Das Gegenmodell zu Egoismus

Das Gegenmodell zu Egoismus

Die RWA Raiffeisen Ware Austria lässt das Triple-Jubiläumsjahr feierlich ausklingen. Die Jahresschlussveranstaltung war weniger von Zahlen, sondern von Werten geprägt, die das Fundament des Erfolgs darstellen.

Von Elisabeth Hell

200 Jahre Friedrich Wilhelm Raiff­eisen, 120 Jahre Lagerhäuser in Österreich und 25 Jahre RWA – die Jubiläen wurden zum Anlass genommen, um die Geschichte zu beleuchten, den Status-quo zu analysieren und Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen. Die österreichische Landwirtschaft und mit ihr die Lagerhausorganisation haben sich von einer Versorgungswirtschaft hin zu einer Überschuss- und Exportwirtschaft entwickelt, fasst RWA-Generaldirektor Reinhard Wolf die Entwicklung kurz zusammen und ergänzt: „Unsere Wurzeln haben wir dabei nie aufgegeben.“ Die Selbstverantwortung und Selbstverwaltung mit Funktionären und professionellem Management liegen weiterhin vor Ort.

Raiffeisens Grundprinzipien der Solidarität, Regionalität und Subsidiarität, immer die Würde des Menschen im Mittelpunkt habend, bilden auch heute die Basis der Lagerhäuser. Das Spannungsfeld zwischen Subsidiarität und Solidarität sei dabei tagtäglich zu spüren, sagt Wolf: „Es ist manchmal schwer, für das Gemeinsame zurückzustecken, aber Genossenschaft ist das Gegenmodell zu Egoismus. Genossenschaft bedeutet, gemeinsam zu arbeiten.“

Generaldirektor Reinhard Wolf © photonews.at/Georges Schneider

Als Meilenstein in der Lagerhausgeschichte, die zum Jubiläum erstmals auch in einer umfassenden Festschrift aufgearbeitet wurde, wird die Novelle der Gewerbeordnung im Jahr 1973 gesehen. Diese hat es den Genossenschaften erstmals ermöglicht, mit nicht-landwirtschaftlichen Kunden in Geschäftskontakt zu treten. Der damalige Slogan „Nah für alle da“ signalisierte, dass man nun für die gesamte ländliche Bevölkerung offen ist. Die neuen Geschäftsbereiche Baustoff, Haus, Garten und Energie haben sich zu wesentlichen Tragsäulen für die Lagerhäuser entwickelt.

Die RWA wurde 1993 in Vorbereitung auf den EU-Beitritt gegründet – unter der Einbringung der Landesverbände Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark und Burgenland. Auf die anfängliche Phase der Stabilisierung folgte die Portfoliobereinigung, die schließlich zu Wachstum und Digitalisierung führte. Mit einer risiko­bewussten Geschäftsausrichtung sei es gelungen, das Eigenkapital von 45 Mio. Euro auf 500 Mio. Euro auszuweiten. 45 Mio. Euro Dividende wurden an die Mitgliedergenossenschaften über die letzten 25 Jahre ausgeschüttet. Gemeinsam mit den Lagerhäusern versteht man sich als „Die Kraft am Land“.

Strukturwandel
Die Anzahl der Lagerhausgenossenschaften hat sich seit 1995 halbiert und spiegelt damit die Strukturveränderung in der Landwirtschaft und die gesellschaftliche Entwicklung wider. Der Umsatz der Lagerhäuser ist im gleichen Zeitraum um 250 Prozent gewachsen, der der RWA um 100 Prozent. „Die Lagerhäuser haben ihre Strukturarbeit sehr ernst genommen“, kommentiert Wolf. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft bleibe aber eine Herausforderung. Die Landwirtschaftskammer geht davon aus, dass die Zahl der Betriebe bis 2025 auf 85.000 zurückgeht.

Vom Strukturwandel sind alle Geschäftsbereiche der Lagerhäuser betroffen. „Unser Portfolio hat sich und muss sich hier massiv erweitern und verändern“, betont Wolf und will das Angebot an Dienstleistungen, etwa im Baubereich, verbreitern. Im Energiebereich wurden heuer bereits mehr Elektrotankstellen unter der Marke Genol ans Netz geschlossen als konventionelle Tankstellen. Auf das geänderte Kaufverhalten reagierten die Lagerhäuser mit einem Onlineshop: „Ein attraktiver Laden reicht heute nicht mehr, sondern der Kunde will uns überall und jederzeit empfangen.“ Als Gegentrend zur Globalisierung gibt es die Rückbesinnung auf kleinere Einheiten und Regionalität. „Das ist genau unsere Stärke, von da kommen wir und das müssen wir betonen und leben“, fordert Wolf.

Chancen wahrnehmen
Die Digitalisierung erfasst alle Lebensbereiche und wird Konsequenzen für das Geschäftsmodell haben. Künstliche Intelligenz kann die Produktivität erhöhen und sollte deshalb als Chance wahrgenommen werden, so Wolf. Die RWA setzt etwa zunehmend auf Plattformen: „Rentflex ist seit zwei Jahren sehr erfolgreich am Markt und wird nächstes Jahr zu einer herstellerneutralen Plattform weiterentwickelt, um noch mehr Traffic zu bekommen.“

Dass die Veränderungen und vor allem auch die Geschwindigkeit, mit der diese kommen, für Verunsicherung und Ängste sorgen, kann Wolf nachvollziehen. Neben Demut plädiert er vor allem für mehr Mut: „Es wird auch in Zukunft keine saatenlose Ernte und kein risikoloses Wirtschaften geben.“

Friedrich Wilhelm Raiffeisen baute sein Genossenschaftsprinzip auf christlichen Werten auf und auch die ersten Lagerhäuser in Österreich sind unter Mithilfe Geistlicher entstanden. Diözesanbischof Alois Schwarz markiert deshalb in seiner Festrede: „Die Lagerhaustürme und die Kirchtürme machen die Individualität unserer Orte aus. Beide sind ein Zeichen für Nahversorgung im ländlichen Raum.“ Das Erfolgskonzept von Raiffeisen und „Unser Lagerhaus“ sieht der Bischof im Miteinander und in der unmittelbaren Kommunikation: „Der Austausch solidarisch Denkender macht die Idee der Genossenschaft aus.“ Raiffeisen verwirkliche die ökosoziale Marktwirtschaft, so Schwarz: „Mit großer Solidarität und Nachhaltigkeit und dem Blick auf das Gemeinwohl in der Region wird Zukunft gestaltet und der ländliche Raum lebendig gehalten.“

Kräfte bündeln
Das Triple-Jubiläum wurde natürlich auch von vielen Wegbegleitern genutzt, um Wünsche und Glückwünsche zu übermitteln. Walter Rothensteiner, Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes, weiß, dass die RWA und die Lagerhäuser in den letzten Jahrzehnten massiv dazu beigetragen haben, dass das Thema Genossenschaft in der Bevölkerung so positiv besetzt ist, wie Umfragen belegen. Für Erwin Hameseder, Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien, liegt der Erfolg von „Unser Lagerhaus“ und „Meine Bank“ in der Identifikation: „Man entscheidet regional und weiß, was die Menschen vor Ort brauchen.“ Waren- und Geldorganisation sieht Hameseder in einem Boot rudernd, weil die Herausforderungen wie Globalisierung, Digitalisierung, Wertewandel und Klimawandel gemeinsam angegangen werden müssen: „Die RWA ist Innovator und geht mit gutem Beispiel voran, wenn es darum geht, die Digitalisierung in die heutige Wirtschaftswelt zu übersetzen.“ Chancen ortet auch Obmann Andreas Lidauer vom Lagerhaus Vöcklabruck in der Bündelung von Kompetenzen: „Wir müssen uns noch mehr vernetzen und Komplett­lösungen anbieten.“ Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, ist bereits überzeugt: „Die Lagerhäuser haben sich 120 Jahre weiterentwickelt und sind Kompetenzzentrum und Servicestelle für alle Bauern.“ Im „persönlichen Engagement an einer gemeinschaftlichen Lösung“ sieht Bauernbund-Präsident Georg Strasser die Wurzel des Erfolgs und findet: „Die Struktur des Lagerhauses und die Zusammenarbeit mit der Baywa ist ein Best-practice-Modell für die österreichische Landwirtschaft: Lokal wirtschaften und in die große Welt spielen.“ Baywa-Vorstandsvorsitzender Klaus Josef Lutz ist überzeugt, dass die Allianz zu einem wesentlich besseren Auftritt in den Märkten geführt hat. Gemeinsam mit der RWA konzentriere man sich nun noch stärker auf die Themen Digitalisierung und Automatisierung in der Landwirtschaft.

„Wir sind gut unterwegs. Unsere Zahlen passen und es gibt Zukunft“, fasst RWA-Aufsichtsratsvorsitzender Johann Lang bei der Festveranstaltung vor Mitgliedern und Wegbegleitern kurz zusammen. Die Feierlichkeiten reißen auch in den kommenden Jahren nicht ab: 2019 wird die 20-jährige Allianz mit der Baywa zelebriert; 2020 der neue Firmensitz der RWA in Korneuburg bezogen.

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