Babylon TV

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Noch nie wurde so viel und so teuer Fernsehen produziert wie heute. Ein Überblick.

Von Stefan Niederwieser

Serien boomen. Das war vor fünfzehn Jahren schon richtig, als Serien wie „The Wire“ und „Sopranos“ zu Recht in alle Himmel gelobt wurden. Plötzlich war es möglich neue Geschichten zu erzählen, episch angelegte Handlungsbögen und Charaktere voller Höhen und Tiefen zu zeigen. Die Leute hatten jetzt Internet und konnten jederzeit einzelne Folgen nachschauen, man war plötzlich nicht mehr darauf angewiesen, dass jede Folge für sich funktionierte, dass man jederzeit einsteigen konnte.

Was bisher geschah
Serien boomen. Heute stimmt das mehr denn je. In den USA werden fünf Mal mehr Serien produziert als noch vor fünfzehn Jahren. Die großen Streaming-Anbieter wie Amazon, Netflix, Hulu, AMC oder HBO überbieten sich mit Budgets und exklusiven Inhalten. Die letzte Staffel von „Game Of Thrones“ soll rund 13 Millionen Dollar pro Folge kosten. Das ist nicht nur ein Rekord, sondern auch zirka so viel, wie die letzten drei Filme des Jahres bei den Oscars durchschnittlich gekostet haben. Es geht um nichts weniger als den globalen Markt. Europäische oder asiatische Serien setzen sich international kaum einmal durch, auch wenn es ganz exzellente Beispiele gibt – „Black Mirror“, „Les Revenants“, „Braunschlag“, „Gomorrha“, „Downtown Abbey“, „Borgen“. Deshalb müssen Schauspieler und Regisseure aus Hollywood her, die immer besser bezahlt werden und ihre Karriere mit einer Serie veredeln. Kevin Spacey, Claire Danes und Matthew McConaughey sind drei prominente Beispiele.
Letztens haben sogar Martin Scorsese und Mick Jagger 100 Millionen verpulvert. Die Serie „Vinyl“ zeigte die verballerten Siebziger, Gitarren, weißes Pulver und viele, viele Dollarscheine. Nur blieb auch im echten Leben wenig von dem Geld übrig. Die Serie floppte, für HBO war es ein herber Verlust. Einer Serie, die ebenfalls in legendären Gründerjahren eines Musikgenres spielte, ging es genauso. „The Get Down“ soll eine der teuersten Serien aller Zeiten gewesen sein. Die Anfänge von Hip Hop waren nicht interessant genug. Diesmal hatte Netflix ordentlich daneben gegriffen. Und auch das Leben von Marco Polo führte für Netflix zu einem Verlust von rund 200 Millionen Dollar.

(c) Frédéric Batier/X Filme Creative Pool Entertainment/Degeto Film/Beta Film/Sky Deutschland

Heute Netflix und chillen
David Fincher, Regisseur von „Se7en“ oder „Gone Girl“, meinte kürzlich zur Financial Times, im Filmbusiness herrsche Angst, man wird gezwungen in vorgegebenen Bahnen zu bleiben, und das wären nun einmal viele Farben, brennende Objekte, Countdowns, romantische Komödien und Superhelden in Spandex. Sogar für ihn wäre es da schwierig, seine Filme zu finanzieren. Deshalb ist er sehr froh, dass er bei Netflix erwachsenes Drama erzählen und Charaktere entwickeln kann. „Mindhunter“ heißt die Serie. Sie spielt in den Siebzigern, zu einer Zeit, in der Kriminalpsychologie auch beim FBI noch in den Kinderschuhen steckt. Es wird gemordet – und das in Serie. In derselben Zeit spielt auch „The Deuce“, nur dreht sich hier alles um Prostitution und die Anfänge der Porno-Industrie. Es gibt natürlich viel nackte Haut zu sehen. Hier sind es Maggie Gyllenhaal und James Franco, die das Gesicht zur Serie geben. Die ersten Reaktionen sind euphorisch, aber das waren sie ja auch schon bei „Vinyl“. Denn im Endeffekt müssen solche Serien es schaffen, das Publikum über viele Staffeln zu fesseln.
Genau das ist das große Fragezeichen bei der Fortsetzung von „Stranger Things“. Die Serie kam letzten Sommer beinahe aus dem Nichts. Da wurden Versatzstücke aus den 80ern verrührt, ein sehr nostalgischer Soundtrack drum herum gegossen und Genres wie Horror, Teenager-Abenteuer und Science-Fiction gewagt durcheinander gemischt. Es gab zahlreiche Cliffhanger, die Fans bei der Stange hielten. Nachdem die meisten in der ersten Staffel aufgelöst wurden, stellt sich die Frage, ob die Drehbuchschreiber in so kurzer Zeit eine ähnlich fesselnde Geschichte bauen konnten. Der wandelnde Tote unter den Serien, „The Walking Dead“, konnte nach vielen Jahren weniger Zuseher erreichen. Die achte Staffel soll es richten.

Aber wann kommt der Winter
Die Serie „Narcos“ – über Pablo Escobar und die kolumbianischen Drogenkartelle – musste derweil die Dreharbeiten einstellen, weil sie den echten Kartellen in die Quere kam. Und selbst in Deutschland geht es in Serien mittlerweile ordentlich zur Sache. „Babylon Berlin“ spielt kurz nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Drinnen swingt der Jazz, während sich draußen die Gesellschaft in sozialistisch und nationalsozialistisch spaltet.
Vielerorts ist bereits von einer Peak TV Bubble die Rede. Es würde viel zu viel produziert, die Aufmerksamkeit ist nicht mehr da, die Folge sind Millionen-Debakel. Nachdem die Budgets und Planungen der großen Networks aber für viele Jahre angelegt sind, ist es eher wahrscheinlich, dass die Blase nicht platzt, sondern in sich zusammensackt. Und selbst dann wird noch viel Netflix geschaut und gechillt.

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