, ob Innensicht und Außensicht hier identisch sind oder nicht eher das Gegenteil der Fall ist. Fragt man etwa Mitarbeiter oder die Öffentlichkeit zum typisch Genossenschaftlichen bei Raiffeisen, dann versiegen die Antworten bald einmal.
Das dritte Echo war schließlich: Schön, dass es endlich eine derartige Initiative auf Bundesebene gibt. Denn wo sonst, wenn nicht im ÖRV, sollte so eine gemeinsame Plattform entstehen!

Also viel Rückenwind zum Start – und manche kritische Stimmen?
Reichl: Naja – eine wirkliche Ablehnung habe ich nirgends festgestellt. Mitunter ist halt eine gewisse Skepsis zu bemerken nach dem Motto: Was bringt uns das jetzt? Die Antwort scheint mir nicht schwer: Genossenschaft ist unser USP, wie man heute sagt – also unser deutlichster Wettbewerbsvorteil. Und dabei geht es nicht um hohe Theorie, juristische Spezialfragen oder die Lebensgeschichte von Vater Raiffeisen – auch alles wichtig. Vielmehr geht es aber um das, was sich heute im Alltag daraus ableitet: Unser Verhältnis zu unseren Mitgliedern und Kunden. Um es mit einem Bild aus der Musik zu sagen: „Genossenschaft“ ist für mich das Vorzeichen zu unserem ganzen Stück: Die Geschäfte, die wir betreiben, können andere auch. Aber Raiffeisen „spielt“ unter anderem Vorzeichen. Und das verändert hoffentlich die ganze folgende Melodie. Dadurch sollten wir im besten Sinn anders klingen, anders erlebt werden. Wirtschaftlich professionell – no na, aber zudem auch wirklich regional, partnerschaftlich, fair, demokratisch, transparent und an erster Stelle dem Mitgliederwohl verpflichtet. Das und einiges mehr macht für die Menschen das „Erlebnis Genossenschaft“ aus. Und je mehr es uns gelingt, dieses Erlebnis zu vermitteln, desto leichter werden wir uns am Markt bewegen – egal ob im Bereich Bank, Ware, Milch oder Sonstige Genossenschaften.

Was kann die Stabsstelle Genossenschaft dazu beitragen?
Reichl: Die Stabsstelle versteht sich – so wie der ÖRV insgesamt – als unterstützende Einheit auf Bundesebene, nicht als neuer genossenschaftlicher Nabel der Welt. Da waren schon andere vor uns da und leisten seit Jahren hochprofessionelle Arbeit, etwa die „Stabsstelle Moderne Genossenschaft“ der Raiffeisenlandesbank Vorarlberg. Was bisher aber etwas zu kurz kam, ist die Vernetzung bestehender Aktivitäten über die Regions- und Bundesländergrenzen hinaus. Vielerorts sind tolle Projekte am Laufen, doch schon drei Ortschaften weiter weiß man oft gar nichts mehr davon und ist womöglich im Begriff, selbst Ähnliches zu entwickeln. Hier kann die Stabsstelle dazu dienen, auf kurzem Weg neue Ideen, Trends und praktische Beispiele rund um Genossenschaft, Mitgliedschaft und Förderauftrag zu erfahren – überregional wie übernational. Im Alltag bedeutet das viele Kontakte zu meinen Ansprechpartnern in den jeweiligen Raiffeisen-Organisationen vor allem auf Bundes- und Landesebene. Sehr wichtig ist mir aber auch die Rückkopplung zu Funktionären und Verantwortungsträgern an der Basis – Gelegenheit dazu ergibt sich meist bei Vorträgen, Workshops und Schulungen, die ich rund um das Thema Genossenschaft halte. Letzteres, nachdem es sich bei der Stabsstelle um eine „One-Man-Show“ handelt, natürlich im Rahmen des zeitlich Möglichen.

Welche bereits laufenden Genossenschafts-Projekte gefallen Ihnen besonders gut?
Reichl: Das ist jetzt schwer, weil es viele gute gibt! Beeindruckt haben mich etwa die über 2.400 Lebensbäume, die Mitarbeiter der Raiffeisenbank Region Wagram in Niederösterreich bereits gepflanzt haben – jeweils zur Geburt eines Kindes im Genossenschaftsgebiet. Ein Klassiker für das Erlebnis Genossenschaft seit 1995! Oder der Talmarkt im Osttiroler Matrei, wo aus der Problemstellung einer baulich viel zu großen Bankstelle eine neue Direktvermarktungsgenossenschaft entstand. Oder die neue online-Plattform für gemeinnützige Projekte „Mit.einander für Vorarlberg“. Und nicht vergessen möchte ich die Initiative der Raiffeisen-Revisionsverbände für Genossenschafts-Neugründungen, „kooperieren.at“.

Beispiele, wie Genossenschaft angewandt gelebt wird, finden Sie hier.

Und welche konkreten Projekte haben Sie zur Zeit auf dem Schreibtisch?
Reichl: Jüngstes „Kind“ ist die neue Plattform „Genossenschaft. Gelebtes Miteinander“ auf der ÖRV-Homepage. Dort bieten wir neben grundlegenden Informationen zwei Schwerpunkte: Aktuelle Artikel und Beiträge sowie Beispiele aus der Praxis. Aktuell in Planung ist ein neu gestalteter Genossenschafts-Block in der Campus-Funktionärsausbildung Kompetenz plus: Ab 2016 wird eine Einheit integriert sein, im Rahmen derer Prof. Rössl von der WU Wien das Thema in bewährter Weise wissenschaftlich beleuchten wird. Dazu werde ich in einem zweiten Teil aktuelle Trends und Problemstellungen liefern. Intensiv überlegen wir derzeit auch, wie in der Geschäftsleiter-Ausbildung und eventuell auch in der neuen Grundausbildung mehr Genossenschafts-Praxis Eingang finden könnte.

Warum sind Genossenschaften Ihrer Meinung nach immer noch so zeitgemäß?
Reichl: Weil es angesichts zunehmender Globalisierung und Anonymisierung für immer mehr Menschen wichtig ist, gesehen und gebraucht zu werden. Sie wollen mitgestalten dürfen und verstehen können, wofür sie sich einsetzen. Sie wollen nicht mehr – Pardon – als nützliche Idioten ausgenutzt werden, sondern einen Sinn in ihrem Beitrag erkennen und echt Anteil haben. Genau diese Grundbedürfnisse sehe ich im Modell Raiffeisen alle erfüllt! Kein Wunder also – aktuell versuchen immer neue Bewegungen, auf den Genossenschafts-Zug aufzuspringen. Sie alle haben eine Chance verdient, aber verstecken brauchen wir uns angesichts dieser Entwicklung sicher nicht. Ja – Raiffeisen ist in die Jahre gekommen. Und ja – Raiffeisen ist groß und weitverzweigt. Aber beides ist kein Grund, uns zu schämen. Im Gegenteil: Es ist der beste Beweis für eine langjährige und entsprechend nachhaltige Entwicklung auf breitester Basis. Das soll uns erst einmal jemand nachmachen.

Welche Rolle kann der ÖRV rund um das Thema Genossenschaft einnehmen?
Reichl: Da fällt mir ein Ausspruch von Generalsekretär Pangl ein: „Genossenschaft ist keine Raketenwissenschaft“. Will heißen: Dem ÖRV geht es nicht darum, exklusives Expertenwissen zu hüten, sondern Vernetzer, Informationsgeber und Lobbyist zu sein, indem er das Thema positiv vor den Vorhang holt und in die Breite trägt – jeweils in guter Kooperation mit unseren Mitgliedern. Der ÖRV muss aber auch der sein, der den Finger in die Wunde legt und überall dort aufzeigt, wo Genossenschaft und genossenschaftliche Denke an den Rand gedrängt werden sollte.

Erlauben Sie mir zum Abschluss noch eine persönliche Frage. Sie kamen ja aus einem völlig anderen Umfeld zu Raiffeisen. Gibt es auch Parallelen zwischen Ihrer Vergangenheit als Benediktiner im Stift Göttweig und Ihrem aktuellen Job?
Reichl: Ja, die gibt es – und gar nicht wenige (lacht). Vor allem fällt mir auf: Große Systeme mit langer Geschichte tun sich immer schwer, ihre alten Botschaften in die Worte zu bringen, die man heute versteht. Die Idee ist im Kern genial, aber die Art und Weise, wie sie kommuniziert wird, ist bisweilen das Problem. Zudem neigen alte Organisationen zu übergroßer Selbstsicherheit, was ihre Stellung in der Öffentlichkeit betrifft. „Uns hat es immer gegeben, uns wird es immer geben – warum sollen wir uns also anstrengen?“ Dabei sollten wir immer neu fragen: Was können wir verändern, erneuern, besser machen?
Die Herausforderung sehe ich also vor allem darin, nicht stehenzubleiben und Genossenschaft im Heute erlebbar zu machen – mit unserem bewährten Vorzeichen, dem Giebel-Kreuz!