Das wichtigste Lebensmittel

Das wichtigste Lebensmittel

Untersucht wurden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserversorgung in Österreich. Die Abdeckung des Spitzenbedarfs wird bei steigenden Temperaturen schwieriger.

Von Alexander Blach

Im Jahr 2018 war der Klimawandel in Österreich deutlich zu spüren. Bereits im Frühjahr kam es an der Alpennordseite und im östlichen Flachland zu einer ausgeprägten Trockenheit. Hier gab es zum Teil nur 30 bis 45 Prozent – kurzfristig und lokal nur bis 15 Prozent – der sonst üblichen Niederschläge. In den Sommermonaten war das Niederschlagsdefizit zwar nicht ganz so extrem, aufgeholt konnten die fehlenden Mengen allerdings nicht werden. Das nördliche Niederösterreich sowie weite Teile Oberösterreichs waren am schlimmsten von durchgehenden Niederschlagsdefiziten betroffen.

„Die letzten 20 Jahre waren größtenteils als überdurchschnittlich warm einzustufen. Alle aktuellen Studien zur klimatischen Entwicklung sagen einen weiteren Temperaturanstieg und die Zunahme von Extremereignissen, insbesondere von Hitzewellen, in den nächsten Jahrzehnten in Österreich voraus. Je nach Szenario nehmen die Hitzetage von derzeit rund 20 pro Jahr auf 50 und mehr bis 2100 zu“, verdeutlicht Roman Neunteufel vom Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), der im Auftrag der österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach (ÖVGW) verschiedene Studien zur „Wasserversorgung in Rekordsommern“ zusammenführte.

Die Temperaturzunahme lag im Alpenraum bereits bisher über dem Durchschnitt der Nordhemisphäre. Im Vergleich zum Zeitraum 1971 bis 2000 wird ein weiterer Anstieg um 1,5 Grad Celsius für den Zeitraum 2021 bis 2050 prognostiziert. Der Anstieg der jährlichen Hitzetage und die damit einhergehend höheren Wasserverbräuche lassen erwarten, dass in Zukunft mehr Ressourcen für die Abdeckung des Spitzenbedarfes an Trinkwasser benötigt werden.

Wasser

(c) BMNT/Alexander Haiden

Wasserreich

Österreich ist glücklicherweise reich an Wasser. Pro Jahr stehen 76,4 Milliarden Kubikmeter Wasser zur Verfügung von denen gerade mal 2,2 Mrd. genutzt werden – das sind 3 Prozent. Zwei Drittel der genutzten Menge entfallen auf Landwirtschaft und Industrie. Das heißt, Österreichs Haushalte verwenden pro Jahr weniger als 1 Prozent der verfügbaren Wassermenge. Trotz der steigenden Temperaturen müsse man sich also keine Gedanken über die Trinkwasserversorgung machen. Zudem wird in Zukunft eine gleichbleibende Verfügbarkeit des Grundwassers erwartet, aber auch leichte Rückgänge bei den Quellenbildungen prognostiziert.

Vor allem in Trockenperioden kann es zu verminderten Verdünnungseffekten kommen, das heißt, das Wasser kann kurzfristig eine höhere Konzentration verschiedener Stoffe wie Nitrate aufweisen, wie Neunteufel erläutert.

Der durchschnittliche Jahresverbrauch, der über die letzten 20 Jahre vor allem durch den Einsatz immer sparsamerer Geräte abgenommen hat, scheint bei den meisten Wasserversorgern die Talsohle erreicht zu haben. Teilweise könnten künftig die Verbräuche wieder etwas steigen, sagt Neunteufel. Die Spitzenverbräuche hingegen zeigen einen Zusammenhang mit den Rekordsommern und dürften sogar noch weiter steigen. Ursache dafür ist der Außenwasserverbrauch, darunter fallen Swimmingpools, Gartenbewässerungsanlagen und Ähnliches.

„Die Zunahme der Gartenbewässerungsanlagen mit zeitgesteuertem Betrieb führt dazu, dass im Sommer auch in der Nacht die Wasserverbräuche nicht zurückgehen“, so Neunteufel. Auch eine Umfrage unter 30 ÖVGW-Mitgliedsunternehmen – diese versorgen 3,4 Millionen Einwohner mit Trinkwasser – zeigt, dass 2018 einige Versorger genau dadurch neue, ungewöhnlich hohe Verbrauchsspitzen verzeichneten. Zwar gab es bislang noch keine Versorgungsengpässe, in einigen Fällen konnte dies aber nur durch Sparmaßnahmen oder durch Ergänzung der Einspeisung aus überregionalen Versorgungsnetzen verhindert werden. Speziell für kleinere Versorgungseinheiten ohne Notverbünde würden die steigenden Verbrauchsspitzen ein zunehmendes Problem darstellen. Die Hälfte aller Umfrageteilnehmer weist Ausschöpfungsgrade von über 70 Prozent an verbrauchsreichen Tagen auf. Knapp 60 Prozent der Unternehmen geben an, dass zusätzliche Investitionen nötig waren, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten beziehungsweise dass weiter in Anpassungsmaßnahmen investiert werden muss.

Kommt es dennoch zu einer Verknappung der Wasserressourcen, könnten regionale Nutzungskonflikte drohen – etwa zwischen Landwirtschaft, Industrie und Trinkwasserversorgern. Daher sieht die ÖVGW „die Notwendigkeit, dass sich alle Stakeholder unter der Leitung des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus an einen Tisch setzen und die strategische Ausrichtung für die Zukunft sowie entsprechende Maßnahmen diskutieren“, sagt ÖVGW-Präsident Franz Dinhobl.

Besonders wichtig sei der ÖVGW, dass Wasser „auch in Zukunft im Einflussbereich der öffentlichen Hand bleibt“. Die Wasserversorgung stelle das Kernelement der Daseinsvorsorge dar und Wasser sei das wichtigste Lebensmittel – höchste hygienische Qualität habe für die Bevölkerung daher oberste Priorität. Das Einspeisen von Wasser durch verschiedene Versorger in ein und dasselbe Leitungsnetz sei nicht sinnvoll möglich, da zu viele Qualitäts- und Haftungsfragen offen blieben.

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