Dann muss der Berg zum Museum kommen

Dann muss der Berg zum Museum kommen

Es ist ein guter Boden für Künstler und Autoren. Werner Berg war magisch von dem Kärntner Land und seinen Menschen angezogen. Sein Museum wird heuer fünfzig.

Von Stefan Niederwieser

Man kannte ihn, aber ein Malerfürst war er nicht. Werner Berg hatte auf dem Rutarhof gelebt. Er malte die Gegend und die Leute, war oft mit seinem Rad unterwegs, um Skizzen zu machen, die er dann später umsetzte. Vor fünfzig Jahren wurde ihm ein schönes Haus am Hauptplatz von Bleiburg angeboten. Die Idee hatte Gottfried Stöckl, der Konditor im Ort. Er lernte den Maler kennen, als er wieder einmal Kuchen bei seinem Standl verkaufte, freundete sich mit ihm an. Und der Konditor schlug der Stadt vor, das alte Gemeindeamt, das damals leerstand, Werner Berg zu überlassen. Dort hat er seine Werke bis zu seinem Tod selbst gehängt. So entstand eines der ersten monographischen Museen des Landes. Es steht dort, wo die Bilder entstanden, mitten unter den Enkeln jener Leute, deren Gesichter und Alltag er festgehalten hat.

Holzschnitte von Werner Berg auf der Konditorei Stöckl, der örtlichen Raiffeisenbank und auf dem Werner Berg Museum am Hauptplatz hinten links. In der Mitte der von Kiki Kogelnik gestaltete Brunnen. (c) Tomo Jesenicnik (3)

Werner Berg war Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie aus dem Wuppertal, er promovierte in Wien mit Auszeichnung in Handelswissenschaften, ging an die Akademie bildender Künste und wechselte später nach München. In Bleiburg fand er etwas, das ihm alle Großstädte nicht boten – eine Ursprünglichkeit in einer beinahe vorindustriellen Gesellschaft. Er war hier nahe den Dingen, so drückte er es aus. Hier vermischten sich auf einzigartige Weise slawischer, romanischer, germanischer und keltischer Kulturraum.
Der Maler gilt häufig als Expressionist, seine Suche nach dem Ausdruck ist schon bald klar erkennbar. Obwohl er akademisch gebildet ist und die Malweise der alten Meister kennt, wird sein Stil bald einfach, fast naiv. Die Formen und Flächen treten stark hervor. Die Farbpalette reicht weit hinein ins Blau, Lila, Flieder und Violett. Für Sammler wie Rudolf Leopold ist es das Frühwerk, das die Bedeutung von Werner Berg ausmacht, das Werk eines Visionärs, eines Avantgardisten.
Der große Emil Nolde war ihm in den Dreißigern ein väterlicher Förderer. Aber während jener für einige Jahre zum glühender Bewunderer der Nationalsozialisten wurde, weil sie ihm dabei helfen konnten, eine expressive deutsche Kunst zu propagieren, diente sich Werner Berg der Politik nicht an. Dem Geschmack der Machtergreifer entsprachen beide nicht. 1937 wurden sie Teil der berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“, davor schon wurde Werner Berg aus der deutschen Reichskunstkammer ausgeschlossen, was dort einem Berufsverbot gleichkam. Er muss seine Farbpalette anpassen, um zu überleben, mit Krähen kommentiert er den Geist der Zeit. Im Krieg erlaubt ihm ein Hauptmann der Wehrmacht in seiner Kompagnie zu malen und nicht zu kämpfen.
Aus den frühen Dreißigern stammt sein einziges christliches Bild, ein Altar mit drei Tafeln, das er bei einem Bewerb einreicht. Es kommt postwendend zurück. Die stillende Mutter Gottes gilt damals als Affront, dass sie in mittelalterlicher Kunst ein häufiges Motiv war, ist unerheblich. Werner Berg malt die Menschen und Dinge fast nie so, wie man sie sich erwartet. Die Perspektiven und Bildausschnitte sind außergewöhnlich. Eine trauernde Frau stellt er mit verzerrtem Gesicht dar, während sie sich schneuzt. Es ist das, was oft nicht als bildwürdig gilt, das ihn interessiert, das Flüchtige, das Alltägliche. Das hebt ihn aus seiner Zeit heraus.
Anfang der Siebziger sind es nicht schönen Seen, schmucke Häuser und hübsche Gärten, die ihn interessieren, sondern Rohbauten – fast so, wie die US-amerikanischen Künstler der Pop Art. Die Zukunft kommt langsam auch in Kärnten an. Eine radelnde Frau malt er fast schon komisch. In zwei Jahren plant das Museum in Bleiburg eine Gegenüberstellung mit Manfred Deix.
Fünf Jahre nach dem Krieg besucht ihn die junge Malerin Maria Lassnig einige Male am Rutarhof und ist begeistert von der Kunst, die er aus innerer Notwendigkeit schafft. Die Begegnung mit der Lyrikerin Christine Lavant schneidet sich tief in das Leben des Malers und belastet auch seine Familie. Berg und Lavant verbinden existenzielle Fragen. Als die Beziehung zwischen beiden nach fünf Jahren scheitert, begeht Werner Berg einen Selbstmordversuch, den er nur knapp überlebt. Werner Berg verbrennt alle Briefe. Die Zeit im Krankenhaus hält er in Bildern fest.
Es ist eine eigentümliche Gegend. So viele Künstler kommen aus Unterkärnten – oder sie haben sich wie Werner Berg hier angesiedelt. Die Künstlerin Kiki Kogelnik wurde in Bleiburg geboren. Martin Kušej (Theaterregisseur), Peter Handke (Autor), Johann Kresnik (Choreograf) und Maria Lassnig unweit davon. Als hier in den Siebzigern zweisprachige Ortstafeln aufgestellt werden sollen, bricht ein Sturm der Entrüstung los, es kommt zu Bombendrohungen, der Landeshauptmann Hans Sima – Großvater von Ulli Sima – muss abtreten. Werner Berg setzt sich als einer der wenigen für die Rechte der slowenischen Minderheit ein und marschiert mit ihnen. Im Jahr 2010 wurde schließlich eine Ortstafel „Bleiburg/ Pliberk“ aufgestellt und prompt mit Farbe beschmiert, erst ein Jahr später gilt die Angelegenheit als beigelegt.
Andere Aufregung gab es, als das Museum dann letztes Jahr erstmals den städtischen Raum eroberte. Einzelne Werke von Gottfried Helnwein wurden auf große Planen gedruckt und in der Stadt aufgehängt. Genau jenes Bild eines Kindes mit Maschinenpistole, das derzeit am Wiener Ringturm für Diskussionen sorgt, hing damals schon auf dem Gebäude der Polizei von Bleiburg. Das wollte nicht jeder verstehen, aber solche Diskussionen sind wichtig, ist sich Arthur Ottowitz, der das Museum leitet, sicher. Nach sechs Monaten wurden die Planen abmontiert und versteigert, 8000 Euro kamen so Schulen in der Region zugute.
Heuer hat man das Ganze mit großen Holzschnitten von Werner Berg wiederholt und noch mehr Partner gefunden. Der örtlichen Raiffeisenbank kommt dabei eine besondere Rolle zu. Man bat den Enkel von Werner Berg um zwei Werke, um sie in den Räumen aufzuhängen. Angeliefert hat er dreißig Holzschnitte, die meisten Unikate, ein Zeichen der langjährigen Wertschätzung, ist sich Direktor Albert David sicher. Um eine der großen Planen am Sommerende zu ersteigern, meldet man also sich besser gleich schon an.

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