Diskussion auf Augenhöhe

Diskussion auf Augenhöhe

Raiffeisenbanken sind in Bewegung. Spitzenfunktionäre rüsten sich für die Veränderungen und zukünftigen Herausforderungen.

Von Elisabeth Hell

Die Rechtsform der Genossenschaft ist aus der Not entstanden und hat sich gerade in den schwierigen Jahren nach Lehman Bro-thers wieder als „stabiler Anker“ erwiesen, wie Jakob Auer, Aufsichtsratsvorsitzender der Raiff-eisenlandesbank Oberösterreich, gerne betont. Einen wichtigen Beitrag für diese Stabilität leisten die Eigentümervertreter. Die Genossenschaft habe nur Zukunft, wenn die Funktionäre gut ausgebildet sind, ist Auer überzeugt: „Funktionäre müssen auf Augenhöhe mit den Geschäftsleitern diskutieren können, deshalb ist Ausbildung absolut notwendig.“ Aber mit der Ergänzung: „Trotz aller Ausbildung darf man den gesunden Hausverstand nicht vergessen.“ Als Funktionär müsse man nicht alles wissen, aber die Fähigkeit besitzen, alles zu verstehen.
Um die Zusammenhänge im Bankgeschäft und neue Herausforderungen besser zu verstehen, wurde vor fünf Jahren der Lehrgang „KompetenzPlus“ am Raiffeisen Campus ins Leben gerufen. 587 der insgesamt 1.670 Spitzenfunktionäre der Raiffeisenbanken in ganz Österreich haben den Lehrgang mit vier Modulen bereits erfolgreich absolviert, 637 sind gerade dabei. Damit die Absolventen stets auf dem neuesten Stand sind, organisiert der Raiffeisen Campus jährlich das „Funktionärsforum“.
Heuer kamen in Linz 110 Spitzenfunktionäre aus allen Bundesländern zusammen, für Campus-Geschäftsleiter Georg Gruber „ein starker Beweis, dass Bildung bei Raiffeisen nicht nur aufgrund regulatorischen Drucks funktioniert, sondern weil wir das wollen“. Es gibt auch eine ganze Reihe an Themen, die Funktionären derzeit Kopfzerbrechen bereiten, wie eine kleine Umfrage am Beginn der Tagung zeigte.
Die Herausforderungen bewegen sich dabei in einem „magischen Dreieck“ aus Digitalisierung, Regulatorik und Genossenschaft. Da sich alle Banken im gleichen Spannungsfeld bewegen, ist das Interesse am Austausch von Best-Practice-Beispielen auch besonders groß. Die Dringlichkeit im Bereich der Digitalisierung mit seinen Auswirkungen auf den Bankbetrieb und die Kundenbeziehungen ist allen bewusst. „Die Digitalisierung ist da und greift massiv in unseren Alltag ein. Da verbergen sich enorme Chancen gerade für den dezentralen Sektor“, ist Gruber überzeugt.
Ulrich Hoyer von der Beratungsagentur „zeb“ kennt die digitalen Herausforderungen für genossenschaftliche Bankengruppen ganz genau und hat an der Omnikanal-Vertriebsstrategie im Raiffeisen-Großprojekt „Digitale Regionalbank“ mitgewirkt. Hoyer ortet im Raiffeisensektor ein Umdenken oder leicht überspitzt formuliert: „Früher haben die Banken einfach nur auf die Kunden gewartet, heute müssen sie sich auf die Kunden ausrichten.“ Steigender Wettbewerbsdruck durch neue Marktteilnehmer und sinkende Loyalität müsse man mit einem „kundenzentrierten Denken“ begegnen.

Georg Gruber, Michaela Steinacker, Jakob Auer und Johannes Rehulka (c) Raiffeisen Campus

Tatsache ist, die Kunden werden immer agiler. Während heute 45 Prozent der Privatkunden affin für „Offline-Banking“ sind, wird dieser Anteil bis zum Jahr 2020 auf 25 Prozent sinken. Der ausschließlich digitale Kunde wird im Gegenzug von 5 auf 15 Prozent steigen. Den größten Anteil halten heute wie auch in Zukunft die „hybriden Kunden“, also jene, die beide Welten verbinden. „Banken müssen auch auf Augenhöhe mit den Kunden agieren und das persönliche Gespräch nahtlos dort weiterführen, wo es der Kunde im Internet beendet hat“, nennt Hoyer eine konkrete Herausforderung. Wenn sich jemand selbst einen Kredit im Internet errechnet, dann will er bei einem persönlichen Beratungsgespräch nicht wieder von vorne beginnen müssen.
Oft fehle es auch an ganz einfachen Dingen: So kennen lediglich 15 Prozent die Handynummer bzw. 12 Prozent die E-Mail-Adresse ihrer Kunden. Trotz Anonymitätsbedürfnis seien es Internet-User heute mittlerweile gewohnt, spezielle Angebote entsprechend ihrem Such- und Nutzungsverhalten zu bekommen. Hoyer sieht Raiffeisen in einer guten Ausgangsposition, aber es brauche Anstrengungen, um „die Hoheit über die Kundenbeziehungen“ zu behalten.
Für Helmut Tacho, Aufsichtsratsvorsitzender der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und Obmann der Raiffeisenbank NÖ-Süd Alpin, ist dabei klar: „Digitalisierung muss Chefsache sein und es braucht mehr Vertriebler – also unternehmerisch denkende Mitarbeiter.“ Das Potenzial der Mitarbeiter muss in den digitalen Wandel einbezogen werden, oder wie es Hoyer ausdrückt: „Sie müssen schlauer sein als das Internet.“ Die besten Mitarbeiter zu bekommen, darin sieht Tacho auch eine Challenge: „Wir müssen ständig an unserer Attraktivität als Arbeitgeber arbeiten.“

Mehr gehört
Während die Raiffeisenbanken beim Thema Digitalisierung viel Gestaltungsspielraum orten, gibt es an den strengen Regularien nichts zu rütteln – scheinbar. „Es ist schön zu sehen, dass man nicht ungehört bleibt. Mittlerweile gelingt es uns besser unsere Interessen anzubringen“, berichtet Johannes Rehulka, Geschäftsführer des Fachverbandes der Raiffeisenbanken. Neben einigen gesetzlichen Erleichterungen beim nationalen Bankenaufsichtsrecht, die vor der Wahl beschlossen wurden, gebe es auch auf EU-Ebene bei der Überarbeitung der CRR erste positive Signale. „Wir werden die 14.000 Seiten an Regularien nicht wegbekommen, aber gewisse Pflichten für die kleineren Raiffeisenbanken“, so Rehulka. Die Regulierungskosten wirken sich nämlich bei den kleineren Banken viel stärker aus und gleichzeitig leidet ihr klassisches Einlagen-Ausleihen-Geschäft unter der EZB-Zinspolitik stärker als andere. Mehr Verhältnismäßigkeit in der Regulierung ist deshalb das oberste Anliegen. Unter dem Titel „Regional.stark“ läuft aktuell eine Unterschriftenaktion gegen die Überregulierung von Regionalbanken. Innerhalb kurzer Zeit haben sich bereits mehr als 8.000 Mitstreiter auf www.regionalstark.at registriert. „Es ist Zeit, ein Zeichen zu setzen. Politisches Verständnis ist vorhanden, aber wir müssen unsere Anliegen immer wieder wiederholen“, so Rehulka. Die Petition soll für noch mehr Nachdruck sorgen.
Nationalratsabgeordnete Michaela Steinacker versprach den Spitzenfunktionären, sich für mehr „Regelungen mit Hausverstand“ und weniger Komplexität einzusetzen. Das Anliegen von weniger Bürokratie und mehr wirtschaftlichem Weitblick habe man auch in die laufenden Regierungsverhandlungen mitgenommen, mehr durfte die frisch angelobte Nationalrätin nicht verraten.

Mehr erzählen
Dass aber schon für Friedrich Wilhelm Raiffeisen die Aufsicht ein wichtiger Aspekt war, ruft Peter Tomanek, in der Raiff-
eisen-Holding NÖ-Wien für Genossenschaftswesen zuständig, in Erinnerung: „Friedrich Wilhelm Raiffeisen war streng. In seinen Schriften ist mehrmals von strenger Aufsicht durch den Verwaltungsrat, strenger Kon-trolle in der Selbstverwaltung und strengster Handhabung auch bei Darlehensnehmern zu lesen.“
Welchen Weitblick der deutsche Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen hatte, das soll im kommenden Jahr anlässlich seines 200. Geburtstages beleuchtet werden. Justus Reichl vom Österreichischen Raiffeisenverband sieht hier großen Handlungsbedarf: „Das Giebelkreuz kennt jeder, aber die Story, wofür Raiffeisen steht, kennen nur wenige.“ Storytelling statt Branding ist die Devise für das Jubiläumsjahr.