Der Tod und das Mädchen

Der Tod und das Mädchen

Klimt gibt und gibt. Selbst hundert Jahre nach seinem Tod taucht Material auf, das noch nie gezeigt wurde. Eine Gegenüberstellung veredelt die Schau im Leopold Museum.

Von Stefan Niederwieser

Die Braut (1917/18, unvollendet) (c) Leopold Museum; Klimt Foundation (2)

Diese Schau hat es in sich, obwohl sie nicht sehr groß ist. Kurz nach Eröffnung wurde sie sogar ein wenig kleiner. Das Bild „Apfelbaum II“ wurde zurückgezogen. Es galt bis dahin als unauffindbar – bis es plötzlich im Leopold Museum hing. Ein Beirat hatte letztes Jahr nach langen Recherchen festgestellt, dass es vor etwa 15 Jahren falsch restituiert wurde. Denn von dem Apfelbaum gibt es mehrere Versionen. Eine Version, die heute im Musée d’Orsay in Paris hängt. Und eine Version, die jetzt kurz in Wien zu sehen war. Sie wurde vor Jahren von der Republik Österreich den falschen Erben übergeben. Diese hatten sich damals zwar verpflichtet, es wieder auszuhändigen, sollte sich das so herausstellen, waren seither aber nicht zu erreichen. Immerhin ist das Bild wieder aufgetaucht, nur leider ist es in Wien nicht mehr zu sehen.
Gustav Klimt blieb zu Lebzeiten selbst nicht von Eklats verschont. Seine Fakultätsbilder waren heftig umstritten. Eine Petition wurde von vielen Professoren der Uni Wien unterzeichnet, selbst der bekannte Kritiker Karl Kraus schrieb, dass Klimt „zweimal schon des Gedankens Blässe mit den leuchtenden Farben übertüncht” hatte. Immer wieder sollten die Bilder geändert werden. Das Problem war weniger der Malstil, sondern die Art, mit der Klimt die Wissenschaften darstellte – irrational, emotional und beinahe archaisch. In dem Bild der Medizin deutete nichts darauf hin, dass wichtige, gelehrte Männer dem Tod ein wenig Zeit abringen. Stattdessen wirken die Menschen von ihren Träumen und ihrem Unterbewussten besessen. Nach zehnjährigem Streit legte Klimt sein Honorar zurück, er wollte sich seiner Kunst widmen und nahm keine staatlichen Aufträge mehr an. Alle Fakultätsbilder verbrannten einen Tag vor Ende des Zweiten Weltkriegs in ihrem Depot im niederösterreichischen Schloss Immendorf – wobei kürzlich starke Zweifel angemeldet wurden, die Bilder könnten auch geplündert worden sein. In Leopold Museum sind jetzt zahlreiche Skizzen dieser prachtvollen Bilder ausgestellt, Briefwechsel und deckenhohe Schwarz-Weiß-Nachbildungen.

Tod und Leben (1910/11, umgearbeitet 1915/16)

Gustav Klimt ist nicht nur der teuerste österreichische Künstler und einer der bedeutendsten, seine Motive sind nicht nur zu tausenden auf Ramsch abgebildet, den Touristen in Wien, in Bratislava und Salzburg kaufen können, in ihm spiegelt sich auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dass Gustav Klimt kein besonderer Anhänger von Sigmund Freud gewesen sein und über ihn gewitzelt haben soll, verwundert fast ein wenig. Das Unterbewusste scheint auf vielen Bildern von Klimt ganz präsent, Figuren haben ihre Augen geschlossen, als würden sie träumen, oder sie starren dem Betrachter ins Innere. Selbst seine Landschaften sind menschenleer, der Bildraum wird oft vom Wasser dominiert, von abstrakten Flächen und einem traumhaften Farbenspiel. Klimt geht seinen eigenen Weg, er will die Natur nicht so abbilden, wie sie auf den Betrachter wirkt, in all ihrer Flüchtigkeit wie das die Impressionisten machten. Er arbeitet stattdessen Ornamente und Strukturen aus der Natur heraus. In seinen frühesten Bildern ist das noch anders. Das „Mädchen im Grünen“ steht vor schillernden Blättern, die mit schnellen Strichen ausgeführt sind. Das Bild verbleibt als Dauerleihgabe auch nach der Ausstellung im Leopold Museum.
Hundert Jahre nach seinem Tod ist Gustav Klimt noch immer nicht aufgearbeitet, noch immer gibt es Neues zu entdecken. Sind etwa die beiden Freundinnen, die er im Sommer 1907 am Attersee gemalt hat, vielleicht die Schwestern Wiesenthal und deutet das Schachbrettmuster auf das Kabarett Fledermaus in Wien hin? Wie viele Menschen kennen den Entwurf, den Klimt für das Gebäude der Secession angefertigt hat, ganz ohne goldene Kuppel, aber mit einem Tympanon wie bei einem antiken Tempel? Oder das unzensierte Plakat zur ersten Secessionsausstellung? Und haben sie schon Klimts einziges Landschaftsbild gesehen, auf dem Wien abgebildet ist, noch dazu mit einigen wenigen menschlichen Gestalten? Neben diesen Bildern und neuen Dauerleihgaben sind auch zahlreiche Archivalien zu sehen.
Das Highlight aber ist die unvollendete „Braut“, die hier gegenüber von „Tod und Leben“ hängt. Beide Bilder sind großformatig und ganz ähnlich komponiert. Figurengruppen türmen sich auf, zwischen den Ornamenten lugen Gesichter hervor. Die linke und rechte Bildhälfte stehen in starker Opposition, das eine Mal vereint die Braut allerdings beide Aspekte und schließt die Kluft zwischen ihnen. In einer gleichnamigen Novelle von Arthur Schnitzler lernt ein Mann auf einem Ball eine Frau in einem dunkelblauen Kleid kennen, die sich trotz ihrer geachteten Familie in ihrer frühreifen Mädchenzeit sich „jedem hinschleudern wollte, der ihr gefiel“. Sie gesteht es ihm, da erkennt er mit einem Mal ein ewiges Prinzip. Das könnte die offene Scham erklären, die nur halb von einem prächtigen Rock bedeckt ist, und die rätselhafte Figur links der Braut. Einige Skizzen zeigen, dass Klimt sich da gerade mit dem 28 Jahre jüngeren Egon Schiele auseinandergesetzt hat, mit seinen expressiven Körpern und kantigen Linien. Klimt treibt dieser Zyklus des Lebens um, ab 1915 sterben viele seiner Gefährten, er wird mit über 50 Jahren noch drei Mal Vater, ehe er vor Kriegsende an den Folgen eines Schlaganfalls stirbt.

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