Das Feuer weitertragen

Das Feuer weitertragen

Das Jazzfestival Saalfelden geht heuer zum 40. Mal über die (insgesamt 13) Bühnen. Grund genug für den künstlerischen Leiter Mario Steidl, dem renommierten Event ein ordentliches Facelifting zu verpassen.

Von Markus Geisler

Never touch a running system. – Mit diesem Spruch aus der Mottenkiste der Bestandsbewahrer kann Mario Steidl, künstlerischer Leiter des Jazzfestivals Saalfelden, so gar nichts anfangen. Für die 40. Auflage haben er und sein Team sich einige Neuerungen ausgedacht, die der Veranstaltung neuen Drive, noch mehr Publikum und musikalische Entfaltungsmöglichkeiten bescheren sollen. „Wenn man sich auf europäischen Festivals herumtreibt, beschäftigt alle Veranstalter vor allem eine Frage: Wie kann man ein neues, vor allem junges Publikum für Jazz begeistern“, sagt Steidl. Und liefert seinen Ansatz gleich hinterher: „Die meisten Jungen denken beim Jazz an das verstaubte, atonale Zeugs, das ihre Großeltern hören. Wir zeigen ihnen, dass es eine offene, viele Stile bedienende Musikform ist. Oft höre ich: Das gefällt mir, aber ich wusste gar nicht, dass es unter Jazz fällt.“

Neues entdecken, den Horizont erweitern. Das war schon immer das Lockmittel, das Jazzfans aus aller Welt zum renommierten Event ins Salzburgische trieb. Das wird auch dieses Jahr so sein, wenn vom 22. bis zum 25. August mehr als 70 Konzerte auf 13 verschiedenen Bühnen (beides Rekord) dargeboten werden. Musikalisch sowieso, wenn sich die spannende französische Jazzszene in Form des Trio Abacaxi präsentiert, die energiegeladene Mette Rasmussen mit ihrem Saxofon die Zuhörer in ihren Bann zieht und heimische Künstler wie Manu Mayr oder Christian Muthspiel mit dem 18-köpfigen Orjazztra Vienna für Begeisterung sorgen. Aber auch die Darstellungsformen der Musik werden heuer so vielfältig wie noch nie sein. „Nicht jeder Künstler passt mit seinem Projekt auf unsere Hauptbühne, wo Platz für mehr als 1.000 Besucher ist. Manche brauchen einen intimen oder auch schrägen Rahmen, um sich entfalten zu können. Dem wollen wir Rechnung tragen.“

Unter dem Titel „We hike Jazz!“ wird auch die Natur in das Programm intensiv eingebunden. (c) Rania Moslam

Und zwar mit einem Konzept, bei dem in alten Gerichtssälen, auf Almen mit Fernblick oder in einer Buchbinderei gejazzt und gejammt wird. Ein besonderes Highlight stellen die ganztägigen geführten Konzert-Wanderungen auf dem Saalachtaler Höhenweg dar. Zusammen mit Musikern wie dem kalifornischen Schlagzeuger Jim Black oder dem Kärntner Kontrabassisten Lukas Kranzelbinder werden die Wanderschuhe geschnürt und einige Höhenmeter absolviert, immer wieder unterbrochen von einer Jause und dem Erleben feinster Klänge. „Musikliebhaber verbringen mit den Künstlern auf du und du ein paar Stunden, plaudern ungezwungen, tauschen sich aus – das wird für alle Beteiligten ein besonderes Erlebnis“, freut sich Steidl. Denn: „Für unser Festival ist die Natur ein riesiges Kapital, wir wollen vor allem unseren internationalen Gästen unsere wunderschöne Landschaft näherbringen.“

Apropos Kapital. Das in Altstars zu investieren, die auf der Bühne ihren Legendenstatus pflegen, ist nicht der Ansatz in Saalfelden. Dafür ist ihm das Budget, zu dem auch Raiffeisen als Sponsor seinen Teil beiträgt, zu schade. Oder wie es Steidl formuliert: „Ich bin dafür, das Feuer weiterzutragen, anstatt die Asche anzubeten. Ich habe schon vor ein paar Jahren die Lust verloren, irgendwelchen angestaubten Legenden eine Schweine-Kohle hinterher zu werfen. Die 50.000 Euro investiere ich lieber in ein ordentliches Rahmenprogramm und in Künstler, die womöglich die Stars von morgen sind.“

Was nicht heißt, dass man in Saalfelden ohne bekannte Namen zu reüssieren gedenkt. Der Ausnahme-Saxofonist Joshua Redman wird auf der Hauptbühne das Abschluss-Konzert geben, es ist einer seiner ganz wenigen Auftritte in Europa. Und für die heimische Ausnahmeerscheinung Wolfgang Puschnig hat das Festival ein ganz besonderes Highlight parat. Der 63-Jährige war schon bei der ersten Auflage mit dem Vienna Jazz Orchestra dabei, damals unter dem Namen „Drei Tage Jazz“. Die Location war ein Stall, bei dem die Pferde den Besuchern locker über die Schultern schauen konnten. Genannt wurde des ganze „Ranch“ – und genau hier spielt Puschnig, übrigens der am öftesten gebuchte Musiker des Jazzfestes, 40 Jahre später erneut auf. Steidl: „Wir haben gesagt, wir machen zum Jubiläum keinen großartigen Rückblick wie beim 30er, sondern blicken nach vorne, in dem wir das Festival neu gestalten. Aber als Reminiszenz organisieren wir an der Wiege des Festivals zwei Konzerte, die sicherlich zu den Highlights gehören werden.“

Riesige Begegnungszone

Und so begegnet auf diese Weise das Alte dem Neuen, wie es ohnehin ein Ansatz ist, die Gegend in den vier Tagen zu einer riesigen Begegnungszone zu machen. Einheimische sollen internationalen Gästen begegnen, die Künstler sollen den Zuhörern begegnen, und nicht zuletzt sollen sich die Musiker untereinander begegnen und austauschen. Spontane Zusammenkünfte mit Jam-Sessions sind dabei ausdrücklich erwünscht. „Ich bin der Ansicht, dass es heute bei Weitem nicht mehr reicht, ein paar Konzerte auf die Beine zu stellen und die auf einer Bühne abzuspulen“, erläutert Steidl. „Wir wollen für alle, die zu uns kommen, ein guter Gastgeber sein, alle sollen sich wohlfühlen, miteinander reden, den Eindruck haben, willkommen zu sein. Ich kann mit elitärem Gehabe oder irgendwelchen Superlativen, denen man hinterherhechelt, nichts anfangen.“

Mehr als zwei Drittel aller Konzerte werden übrigens bei freiem Eintritt stattfinden. Auch so ein Ansatz, um alte Muster aufzubrechen und jedermann die Chance zu geben, den Jazz für sich zu entdecken. „Junge Menschen sind es gewohnt, Musik gratis zu konsumieren, über Spotify, Youtube und andere Streaming-Plattformen. Bei uns sollen Neugierige die Möglichkeit haben, mal hier und mal da reinzuhören. Gefällt es ihnen, bleiben sie, wenn nicht, ziehen sie zur nächsten Bühne weiter.“ Nur so, glaubt Steidl, kann man sich ein neues Publikum erspielen. Und die etablierten Szenekenner, die ohnehin genau wissen, was sie wollen, kommen in Saalfelden ohnehin auf ihre Kosten. Steidl: „Wer sich ein Ticket für die Hauptbühne oder für die Short Cuts (Anm.: Nebenbühne, auf der die Musiker experimentelle Performances zeigen) kauft, setzt sich ohnehin mit der Musik auseinander. Das ist auch gut so. Aber wir wollen eben auch ein neues Publikum für uns gewinnen.“

Zum bereits 15. Mal ist Mario Steidl als künstlerischer Leiter für die Programmierung des Jazzfestivals zuständig. Auch ein kleines Jubiläum. Und er gibt offen zu, dass es ob all der Neuerungen heuer etwas mehr kribbelt als in den vergangenen Jahren. Doch das, meint er, sei auch gut so. „Sollte es eines Tages gar nicht mehr kribbeln, höre ich mit dem Job auf.“

Das komplette Programm unter www.jazzsaalfelden.com

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