Die Konjunktur ist am Gipfel

Die Konjunktur ist am Gipfel

Die globale Wirtschaft läuft so geschmiert wie schon lange nicht mehr. Das Ende der ultralockeren Geldpolitik der EZB kündigt sich an.

Von Christian Lovrinovic

Europas Geldpolitik steht 2018 vor einer Weichenstellung. Immer mehr Signale deuten auf das von vielen erwartete Ende der ultralockeren Geldpolitik, dem Quantitative Easing (QE), der Europäischen Zentralbank. Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek erwartet die Ankündigung des Tapering für die Jahresmitte. Dann wird auch die nächste große Konjunkturprognose für die Eurozone veröffentlicht. Das Ende des expansiven Ankaufsprogramms der EZB und die Ankündigung möglicher Zinsschritte könnten dann im September folgen. Die ersten Zinsschritte der EZB erwartet der Raiffeisen-Experte im ersten Halbjahr 2019. „Wir haben einen synchronen, globalen Wirtschaftsaufschwung. In den DACH-Ländern (Deutschland, Österreich und Schweiz, Anm.) ist der Konjunkturhöhepunkt erreicht. Wir sehen derzeit die höchsten Optimismusraten seit Aufzeichnung der Einkaufsmanagerindices. Selbst Griechenland ist in der Optimismuszone“, betont der Finanzanalyst.

„Noch muss man nicht die Alarmglocken läuten, dass man sich am Aktienmarkt warm anziehen muss.“ – Peter Brezinschek
(c) Raiffeisen/OSS

Die Eurozone befinde sich derzeit „auf einem Wachstumsgipfel“, die Konjunktur werde sich allmählich bis Ende 2020 auf 1,3 Prozent verlangsamen. „Das ist aber keine normale Abschwungphase, denn die 1,3 Prozent sind das jährliche Potenzialwachstum der Eurozone. Wir haben zumindest zwei Jahre mit deutlichem Überpotenzialwachstum“, erklärt Brezinschek. Angesichts dieser starken Konjunktur- und Preisentwicklung seien der EZB die Argumente für das Festhalten an der expansiven Geldpolitik mit dem Ziel, Deflation und Rezession zu verhindern, eigentlich völlig abhanden gekommen. „Obwohl wir einen tollen Konjunkturzyklus haben, korreliert der Zinszyklus damit überhaupt nicht“, weist der Chefanalyst auf die ungewöhnliche Entwicklung hin. Eine Zinsmaßnahme in der Eurozone wäre längst gerechtfertigt, allerdings müsse die EZB zunächst aus der expansiven Geldpolitik herauskommen. Im Gegenzug dazu geht der Prozess der Zinsnormalisierung in den USA weiter. Im Vorjahr gab es drei Zinserhöhungen, für 2018 wurden bis vor kurzem drei weitere Zinsschritte erwartet, nun könnten es vier werden: „Eine Zinsanhebung im März ist zu 90 Prozent eingepreist“, berichtet Brezinschek. Die US-Konjunktur laufe rund, zusätzlichen Rückenwind dürfte die Steuerreform von Präsident Donald Trump vor allem heuer bringen. Die Arbeitslosenrate sei auf unter 4 Prozent gesunken und die Inflation lege zu. Eine derart unterschiedliche Geldpolitik zwischen den USA und Europa sei über längere Zeit „nicht sehr üblich“.  In der Eurozone haben die Negativzinsen die durchschnittlich impliziten Zinsen auf Staatsschulden extrem nach unten gedrückt – auf 2,5 Prozent. „Das ist sensationell niedrig. So zahlt Griechenland bei zweijährigen Anleihen 1,3 Prozent und die USA 2,1 Prozent. Das ist ein Zeichen einer etwas verdrehten Risiko-Ertrags-Relation“, analysiert Brezinschek. Die EZB werde weiter aktiv bleiben und abreifende Anleihen nachkaufen. Daher rechnet der Finanzanalyst nicht damit, dass es zu extremen Anstiegen bei den Zinszahlungen der Staaten kommen werde. Auch weil die Niedrigzinsphase dazu genutzt wurde, die durchschnittliche Laufzeit der Staatsschulden-Profile zu verlängern – im Schnitt um 1 bis 1,5 Jahre. „Das ist viel in dieser kurzen Zeit“, so Brezinschek und führe dazu, dass es zu weniger Abreifungen komme.
Für Rentenanleger bringt das Jahr 2018 keine Entspannung. Trotz prognostizierter leicht steigender Zinsen werde die Realverzinsung für zehnjährige Staatsanleihen auch heuer „klar negativ“ bleiben, ist der Chefanalyst überzeugt. Das gelte auch für Investmentgrade-Anleihen. Bis Jahresende sollte die Rendite für zehnjährige österreichische Bundesanleihen laut der Prognose von Raiffeisen Research von 0,5 auf 1,2 Prozent steigen, während die Inflation von 2,4 auf 2,2 Prozent zurückgehen dürfte.
Auf den Aktienmärkten rechnet Brezinschek 2018 mit einem „ruppigeren“ Verlauf als 2017. Korrekturen von 10 bis 15 Prozent seien durchaus wahrscheinlich und „nicht als Alarmzeichen“ zu sehen. Auch heuer gebe es kaum vergleichbare Alternativen. Beim Rücksetzer der New Yorker Börse um 4,60 Prozent Anfang dieser Woche „von einem Crash zu sprechen“ ist nach Ansicht des Finanzexperten übertrieben, wenn vorher der Börsenindex Dow Jones 40 Prozent nach oben rennt. „Die höchsten Tagesverluste erfolgen in Korrekturphasen, nicht bei Abwärtstrends“, so Brezinschek. Er will lieber vom „Beginn einer volatilen Seitwärtsbewegung“ sprechen. „Noch muss man nicht die Alarmglocken läuten, dass man sich am Aktienmarkt warm anziehen muss.“ Die entscheidende Frage stelle sich am Rentenmarkt, wo er eher eine Crash-Gefahr sehe. „Dort findet eine signifikante Korrektur statt.“ Sollten die zehnjährigen US-Renditen die 3-Prozent-Marke nach oben knacken, müsste man sich auf eine längere Korrekturphase einstellen. „Jetzt kommt die Normalisierung auf der Zinsseite, die Normalisierung auf den Aktienmärkten folgt“, so der Finanzexperte.