„Bühne der Zukunft“

„Bühne der Zukunft“

Noch bis Anfang März 2018 lädt der mehrsprachige Redewettbewerb des Vereins „Wirtschaft für Integration“ junge Menschen dazu ein, sich Gehör zu verschaffen

Von Sandra Schäfer

Sie möchte Joyce genannt werden. Ihr ursprünglicher Name, so das 2001 in Vietnam geborene Mädchen, erinnere sie an eine Zeit, in der sie gemeinsam mit ihrer Mutter ein 15 Quadratmeter großes Zimmer bewohnte. Die einzigen Einrichtungsgegenstände: ein Metallbett und ein klobiger Fernseher. Warmwasser zum Waschen gab es nur selten. Die Mutter, von der Familie ihres Ehemannes gehasst, weinte sich nach ihrem Auszug aus dem ungeliebten Heim neben ihrer Tochter täglich in den Schlaf. Der Vater – von Joyce lediglich als ihr Erzeuger bezeichnet – war für seine Tochter nicht da.
Heute, acht Jahre später, wohnt Joyce in Wien. Hier hat sie mit ihrer Mutter eine liebevolle neue Familie, einen Vater, der diesen Namen verdient, einen Opa und eine Oma, die Gugelhupf bäckt. Joyce ist glücklich – fast. Wäre da nicht jener Mann, der wie ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit seiner Tochter immer wieder Steine in den Weg legt. „Warum zerstört er mein Leben“, fragt das Mädchen mit bebender Stimme vor versammeltem Publikum.
Die gebürtige junge Vietnamesin, die nahezu perfekt die deutsche Sprache spricht, ist eine von 592 Schülern aus Österreich, die eingeladen wurden beim mehrsprachigen Redewettbewerb „Sag’s Multi!“ eine kurze Rede in Deutsch und einer weiterem Sprache zu halten. Die Jugendlichen, zum Großteil mit Migrationshintergrund, konnten aus fünf Themen wählen. Joyce entschied sich für das diesjährige Leitthema „Dafür lohnt es sich zu leben“ und überzeugte bei der zweiten Regionalrunde in Wien Publikum und Jury durch ihren kraftvollen Auftritt. Bis Jänner werden an zehn weiteren Tagen alle Teilnehmer ihre teils sehr persönlichen Geschichten präsentieren. Die Gewinner werden schließlich von 22. Februar bis 1. März in drei Finalrunden ermittelt.

(c) VWFI/Sophie Kirchner

Zuwanderung als Chance
Ins Leben gerufen wurde der Wettbewerb vor neun Jahren vom Verein „Wirtschaft für Integration“ (VWFI) mit Unterstützung der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien als Hauptsponsor. Ziel ist es, jungen Menschen eine „Bühne der Zukunft“ zu bieten, so Georg Kraft-Kinz und Ali Rahimi, die Obleute von Wirtschaft für Integration. Der Verein sieht es als seine Aufgabe, Zuwanderung als Chance für Österreich zu nutzen. Denn: „Wer neben Deutsch noch eine weitere Sprache perfekt beherrscht, verfügt über ein Riesenplus. Und zwar gleich im doppelten Sinn. Sprachen erweitern nicht nur den persönlichen Horizont und sind ein wichtiger Erfolgsfaktor für ihre berufliche Zukunft, sie stärken unsere Gesellschaft und die Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts. ‚Sag’s Multi!’ präsentiert nicht nur junge mehrsprachige Talente. Dieser Wettbewerb ist ein Signal für Weltoffenheit, Engagement und politisch wache junge Menschen“, zeigen sich die beiden Obleute überzeugt.

Friedliches Miteinander
Einer dieser politisch engagierten jungen Menschen, die die Gelegenheit erhalten sich im Rahmen der Initiative zu Wort zu melden, ist der syrisch-türkischstämmige Muhammad Kandil. Für „Sag’s Multi!“ hat der Siebtklässler des GRG 10 Ettenreichgasse eine Rede zur Situation von Menschen auf der Flucht vorbereitet. Kandil ist einer jener Schüler, der für seinen Vortrag beim Wettbewerb nicht Deutsch und seine Muttersprache wählte. Stattdessen parlierte er bei der Regionalrunde perfekt in Deutsch und Englisch. Letzteres für Muhammad eine erlernte Fremdsprache, in der er bereits in Kanada einen Vortrag an der Universität in Toronto zur Flüchtlingskrise in Europa halten durfte. Die Organisatoren des Symposiums waren auf den engagierten jungen Mann durch seinen Blog aufmerksam geworden. Als freiwilliger Flüchtlingshelfer schrieb der Schüler über seine Erfahrungen, die er während des Flüchtlingsstroms am Westbahnhof vor zwei Jahren machen konnte. In der Schule fiel der sprachbegabte Junge, der fünf Sprachen spricht, durch seine Redegewandtheit auf und wurde daraufhin angesprochen, ob er beim Wettbewerb teilnehmen wolle.
Muhammed sowie alle anderen von ihren Schulen nominierten Teilnehmer verfassen ihre Reden selbst. Unterstützung – beispielsweise in puncto Körperhaltung und richtiges Auftreten – erhalten sie von den Lehrern und den Klassenkameraden, die oftmals die Ersten sind, die die Reden zu hören bekommen. Eines der wichtigsten Kriterien, um bei „Sag’s Multi!“ teilnehmen zu können, ist die Fähigkeit vor versammeltem Publikum und einer Jury zu sprechen. „Mut haben ist eines der wichtigsten Dinge, sowohl im Privatleben als auch im Beruf. Man kann alles tun, wenn man sich traut und Disziplin hat“, gibt Rahimi den Kindern mit auf den Weg.
Dass niemand jedoch versuchen sollte krampfhaft etwas zu erreichen, nur um in den Augen der anderen etwas wert zu sein, gibt Matthias Popovic zu bedenken. Der Schüler des zweisprachigen BG Oberwart wählte für seine Rede das Thema „Nobody is perfect“ und erinnerte daran, dass perfekt sein oft falsch interpretiert werde. Viele hörten nicht auf sich selbst, sondern auf ihre Freunde oder Familie. Wir sollten nicht vergessen, dass es auch Talente im Herzen gäbe und nicht nur im Kopf und in den Muskeln, sagt Popovic, in Deutsch und Burgenland-Kroatisch. Nur zwei von insgesamt 53 Sprachen, die von den Teilnehmern gesprochen werden. Eine wunderbare Vielfalt, die für ein friedliches Miteinander steht. Sich Gehör verschaffen und zuhören: zwei Dinge, die in den kommenden Wochen für die Schüler und ihr Publikum im Zentrum stehen werden.