Bauernhof erleben

Bauernhof erleben

Vor 20 Jahren gestartet, besuchen heute jährlich mehr als 20.000 Kinder einen der 126 zertifizierten „Schule am Bauernhof“-Betriebe.

Von Stefan Nimmervoll

Elfriede und Gottfried Lesterl führen keine Bilderbuchlandwirtschaft. Zumindest keine, wie sie viele Kinder aus ihren ersten Lesebüchern kennen. Den 40 Kühen auf dem Hof in Katsdorf im Mühlviertel geht es dennoch sichtlich gut. Sie lassen sich gerne von den Gruppen, die ihren Vormittag am Hof verbringen, füttern. Ganz Mutige dürfen die Rinder sogar angreifen. „Lesen und im Fernsehen anschauen alleine reicht eben nicht, um zu verstehen, was ein Bauer macht.“ So mancher kleine Gast sei richtig überrascht, wie groß die Tiere sind. Vollgepackt mit Eindrücken und neu gewonnenem Wissen kehren die Schüler in ihre Elternhäuser zurück. Aber auch das motorische Erlebnis sei nicht zu unterschätzen, so Lesterl. Manche Kinder aus der Stadt könnten nicht einmal über eine unebene Wiese laufen, ohne niederzufallen.

Schüler am Bauernhof

(c) Inbild@Anna Pailer

„Selbst am Land ist der Zugang zu einem Bauernhof für viele Kinder schwierig geworden“, konstatiert Oberösterreichs Landwirtschaftskammerpräsident Franz Reisecker. Die Zeiten, in denen zumindest die Großeltern eine Landwirtschaft haben, seien vorbei. „Unser Ziel in Oberösterreich ist es daher, dass jedes Kind einmal in seiner Schulkarriere auf einen Bauernhof kommt.“ Mit der „Schule am Bauernhof“, die vor 20 Jahren im Salzkammergut ihren Anfang nahm, könnte das durchaus gelingen. „Am Anfang sind die Klassen am Land zu einem Bauern in ihrem Ort gewandert“, erinnert sich die Landesbäuerin Annemarie Brunner. Seit damals hat sich viel entwickelt. Interessierte müssen heute einen Zertifikatslehrgang am Ländlichen Fortbildungsinstitut absolvieren und ihren Betrieb sicherheitstechnisch überprüfen lassen. Dafür erhalten Bäuerinnen wie Elfriede Lesterl für einen Vormittag mit drei Unterrichtseinheiten drei Euro pro Schüler. „Ein netter Zuverdienst“, meint die Milchbäuerin. Zuallererst müsse man aber Freude an der Wissensvermittlung haben und gerne auf Kinder zugehen.

Bei einem Besuch am Hof der Familie Lesterl dürfen die Besucher nicht nur Kühe füttern, sondern sollen den Stall mit allen Sinnen erleben. „Wir marschieren mit Augenklappen in den Stall. Für die Kinder ist es ein großes Aha-Erlebnis, was sie da alles hören und riechen“, meint die Bäuerin. Auch, dass die Eier im Nest noch warm sind, sei für viele Kinder nicht begreiflich. Abschließend dürfen die kleinen Gäste noch die Butter fürs Jausenbrot selbst aus frischer Milch schlagen. „Wir bilden Multiplikatoren aus“, erläutert Landesbäuerin Brunner den Hintergedanken des Projektes. Ebenso wichtig ist es aber auch, die Pädagogen zu erreichen, die mittlerweile oft ebenso weit von der landwirtschaftlichen Realität entfernt sind wie ihre Schüler. Fast 400 Lehrkräfte haben im vergangenen Jahr an der Pädagogischen Hochschule Weiterbildungsseminare mit agrarischem Inhalt besucht.

Neben dem verpflichtenden Besuch eines Bauernhofes wünscht sich Reisecker die Implementierung eines Schulfaches „Ernährungs- und Alltagskompetenz“. Schülern zwischen 10 und 14 Jahren sollten so Basiskompetenzen rund ums Essen vermittelt werden. „Wir müssen die Wechselwirkungen zwischen dem eigenen Konsumverhalten und den Rahmenbedingungen auf den Höfen klarmachen“, so Reisecker. „Denn wer isst, ist schon Teil der Landwirtschaft.“

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