Die „Wurschtigkeit“ des Siegens

Die „Wurschtigkeit“ des Siegens

Marcel Hirscher fährt als Top-Favorit zur Ski- WM nach Åre. Auch wenn er beteuert, dass ihm das Skifahren von Jahr zu Jahr „mehr wurscht“ ist, geht der beste Fahrer der Gegenwart mit einer großen Portion Ehrgeiz in die Titelkämpfe.

Von Markus Geisler

Die Blockhütte im Zentrum von Kitzbühel platzte aus allen Nähten. Drinnen stritten Fotografen und Kameraleute um die besten Plätze, draußen warteten Dutzende Fans, um einen Blick auf ihre Idole zu erhaschen. Kein Wunder, machte beim traditionellen Raiffeisen-Sportlertreff einen Tag vor dem Spektakel von Kitzbühel mit Marcel Hirscher und Max Franz (der sich tags darauf schwer verletzen sollte) die absolute Créme de la Créme des Skisports die Aufwartung. „Wir sind froh und stolz, ein so prominentes Podium präsentieren zu können“, meinte Gastgeber Leodegar Pruschak, Head of Group Marketing bei der Zentralen Raiffeisenwerbung (ZRW), im Blitzlichtgewitter. „Wir achten bei der Auswahl unserer Athleten nicht nur auf sportliche Kriterien, sondern auch darauf, dass sie Typen mit Profil sind, die auch Ecken und Kanten haben.“

Max Franz, Leodegar Pruschak und Marcel Hirscher

Großer Medienandrang beim traditionellen Sportlertreff in Kitzbühel mit Max Franz, Leodegar Pruschak (ZRW) und Marcel Hirscher. (c) Gepa/Raiffeisen

Typen wie Marcel Hirscher. Der 29-Jährige hat in seiner Karriere alles gewonnen, ist Weltmeister, Olympiasieger und hat in den vergangenen sieben Jahren immer den Gesamtweltcup geholt. Und auch in dieser Saison stehen bereits neun Siege zu Buche, eine Bilanz, die den Technik-Spezialisten zum Top-Favoriten für die alpinen Weltmeisterschaften in Åre macht. „Dass es heuer so läuft, ist gewaltig. Jetzt heißt es Formkurve weiter ziehen und die Vorbereitung nutzen, um 100 Prozent gestählt in die WM-Rennen zu gehen.“ An den Stress mit Medien, vielen Rennen und Fans, den der Superstar-Status mit sich bringt, hat er sich mittlerweile gewöhnt. „Die Erfahrung hilft dabei gewaltig, es wird jedes Jahr leichter. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich mit 20 Jahren als Landei meine ersten Pressekonferenzen gegeben habe – dieser Sprung ist gewaltig.“

Was dem Reifeprozess kürzlich einen ganz entscheidenden Schub gegeben hat, ist die Rolle des Vaters, die Hirscher seit Oktober des vergangenen Jahres ausfüllt. Galt der Salzburger immer als verbissener Perfektionist, dem Siege über alles gingen, haben sich die Prioritäten verschoben. „Ganz ehrlich: Skifahren wird mir mehr und mehr wurscht, es ist für mich nicht mehr das Wichtigste, die blauen und roten Stangen so schnell wie möglich zu umfahren.“ Gelassenheit, die erstaunlicherweise nicht auf Kosten des Ehrgeizes geht, wie 1116 Weltcup-Punkte (das sind 445 mehr als der erste Verfolger Henrik Kristoffersen – Stand: 29. Jänner 2019) zeigen. Das wird auch deutlich, wenn man sich die Renn-Analysen des Annabergers zu Gemüte führt. Als er in den letzten Weltcup-Bewerben für seine Verhältnisse etwas schwächelte und beispielsweise in Wengen „nur“ Dritter wurde, sparte er nicht mit Selbstkritik. „Das war Schadensbegrenzung. Der zweite Durchgang war genial. Aber im ersten bin ich schlecht gefahren und habe einfach keine Leistung gebracht.“

Beachtliche Konstanz

Selbstgeißelung auf höchstem Niveau, die ihm von manchen als Koketterie ausgelegt wurde und Kritik einbrachte. Schließlich wäre jeder andere Fahrer im Weltcup-Zirkus froh, solche Ergebnisse einzufahren, wie es Hirscher mit beachtlicher Konstanz gelingt. Hirscher erklärt: „Es geht mir bei meinen kritischen Analysen nicht um Platzierungen, sondern darum, dass ich nicht umsetzen kann, was ich von mir selbst erwarte. Zu einem guten Rennen gehören eben zwei Durchgänge.“

In der Tat fällt auf, dass der fünffache österreichische Sportler des Jahres oft im zweiten Lauf noch offensiver, noch spektakulärer und oft auch noch schneller den Hang hinuntercarvt. Taktik? Oder ein unerklärliches Phänomen? Hirscher lässt sich nicht in die Karten blicken. „Das Thema begleitet mich schon lange. Manchmal braucht man den ersten Lauf zur Orientierung und kann die Erkenntnisse in den zweiten Durchgang mitnehmen. Wenn es im Gesamtergebnis trotzdem passt, soll es mir recht sein.“

Das ist definitiv der Fall, wobei die Konkurrenz im Rückspiegel immer größer wird. Zwar zerschellte Dauer-Konkurrent Henrik Kristoffersen in dieser Saison stets am Versuch, auf einem höheren Siegerpodest zu stehen als Hirscher. Doch die „jungen Wilden“, wie Hirscher sie nennt, haben schon mit Top-Leistungen aufgezeigt. Und zwar die aus dem eigenen Lager wie Marco Schwarz, aber auch der Franzose Clément Noel, der mit seinen 21 Jahren den etablierten Fahrern zuletzt in Wengen und Kitzbühel die Show stahl. „Die fahren eine brutal enge Linie, sparen sich bei jedem Rennen dadurch ein paar Meter. Das schaue ich mir genau an und muss nachziehen“, erklärt Hirscher, der um seinen Platz an der Sonne trotzdem nicht so schnell fürchten muss. Weder sportlich noch was die Popularitätswerte betrifft, wie eine aktuelle Studie von Best2Trust vom Herbst 2018 zeigt. Laut dieser gehört er als Raiffeisen-Testimonial in den vier abgefragten Kategorien Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Nähe und Advocacy zu den vertrauenswürdigsten und sympathischsten Werbeträgern, was auch Leodegar Pruschak sehr zu schätzen weiß.

Max Franz verletzt

Das würde sich durch einen WM-Erfolg in Åre weiter manifestieren. Einen solchen hatte auch Speed-Spezialist Max Franz im Blick, der zu Saisonbeginn mit zwei Weltcup-Siegen in Lake Louise (Abfahrt) und Beaver Creek (Super-G) für Furore sorgte. Doch ausgerechnet beim Weltcup-Höhepunkt in Kitzbühel musste er vorzeitig mit einem Fersenbeinbruch abschwingen und für die Titelkämpfe in Schweden absagen. „Das war leider nicht mein Tag“, meinte der Kärntner, der frühestens in fünf Wochen wieder ins Renngeschehen eingreifen kann. Also müssen andere Österreicher in den Geschwindigkeits-Disziplinen in die Bresche springen. Vincent Kriechmayr beispielsweise, Matthias Mayer oder Otmar Striedinger, der beim Hahnenkamm-Rennen nach langer Durststrecke sensationell den dritten Platz belegte.

Doch keiner von ihnen ist in einer derart exponierten Favoritenrolle wie Marcel Hirscher, der am vergangenen Wochenende in Kitzbühel seiner Linie treu blieb und einem mittelprächtigen ersten Durchgang einen Husarenritt im zweiten folgen ließ, der ihm Gesamtrang zwei einbrachte. „Das Gute ist, dass ich wieder auf dem Podium sein darf. Insgesamt haben wir ein Rennen gehabt, an das ich mich lange erinnern werde“, meinte der Salzburger. Wie lange er sich das Leben als Rennfahrer noch antut, lässt er dagegen nach wie vor offen. Seit Monaten wird spekuliert, ob diese seine letzte Saison sein könnte, Hirscher selbst befeuert die Diskussion mit uneindeutigen Aussagen. Ob das Abschneiden bei der WM in Åre dabei eine Rolle spielt? Als amtierender Weltmeister und designierter Gesamtweltcup-Sieger abzutreten hätte womöglich einen gewissen Charme. „Wenn wir Glück haben, sehen wir uns nächstes Jahr noch. Aber dann sollte Schluss sein. Oder nicht?“, meinte er Anfang Jänner nach seinem Sieg in Zagreb. Fakt ist: Der Vertrag mit Raiffeisen wurde vor der Saison bis 2020 verlängert, „ob mit oder ohne Skischuhe“, wie Hirscher erklärte. Es darf also weiter spekuliert werden.

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