„Die Crux liegt im Detail“

„Die Crux liegt im Detail“

Eine aktuelle Studie untersucht Potenziale der Blockchain-Technologie für den Handel. Der Einsatz sollte gut überlegt sein.

(c) Fotolia.de/Denys Rudyi

Das Thema Blockchain scheint in aller Munde zu sein. Kaum ein Tag vergeht ohne Berichterstattung über die Kursentwicklung so mancher Kryptowährung. Dennoch hat gerade einmal ein Viertel der Österreicher von der Blockchain-Technologie gehört, wie eine aktuelle Kurzumfrage des Handelsverbandes ergibt. Die Mehrheit dieser Blockchain-Kenner (67,2 Prozent) verbinden die Technologie mit Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether oder Ripple. Andere Einsatzmöglichkeiten sind noch eher unbekannt. Rund 22 Prozent können sich vorstellen, dass Eigentums- oder Urheberrechtsrechte damit verwaltet werden. Etwa 25 Prozent hält einen Bürokratieabbau und mehr behördliche Transparenz für möglich. 27 Prozent erwarten die Verfolgung und Rückverfolgung von Produkten entlang der Lieferkette. Ein Drittel ist sich jedenfalls sicher, dass die Technologie oder etwaige Folgetechnologien die österreichische Wirtschaft in den nächsten zehn Jahren wie das Internet verändern wird. 41 Prozent geben allerdings zu, das Potenzial der Blockchain noch nicht einschätzen zu können, da es ihnen an Wissen über die Funktionsweise und die Vor- und Nachteile fehle.
„Vertrauen ist gut, aber Transparenz ist besser.“ Davon sei der Handelsverband überzeugt, sagt Geschäftsführer Rainer Will. Die Blockchain-Technologie besitzt gewisse Eigenschaften, wie beispielsweise eine unveränderbare Transaktionshistorie, die diesem Motto zugute kommen. Vor diesem Hintergrund hat ein Team des Austrian Institute of Technology (AIT) im Auftrag der Wirtschaftsauskunftei CRIF und des Handelsverbandes untersucht, wie die Technologie im Supply-Chain-Management eingesetzt werden kann.
In einer Lieferkette haben viele Akteure miteinander zu tun, die einander nicht unbedingt vertrauen. Allerdings sind Vertrauen und Transparenz jene Faktoren, die eine effiziente Zusammenarbeit befördern. Hier kommt die Blockchain ins Spiel. Der grundsätzliche Mehrwert der Technologie in der Lieferkette bestehe darin, dass ein unveränderbares Verzeichnis aller Aspekte einer Transaktion geschaffen wird – von der Herkunft des Rohstoffs über die Verarbeitung bis zur Verpackungshistorie. Dieses Verzeichnis könne ein neues Fundament für Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Vertrauen schaffen, erklärt Studienautor Ross King vom AIT.
Ein verteiltes Register oder „Distributed Ledger“ ist eine Technologie, die es einem Netzwerk von Akteuren ermöglicht, ein gemeinsames, vertrauenswürdiges Transaktionsprotokoll zu führen. Dabei hat jeder Netzwerk-Akteur eine vollständige Kopie des Verzeichnisses bei sich. In einer Blockchain werden Transaktionen in Strukturen (Blöcke) gesammelt und gemeinsam validiert. Für jeden Block wird ein sogenannter Hashwert berechnet, der zur eindeutigen Identifikation dient und eine Manipulation verhindert. Jeder Block enthält eine Referenz auf den vorhergehenden Block. Dadurch baut sich eine Kette auf, veranschaulicht King die Grundzüge der Technologie.
Durch asymmetrische Verschlüsselung erhält nur der richtige Empfänger die Transaktion, der Initiator dieser Transaktion kann sie nicht leugnen, eine sogenannte Nichtabstreitbarkeit von Transaktionen. Als Tragboden der dezentralen Blockchain-Architektur dienen Peer-to-Peer-Netzwerke, die den Zustand der Blockchain zwischen den Teilnehmern synchronisieren.

Bio-Shrimps
Ein Anwendungsbeispiel: Ein indischer Shrimp-Produzent möchte am wachsenden und lukrativen österreichischen Bio-Markt mitverdienen. Die entsprechende Bio-Zertifizierung erfordert eine umfangreiche Dokumentation aller Schritte entlang der Lieferkette. Dafür würde sich eine Blockchain-Lösung anbieten. Jeder der Schritte muss natürlich digital und verschlüsselt in die Blockchain geschrieben werden. „Die Crux liegt im Detail. Natürlich kann die Blockchain das Supply-Chain-Management oder auch die Kreditwürdigkeitsbewertung verbessern. Das zentrale Problem ist jedoch die Schnittstelle zwischen der physischen und der digitalen Welt“, sagt Massimo Gentilini, Blockchain-Experte bei CRIF. So muss jeder Vorgang von einem Menschen oder einer Maschine außerhalb der Blockchain protokolliert werden, erst dann kann er in der Blockchain unveränderbar und nachvollziehbar festgehalten werden. Wenn man diesen Einheiten außerhalb der Blockchain ohnehin vertrauen kann, dann bräuchte man in vielen Fällen gar keine Blockchain. „Oft würde eine zentrale Datenbanklösung mit gemeinsamen Lese- und Schreibrechten ausreichen. Wenn man umgekehrt den externen Einheiten nicht vertrauen kann, dann kann leider auch die Blockchain das Vertrauensproblem nicht lösen“, so Gentilini.
Im Zuge der Studie wurden mehrere Projekte im Bereich von Supply-Chain-Management untersucht und dabei Szenarien in Entwicklungsländern berücksichtigt. „Die Blockchain-Technologie bietet hier Vorteile für die Einzelhändler, indem die Nachvollziehbarkeit in der Lieferkette verbessert wird. Außerdem hast sie das Potenzial für Entwicklungsländer als Exportmotor zu wirken, indem die Kreditwürdigkeit der Handelspartner möglicherweise gesteigert wird“, heißt es im Studienbericht.
Eine Applikation der Blockchain-Technologie besteht in der potentiellen Automatisierung einzelner Prozessschritte des Wirtschaftsgeschehens. Verantwortlich dafür sind im Vorhinein programmierte „Smart Contracts“: So könnte das Eintreffen eines Produkts an einem bestimmten Ort automatisch weitere Verarbeitungsschritte auslösen. Routineprozesse könnten auf diese Weise selbstständig ablaufen. „Die technologischen Einsatzmöglichkeiten sind vielseitig, der rechtliche Rahmen für Smart Contracts ist jedoch noch nicht geklärt. Daher ist Vorsicht geboten. Entwicklungsländer könnten profitieren, sofern die neue technische Infrastruktur mittelfristig geringere Anforderungen als die vorherrschenden standardisierten Datenbanksysteme erfordert, um beispielsweise alle Bauern und Zwischenhändler einzubeziehen“, so King.
Die in der Studie untersuchten Anwendungsfälle setzen auf „Permissioned Blockchains“, bei diesen können – im Gegensatz etwa zu Bitcoin – bewusst nur bestimmte Akteure teilnehmen, wodurch der Zugang zu den Daten gezielt eingeschränkt werden kann. Das sei laut Studie auch sinnvoll, da in manchen Fällen zu viel Transparenz Mitbewerbern Wettbewerbsvorteile verschaffen könnte. Andere Entwicklungen setzen auf offene Blockchains als „Infrastruktur“, um darauf aufbauend Geschäftsprozesse abzubilden, die anonym durchgeführt werden sollen.
„Jede Entwicklung braucht mutige Pioniere, die auch mal bereit sind, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Obwohl die Blockchain-Technologie noch in den Kinderschuhen steckt, gibt es bereits viele spannende Use Cases und Anwendungen – auch in Österreich. Jetzt ist die Zeit, innovative Pilotprojekte zu starten, um in Zukunft einen Wettbewerbsvorteil zu haben“, appelliert Will. bla

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