Der Mann, der Wien erbaute

Der Mann, der Wien erbaute

Der Architekt Otto Wagner prägte das Gesicht seiner Stadt, hatte genauso viele Gegner wie Bewunderer. Das Wien Museum widmet dem Architekten zu seinem 100. Todestag eine große Ausstellung.

Von Jonas Vogt

Die Kirche am Steinhof im 14. Wiener Gemeindebezirk gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke des Jugendstils. Heute wird sie von zahlreichen an Architektur interessierten Touristen besucht. Erzherzog Franz Ferdinand, der die Kirche am 8. Oktober 1907 eröffnete, war allerdings weniger begeistert. Er soll, so erzählt man es sich, zum Architekten Otto Wagner gesagt haben, die theresianische Bauweise sei doch immer noch die schönste. Wagner antwortete ihm: Zu Zeiten Maria Theresias seien auch die Kanonen verziert gewesen, heute wären sie aber effektiver. Ein Affront. Der Erzherzog verzieh Wagner diese Episode nie, der Architekt erhielt danach keine Aufträge mehr aus dem Kaiserhaus.
Otto Wagner gilt als einer der wichtigsten Architekten der Moderne und prägte maßgeblich das Bild des imperialen Wiens, wie wir es heute kennen. Das Wien Museum widmet Otto Wagner zu seinem 100. Todestag eine große Schau, die bis zum 7. Oktober läuft.
Der Jahrhundertarchitekt, der das Gesicht seiner Stadt so sehr prägen sollte, wird 1841 in Penzing – damals noch nicht Wien – in eine Übergangszeit hineingeboren. Wagner startet in einer Stadt, die noch von einer Mauer umgeben ist und stirbt in einer modernen Metropole. Viele der Schritte dorthin hat er selbst mitgeplant. Diese Phase des Übergangs spiegelt sich auch in seinem Werk wider. Es ist voller Veränderungen und Brüche. Der junge Wagner startet im Historismus. Seine frühen Bauten wie die Wagner-Villa I und zahlreiche Wohnbauten zitierten frühere Baustile, Wagner selbst nannte das „freie Renaissance“. Später überwindet er den Historismus, tritt – wohl eher auf Druck seiner jungen Künstlerkollegen – der Secession bei. Und spätestens mit dem Bau der Postsparkasse im 1. Wiener Gemeindebezirk, einem der berühmtesten Gebäude Wagners, kommt der Architekt in der Moderne an.

Perspektivische Ansicht der Kirche St.Leopold
am Steinhof, 1902/03 (c) Wien Museum

Ornament mit Zweck
Wagner hatte erkannt, dass die auf die Vergangenheit fixierte Architektur des Historismus in Widerspruch zur gesellschaftlichen Dynamik seiner Zeit stand. Seine Antwort darauf war eine rationale Zukunftsarchitektur, die Zweck, Material und Konstruktion vereinen sollte. „Wagner ist vielleicht der größte Optimist der Moderne“, sagt Matti Bunzl, Direktor des Wien Museums. „Er wollte nicht nur die Realität funktional machen, sondern hat sie als Chance gesehen.“
Otto Wagner und seine Gebäude sind in Wien allgegenwärtig. Wagner war Universalarchitekt. Er entwarf Monumentalbauten, Denkmäler und Wohnhäuser. Er plante riesige Projekte wie die Stadtbahn, die Wien bis heute prägt, und bekannte Gebäude wie die Postsparkasse. Er besaß Zinshäuser, war Spekulant, Ästhet und Architekturtheoretiker. Für Wagner musste jeder Schmuck, jedes Ornament konstruktiv, funktional und inhaltlich begründet sein. Wagners Werk umfasst viele Gebäude, die gebaut wurden, und – für die Architektur nicht ungewöhnlich – auch sehr viele Projekte, die nie realisiert wurden. Wie der Generalplan für den Karlsplatz oder das Technische Museum. So ist die Ausstellung und das Lebenswerk Wagners sehr viel Wien, aber eben auch ein bisschen ein Wien, das es so nie gab. Wagner verzweifelte an der Provinzialität seiner Heimatstadt, die so oft seinen radikalen Entwürfen nicht folgen wollte. Sein Zeitgenosse Adolf Loos sagte einmal, er hätte so ein Leben voller Enttäuschungen nicht leben können.

Von XL bis XS
Die Ausstellung ist die erste Wagner-Ausstellung seit 50 Jahren im Wien Museum. Sie ist chronologisch organisiert, auch um die zahlreichen Brüche in Wagners Werk deutlich zu machen. Der Hauptteil sind Zeichnungen und Modelle von realisierten und unrealisierten Projekten. Viel Raum wird dem Teil von Wagners Werk eingeräumt, der meist nicht so im Vordergrund der Aufmerksamkeit steht. Zum einen die großen, monumentalen Stadtpläne. Und zum anderen die kleinen, leicht zu übersehenden Produktdesigns. Silberware oder Möbel zum Beispiel. Für Wagner war kein Gegenstand bedeutungslos genug, um nicht Gegenstand von Überlegungen und Design zu werden. Die Kirche am Steinhof, die der Erzherzog so scheußlich fand, ist heute der letzte Bau, an dem man ausführlich studieren kann, wie wichtig dem Architekten jedes Detail war.
Auch Teil der Ausstellung ist ein Sessel, den Wagner dem Bürgermeister Lueger zum 60. Geburtstag baute. Wagner hatte schon vor seinem Tod organisiert, dass ein großer Teil seines Nachlasses  in die Sammlung des Wien Museums übergehen sollte, so dass die Kuratoren auf eine außergewöhnlich große Auswahl an Objekten zurückgreifen konnten.

Schöne Maschine
Wagner war selbstbewusst, spaltete die Öffentlichkeit in Bewunderer und Gegner. Er war ein Welt- und Großstadtarchitekt, ein Stadtplaner und Visionär. Er entwarf Generalpläne für den 22. Bezirk und den Wiener Generalregulierungsplan. Auch die Stadtbahn als Megaprojekt schlägt in diese Kerbe. Der Architekt hatte eine genaue Vorstellung davon, wie eine moderne Stadt zu sein hatte. Dabei blendete er manche Entwicklungen bewusst aus. „Wagner sah die Stadt als schöne Maschine für Bürger“, sagt Eva-Maria Orosz, Kuratorin der Ausstellung. „An der Wohnbaufrage und ihrer sozialen Komponente war er nicht interessiert.“ Allerdings stellte er als Professor an der Akademie der Bildenden Künste letztlich doch einige Weichen in den Fragen, für die er sich nicht interessierte: Seine Schüler waren später maßgeblich an der Planung und Errichtung des „Roten Wiens“ beteiligt.
Wagner starb 1918 in einem Haus, das er selbst entworfen hatte, und wurde auf dem Hietzinger Friedhof in einer Gruft bestattet, die ebenfalls nach seinen Plänen entstanden war. Nach dem Krieg geriet der Architekt schnell in Vergessenheit. Otto Wagner baute für ein Weltreich, dem 1918 die Grundlage entzogen wurde. Einige Stationen der Stadtbahn wurden im Zuge des U-Bahn-Baus abgetragen, Anfang der 80er-Jahre gab es sogar den Plan, die monumentale „Brücke über die Zeile“ abzureißen. Proteste verhinderten das. Heute gilt Otto Wagner wieder als das, was er ist: ein großer Sohn der Stadt, für deren Gesicht er selbst mitverantwortlich ist.