Die Verteidigung der Schönheit

Die Verteidigung der Schönheit

Im MAK versuchen Stefan Sagmeister und Jessica Walsh in einem als Ausstellung getarnten Plädoyer, das Schöne wiederzubeleben.

Von Leon Engler

Die pausenlose Verhässlichung unserer Welt ist ein Skandal“, empörten sich Jörg Mauthe und Günther Nenning 1984 in ihrem Schönheitsmanifest. Dieser Satz steht nicht an den Wänden des MAK, dafür einige seiner Verwandten, die aus demselben Text stammen. Sagmeister und Walsh, bekannt als Design-Duo mit Grafikagentur in New York, zitieren die Brandschrift für ihre Ausstellung „Beauty“ und holen die in die Jahre gekommene Klage wieder in die Gegenwart. Im MAK treten sie soeben den Beweis an, dass die Welt seither noch eine Spur hässlicher geworden ist.

In einer Kooperation mit dem MAK erklärt der Youtube-Kanal Kurzgesagt die Hintergründe dessen, was wir als schön empfinden. Symmetrie in Lebewesen deutet auf eine gesunde DNA hin, schon Steinkeile wurden symmetrisch behauen.

Mit dem Ausspruch „Form follows function“ des Architekten Louis Sullivan habe sich die Architektur der zweckmäßigen Gestaltung gebeugt und die Gebäude mit „psychotischer Gleichförmigkeit“ vereinheitlicht. Dass Sullivan eigentlich das Gegenteil im Sinn hatte, zeigt die üppige Ornamentierung seiner eigenen Entwürfe. Erst Adolf Loos machte aus einem Ornament ein Verbrechen. „Gleichheit war nun international und beabsichtigt“, so das Lamento, obwohl Schönheit ein „zentraler Bestandteil des Menschseins“ sei. Im MAK messen sich Beispiele origineller Baukunst vom alten Münchner Zinshaus bis zur südafrikanischen Rondavel mit modernen Wohnblocks aus der Retorte. Mittlerweile lebe und arbeite man allerorts in der gleichen, schmucklosen Schachtel. Kein Reisender könne anhand des Baustils eines Flughafens feststellen, ob er sich gerade in Zürich oder am anderen Ende der Erde befinde. Nach den hässlichen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs wurde der Schönheit misstraut, woraufhin sie beinah vollständig aus dem Kriterienkatalog des guten Gestaltens verschwand. Soweit die Bestandsanalyse.

(c) Youtube: Kurzgesagt (2)

Mit einer Zusammenstellung aus Videoprojektionen, interaktiven Installationen und Beispielen gelungenen Designs führen Sagmeister und Walsh vor Augen, dass das Schöne durchaus funktional und das Funktionale schön sein kann; Form und Ästhetik gehen im besten Fall eine Symbiose ein.
Die Ausstellung öffnet ein weites Feld: von Platons Philosophie des Schönen über Strategien zur Verschönerung unserer Umwelt hin zur empirischen Ästhetik – es ist ein überambitionierter Tanz auf allen Hochzeiten der Ästhetik.
Trotzdem weckt der Streifzug die Lust am Schönen, nicht zuletzt weil gute Gestaltung die Dopaminproduktion und somit Glücksgefühle ankurbelt; eine hässliche Häuserfront löst übrigens das Gegenteil aus. Und dass Schönheit eben nicht im Auge des Betrachters liegt, sondern im genetischen Code unserer Spezies, unterstreichen Sagmeister und Walsh immer wieder: Schon unsere Vorfahren behauten die Keile ihrer Steinäxte symmetrisch, obwohl diese Form nicht funktionaler war. Und seit jeher empfindet der Mensch symmetrische Gesichter als anziehender, weil sie auf intakte DNA hindeuten. Auch die Forschung bestätigt, dass unser Schönheitsempfinden nicht auf Willkür beruht.
Ein sattelfester Ästhet mag die Ausstellung als weniger beglückend empfinden, kratzt sie doch manchmal nur an der Oberfläche, doch jeder einsilbige Neubau und jedes windschiefe Großbauprojekt zeigen, dass diese Verfechtung des Schönen längst überfällig war.

„Sagmeister & Walsh – Beauty“ bis 31. März im MAK Wien

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