Böse Mächte und Geister gebannt

Böse Mächte und Geister gebannt

Schutz und Schirm versprechen Skulpturen von jeher. Auch das Giebelkreuz ist so ein Abwehrzeichen.

Von Johann Werfring

Zu den Lieblingsobjekten von Christian Schicklgruber, Direktor des Weltmuseums Wien, zählt eine tibetische Abwehrskulptur. Das Objekt entstand, als im Frühjahr 2013 Yangön Sherab Tenzin, ein tantrischer Lama der Bön-Religion, einen ganzen Monat lang im Weltmuseum ein Neujahrsritual durchgeführt hat. Er benötigte eine solche Skulptur, um den Raum, in dem er das Ritual vollziehen wollte, vor schädlichen Einflüssen zu schützen.
Die wörtliche Übersetzung der tibetischen Bezeichnung für eine solche Abwehrskulptur lautet „Himmelstor Erdtor“.  Dieser Name erklärt auch die Funktion: Sowohl aus dem Himmel als auch von der Erde sollen schädliche Einflüsse abgewehrt werden. Im tibetischen Kulturraum werden solche Skulpturen auch über den Eingängen zu Tempeln und zu Wohnhäusern angebracht.
Der Schutz von sakralen Gebäuden und menschlichen Behausungen durch besondere Skulpturen und Zeichen ist von alters her auch im europäischen Kulturkreis gang und gäbe gewesen. Schon in der Antike brachte man an Gebäuden etwa Bildnisse von Gorgonenhäuptern an, die Dämonen und Geister abhalten sollten – also eine apotropäische Wirkung entfalten sollten. Als im Mittelalter prächtige Gotteshäuser entstanden, wurden diese – wie das auch am Wiener Stephansdom nachzuvollziehen ist – mit fantastischen Wasserspeiern bestückt. Nicht selten haben diese wasserspeienden Skulpturen furchterregende Formen. Sie sollten Böses durch Böses bannen. Angelehnt an diese brachte man an adeligen und bürgerlichen Häusern zur Unheilabwehr oft finster dreinblickende „Neidköpfe“ an. Im Lauf der Frühen Neuzeit bestückten auch die Bauern die Giebel und Dachsparren ihrer Häuser mit allerlei Fratzengesichtern.

Gekreuzte Pferdeköpfe
(„Rossgoschen“) als Giebelzier im Österreichischen Museum für Volkskunde, Drösidl im Waldviertel, 19. Jhdt. (c) RZ/Johann Werfring

Wie in Tibet spielten bei der Abwehr von ungünstigen Einflüssen auch hierzulande Tierschädel eine Rolle. Im Giebel des 1416 erstmals urkundlich erwähnten Mondseer Rauchhauses, das als Freilichtmuseum zu besichtigen ist, kann heute noch ein am Gebäude angebrachter Pferdeschädel bestaunt werden. Obwohl für solche Zwecke auch Schädel von anderen Tieren Verwendung fanden, kommt dem Pferdeschädel eine besondere Rolle zu. Jahrhundertelang war nämlich das Pferd in der bäuerlichen Lebenswelt ein Statussymbol und Zeichen des Wohlstandes gewesen. Nur eine vergleichsweise geringe Anzahl von Bauernhöfen wirtschaftete damals mit Pferden, das Gros der Betriebe verwendete das Rind als Spannvieh.
In weiten Teilen Österreichs und Deutschlands zierten lange Zeit Pferdeköpfe die an den Giebeln angebrachten überkreuzten Windbretter. Im Waldviertel und in der Buckligen Welt, wo solche paarig vorhandene Giebelzeichen in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg noch häufig vorgekommen sind, wurden sie „Rossgoschen“ (Pferdemäuler) genannt. Ebenso wie diese die Bewohner vor allem Unheil bewahren sollten, steht das von Raiffeisen übernommene Zeichen der überkreuzten Giebelpferde für die Sicherheit all jener, die sich gleichsam unter das schützende Dach der von Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888) gegründeten Organisation begeben haben.
In manchen Teilen Österreichs, wo bis heute altes Brauchtum gepflegt wird, sind noch immer Abwehrrituale in der Landwirtschaft anzutreffen. Im steirischen Ennstal ist es üblich, einzelne Zweige des am Palmsonntag geweihten Palmbuschens an den Rändern der Felder in die Erde zu stecken, um diese vor Unwetter und Missernte zu bewahren. Im oberösterreichischen Irrseebecken hatte man früher neben den Palmzweigen auch die Weihscheitel, das sind Holzstücke, die im Weihfeuer der Osternachtfeier angebrannt wurden, zum Schutz der Äcker in die Erde gesteckt.
Und schließlich sei noch auf ein bis heute in ganz Österreich gepflogenes Ritual hingewiesen: Beim Dreikönigs-
segen schrieben heuer die Heiligen Drei Könige mit geweihter Kreide die Zeichen „20 – C  + M + B – 18“ an die Haus- und Wohnungstüren. Die Abkürzung steht für „Christus mansionem benedicat“ und bedeutet „Christus segne dieses Haus“. Gleich wie mit Abwehrskulpturen soll mit dieser Türaufschrift von den Wohnungen und Häusern alles Unheil ferngehalten werden.
Der tibetische Lama wollte für seine Skulptur einen Hunde- sowie einen Widderschädel verwenden. Dies stellte für die Mitarbeiter des Museums eine gewisse Herausforderung dar: Ein Widderschädel ließe sich ja noch eventuell auftreiben, aber von wo, bitte, sollte in aller Eile ein Hundeschädel herbeigeschafft werden? Wie der Lama mitteilte, stellt aber gerade der Hundeschädel das allerwichtigste Element dar, weil der Hund als Reittier der beschützenden Gottheit gilt. Die Museumsmitarbeiter boten dem Lama an, ersatzweise eine Schädelskulptur aus Salzteig herzustellen. Der Priester zeigte sich kompromissbereit, die Skulptur ist heute im Weltmuseum in der Abteilung Süd-, Südostasien und Himalayagebiet im Raum „Ein Dorf in den Bergen“ zu besichtigen.