„Die Zuckerwelt hat sich verändert“

„Die Zuckerwelt hat sich verändert“

Agrana-CEO Johann Marihart zieht positive Quartalsbilanz und skizziert, wie der Konzern in den Segmenten Zucker, Stärke und Frucht das Beste herausholt.

Interview: Elisabeth Hell

(c) RZ/Sabine Klimpt

Nach drei Quartalen ist das Konzernergebnis mit 127,6 Millionen Euro um fast 25 Prozent höher als im Vergleichszeitraum des vorigen Geschäftsjahres. Wie beurteilen Sie dieses Ergebnis?
Johann Marihart: Nachdem wir bereits nach neun Monaten das Vorjahresergebnis erreicht haben, bin ich natürlich zufrieden. Wir erwarten, dass wir am Ende des Geschäftsjahres deutlich über dem Vorjahr liegen werden, selbst wenn das dritte Quartal zeigt, dass sich die Zuckerwelt nach dem Quotenende verändert hat.

Die Ebit-Marge ist im laufenden Geschäftsjahr von 7,0 auf 8,5 Prozent gestiegen. Wie ist das gelungen?
Marihart: Zu verdanken ist es letztlich allen drei Segmenten. Wir haben ein absolutes Rekordergebnis bei Frucht und Stärke. Beim Zucker hatten wir schon bessere Jahre, aber im Vergleich zum vorigen Jahr ist es ebenfalls ein gutes Ergebnis.

Sieht man sich nur das dritte Quartal an, hat sich das Ergebnis der Betriebstätigkeit verringert. Warum?
Marihart: Das erste Halbjahr war einfach exzellent. Das Ebit des dritten Quartals lag dann rund 6 Millionen Euro unter dem Vergleichsquartal des Vorjahres. Hier schlagen sich vor allem die Zuckerpreise nieder, aber auch der Alkoholpreis – der im ersten Halbjahr ein sehr hoher war – ist mittlerweile auf 480 Euro pro Kubikmeter runtergegangen.

Wie schnell kann die Agrana auf solche veränderten Marktgegebenheiten reagieren?
Marihart: Die Zuckerpreise kamen nicht überraschend, denn bereits im Frühjahr haben die westeuropäischen Hauptproduktionsländer – Deutschland, Frankreich, Niederlande und Belgien – rund 15 Prozent mehr Fläche bebaut, um die Kampagnenlängen von unter 100 auf 120 bis 130 Tage zu verlängern. Aus dem war schon absehbar, dass es mehr Zucker geben wird. Etwas überraschend kam dann die sehr gute Ernte dazu. In Westeuropa hat man gemessen an den Rübentonnen pro Hektar eine absolute Rekordernte erzielt, damit ist die Zuckerproduktion in Europa um insgesamt mehr als 20 Prozent gestiegen.

Wie hat sich die Zuckerproduktion bei der Agrana entwickelt?
Marihart: Bei uns ist sie trockenheitsbedingt schwächer, aber weniger schwach als ursprünglich befürchtet. Am Ende haben wir eine Durchschnittsmenge bei den Rüben, allerdings mit großen regionalen Unterschieden. In den Trockengebieten in Ostösterreich gab es sehr schlechte Ernten, in Oberösterreich Rekordernten. Nach 120 Tagen Verarbeitungszeit wurde die Rübenverarbeitung in Österreich in der Vorwoche erfolgreich abgeschlossen. In den fünf weiteren Zuckerstandorten in Ungarn, Tschechien, der Slowakei und Rumänien läuft die Kampagne bis Ende Jänner und damit bis zu 143 Tage. Insgesamt liegt die Produktionsmenge bei rund 950.000 Tonnen Zucker oder 5 Prozent unter der Vorjahresmenge von einer Million Tonnen.

Peilt die Agrana nach dem Quotenende mehr Zuckerproduktion an?
Marihart: Mehr wird schwierig sein, weil das Preisniveau am Markt gesunken ist und davon auch die Rübenpreise betroffen sind. Wir werden – abhängig von der bezirksmäßigen Niederschlagsmenge – ungefähr bei der Hälfte der Fläche eine Dürreentschädigung zahlen. Unser Ziel ist, die Fläche zu halten.

Sie planen seit Mitte 2016, die serbische Zuckerfirma Sunoko zu übernehmen. Wie ist der aktuelle Stand?
Marihart: Wir kommen dem Ziel näher. Der Kaufvertrag wird derzeit intensiv verhandelt, der dann bei der Europäischen Kommission eingereicht werden muss, dort rechnen wir sehr rasch mit einem grünen Licht. Wir hoffen, dass wir im Herbst 2018 die Übernahme durchhaben.

Wohin werden sich die Zuckerpreise generell bewegen?
Marihart: Das europäische Price Reporting weist für Oktober 420 Euro aus, im Monat davor waren es noch 485 Euro. Mit der neuen Ernte und den neuen Verträgen kam der Preisruck nach unten. Das aktuelle Preisniveau wird nochmals leicht sinken und dann bis Oktober 2018 halten; was dann passiert ist offen. Einerseits erwarte ich, dass die Anbauflächen für Rüben in etwa gleich bleiben. Andererseits wird man nicht jedes Jahr mit einer Rekordernte rechnen können. Im Wesentlichen ist es aber der Weltmarktpreis, der die Situation ab Oktober bestimmen wird und der hängt auch vom Ölpreis ab. Ein höherer Erdölpreis fördert die Alkoholbeimischung in Brasilien, das geht zulasten des Zuckers, der Export wird geringer und die Weltmarktpreise steigen. Die Zuckerpreise werden auch in Zukunft gewaltig schwanken.

Verändert sich auch der Zuckerkonsum?
Marihart: Es ist ein Trend zu kalorienärmeren Produkten da. Der Marktanteil künstlicher Süßstoffe stagniert. Dem Zucker attestiert man schon, dass er natürlich und gesund ist, aber er ist halt kalorienmäßig ein Thema. Jetzt gehen größere Lebensmittelkonzerne wie Pepsi oder Cola dahin, dass sie in den nächsten drei, vier Jahren den Zuckergehalt der Getränke um 10 Prozent reduzieren. Insgesamt wächst der Weltmarktverbrauch für Zucker aber mit der Weltbevölkerung um bis zu zwei Millionen Tonnen pro Jahr.

Welchen Anteil am Gesamtgewinn trägt das Segment Stärke?
Marihart: Der Ebit-Anteil hat sich auf 41 Prozent erhöht. Die Stärke hat ihr Rekordergebnis noch einmal verbessert. Die Ebit-Marge liegt bei über 10 Prozent.

Im Stärke-Bereich sind derzeit auch mehrere Investitionen geplant.
Marihart: Im kommenden Geschäftsjahr werden wir unsere Investitionen von 140 Millionen Euro nochmals erhöhen. Davon fließt zirka die Hälfte in die Stärke. In Pischelsdorf investieren wir bis Ende 2019 in Summe 92 Millionen Euro für die Verdoppelung der Weizenstärkeanlage. Mit einer Kapazität von über einer Million Tonnen Getreideverarbeitungsmenge sind wir dann sehr wettbewerbsfähig. Die zweite große Investition ist die Erweiterung der Kartoffelstärke-
fabrik in Gmünd. Wir werden dort statt 1.600 Tonnen Kartoffeln pro Tag dann 2.000 Tonnen verarbeiten. Was nach der Stärkegewinnung von der Kartoffel übrig bleibt, die sogenannte Pülpe, wird in Zukunft auch getrocknet und im Lebensmittelbereich verkauft. Damit kann man Lebensmittel mit mehr Wasserbindung versehen, das heißt den Kaloriengehalt reduzieren.

Mitte Dezember kam es im Werk in Aschach zu einem Unfall. Wie läuft der Betrieb derzeit?
Marihart: Wir hatten zu dem Zeitpunkt einen geplanten Instandhaltungsstopp. Von den 40 Personen, die über Atemwegsreizung geklagt haben, sind am Nachmittag bis auf zwei alle wieder bei der Arbeit gewesen. Zwei waren über Nacht im Krankenhaus und sind dann nach Hause entlassen worden. Die gesamte Rettungskette hat gut funktioniert. Wir haben aber daraus gelernt, dass man noch besser absichern muss, damit Verwechslungen bei den Anschlüssen und Leitungen nicht passieren können.

Was gibt es Neues im Fruchtbereich?
Marihart: Im Segment Frucht erfolgte im Oktober der Spatenstich für unser neues, zweites Fruchtzubereitungswerk in China. Am Standort in Indien wird nach der Mangopüreeproduktion in Kürze auch mit der Erzeugung von Fruchtzubereitungen begonnen.

Gibt es Trends im Fruchtgeschmack?
Marihart: Der Geschmack ist relativ stabil. Erdbeere ist weltweit nach wie vor der stärkste Treiber. Wir suchen daher weltweit laufend nach neuen Erdbeeranbaugebieten – von Chile, Mexiko, über Marokko bis nach Polen und China. Erdbeeren sind das Hauptthema vor Mango, deren Geschmack wird ebenso von den meisten Menschen akzeptiert.

Was ist dran an der Geschichte, dass Erdbeerjoghurt aus Sägespänen besteht?
Marihart: Natürlich nichts. Aus einem Holzbestandteil, dem Lignin, kann man künstliche Aromen gewinnen, das hat man früher getan. Unsere Fruchtzubereitungen enthalten Frucht, wenn es der Kunde wünscht nur Frucht oder wenn aromatisiert, dann nur mit natürlichen Aromen.