Der Maler der schönsten Madonnen

Der Maler der schönsten Madonnen

Die aktuelle Raffael-Ausstellung ist eine Sternstunde der Wiener Albertina.

Von Heiner Boberski

Die Natur hatte Angst, als Raffael lebte, vor seinem Sieg; als er starb, dass sie sterbe mit ihm.“ So lautet die Übersetzung des lateinischen Distichons, das als Grabspruch für den großen Renaissancekünstler Raffaello Santi (1483–1520) dessen Ästhetik zusammenfasst. Raffael ging es um die Suche nach dem „Equilibrium zwischen Naturnachahmung und Ideal“, wie Albertina-Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder anlässlich der bis 7. Jänner 2018 laufenden Raffael-Ausstellung in seinem Haus erklärte.

Die „Madonna mit dem blauen Diadem“ ist eine rare Leihgabe des Pariser Louvre. (c) Musée du Louvre Paris / Dist. RMN-Grand Palais / Martine Beck-Coppola

Als Albrecht Dürer in Rom weilte, habe der große Nürnberger Meister Raffael ein – nicht mehr erhaltenes – Selbstporträt geschenkt und ihm damit wohl sagen wollen: „Schau in den Spiegel, ahme die Natur vorurteilsfrei nach, dann hast du die Wahrheit der Kunst gefunden.“ Doch Raffael, so Schröder, „dachte darüber anders: Die Natur ist unvollkommen, die Natur ist bruchstückhaft, und es bedarf der Klärung durch das Ideal der Antike, dass der Wahrheit Genüge getan werden kann.“ Und so habe Raffael im Gegenzug Dürer eine Zeichnung mit zwei Männerakten geschenkt, die das klassische Ideal antiker Skulptur repräsentieren.

Mit Recht sieht Schröder in dieser Ausstellung, die Achim Gnann hervorragend kuratiert hat, eine Sternstunde der Albertina. Sie umfasst rund 150 Werke – meist Zeichnungen, aber auch 18 Gemälde – und liefert einen grandiosen Überblick über das Schaffen eines Zeichners und Malers, der mit Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarroti  zum großen Dreigestirn der italienischen Hochrenaissance zählt.

Raffael wurde 1483 in Urbino geboren, verlor mit acht Jahren seine Mutter, mit elf seinen Vater, den Maler Giovanni Santi, bei dem er die erste künstlerische Ausbildung erhielt. 1494 kam er in die Werkstatt des Perugino, dessen anmutige Figuren ihm zum Vorbild wurden. Bis 1504 arbeitete Raffael in Umbrien, dann ging er nach Florenz, wo er einige seiner bedeutenden Madonnenbilder malte, an denen die innige Mutter-Kinder-Beziehung berührt. Dass das Jesuskind auf solchen Bildern mitunter mit den Hauptsymbolen für Glauben, Passion und Macht spielt, macht für Schröder anschaulich, dass Raffael der theologisch vorherrschenden Position, Gott tue alles zweckgerichtet und nichts spielerisch, das Bedürfnis nach Sorglosigkeit gegenüberstellte.

Die dafür beispielhafte, um 1504 entstandene „Madonna mit dem Granatapfel“, eine Zeichnung mit schwarzgrauer Kreide, gehört zu den Schätzen der Albertina, die selbst 50 Zeichnungen von Raffael besitzt. Damit gehört Raffael für Schröder „zum Kerngeschäft der Albertina“, und sie hatte deshalb geradezu die Pflicht, einmal eine Raffael-Ausstellung durchzuführen. Zu deren Gelingen trug bei, dass praktisch alle Wünsche nach Leihgaben erfüllt wurden.

So stellten zum Beispiel die Museen in Florenz das Selbstporträt des jungen Raffael und die „Madonna dell’Impannata“ zur Verfügung. Der Pariser Louvre verlieh die wunderschöne „Madonna mit dem blauen Diadem“. Aus Budapest kam die „Esterházy-Madonna“, aus Berlin die „Madonna Colonna“. Zum wichtigsten Partner der Albertina bezüglich der Zeichnungen Raffaels wurde das Ashmolean Museum in Oxford.

Als der 1503 gewählte Papst Julius II. Künstler zur Gestaltung der Stanzen, der päpstlichen Gemächer, suchte, überzeugte ihn das von Raffael gelieferte Fresko so sehr, dass dieser den alleinigen Auftrag erhält. Ab 1508 ist Raffael in Rom tätig und wird bis zu seinem frühen Tod mit 37 Jahren mit Aufträgen überhäuft. In den Stanzen vollendet er große Programme, etwa die Darstellung der Universitätsfakultäten – berühmt ist seine „Schule von Athen“ –, er liefert auch Entwürfe für die Teppichserie der Sixtinischen Kapelle und die vatikanischen Loggien. Daneben leitet er ab 1514 den Neubau von St. Peter und agiert als Baumeister des päpstlichen Palastes.

Die Fresken konnte man nicht nach Wien bringen, doch Raffaels Zeichnungen veranschaulichen seinen Schaffensprozess. „Jede Zeichnung Raffaels führt ein Doppelleben“, betont Klaus Albrecht  Schröder, einerseits ist sie Vorstufe für das Gemälde, andererseits, ob mit Kohle oder Kreide angefertigt, ein Kunstwerk für sich. Raffael hat seine Werke bis ins Detail sorgfältig vorbereitet. Das lässt sich besonders gut an seinem letzten Werk, der „Transfiguration“, zu der Zeichnungen der einzelnen Apostelköpfe und Aktzeichnungen von Apostelgruppen erhalten sind, studieren.

Wie Schröder betonte, sind solche Spitzenausstellungen ohne Sponsoren nicht möglich. Die Raiffeisen Bank International, der Albertina im Rahmen ihres Kultursponsorings in einer langjährigen Kooperation verbunden, unterstützt heuer speziell die Raffael-Ausstellung. RBI-Generaldirektor Johann Strobl erklärte dazu: „Das Raiffeisen-Engagement im Kunstbereich ist vielfältig und umfasst verschiedene Kunstrichtungen und Projekte von nationaler und internationaler Reichweite. Mit dieser Kooperation gelingt es uns, eine renommierte Kunstsammlung dabei zu unterstützen, einzigartige Werke für ein breites Publikum zugänglich zu machen und das Interesse an Kunst zu fördern. Damit nehmen wir aus dem Selbstverständnis Raiffeisens heraus gerne unsere gesellschaftliche Verantwortung wahr.“

(RZ40, 05.10.2017)