Ein Hoch auf die Konjunktur

Ein Hoch auf die Konjunktur

Das Wirtschafts­wachstum gibt Grund zur Freude. Dabei gibt es noch viele ungenutzte Potenziale, wie beim Konjunktur­gespräch in der RLB Steiermark deutlich wurde.

Von Elisabeth Hell

Martin Schaller

Der Jahresauftakt war fulminant, eine klassische Hochkonjunktur. Das Besondere dabei: „Wir erleben weltweit einen synchronen Konjunkturaufschwung“, berichtet Christian Helmenstein, Chefanalyst der Industriellenvereinigung Österreich, beim 29. Konjunkturgespräch in der Raiffeisen-Landesbank Steiermark. Hauptgrund für die massive Aufwärtsdynamik seien die Notenbanken. Wenn der Ökonom alle geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank zusammenrechnet, entspricht das einem Leitzins von minus 5,5 Prozent. Die konjunkturelle Unterstützung der Notenbanken werde noch weit ins Jahr 2019 hineinreichen, prognostiziert Helmenstein und warnt gleichzeitig vor „Überinvestitionen“: „Wir dürfen uns nicht verführen lassen.“ Die Aktienmärkte seien ein guter Indikator für die weitere Entwicklung: „An Börsen wird mit der Zukunft gehandelt.“ Da sich die Kurse abwärts bewegen, sieht Helmenstein den oberen Wendepunkt des Konjunkturzyklus erreicht und eine schwächere Wachstumsdynamik in 2019.

Christian Helmenstein

Herausragend läuft die Wirtschaft in Zentral- und Osteuropa; die Region schafft einen Wachstumsvorsprung von 1,5 Prozentpunkten zur Welt und 1,0 Prozentpunkte zu Österreich. Rumänien, Slowenien und Polen sind die Spitzenreiter: „Wer dort investiert ist, ist auf der Sonnenseite der Konjunktur.“ Österreich importiere Wachstumsimpulse aus diesen Ländern. Für zusätzliche Kaufkraft in Österreich sorgte die Steuerreform und darüber hinaus konnte der heimische Tourismus als Gewinner der weltweiten Konflikte hervorgehen. Der Chefanalyst ortet auch eine Entlastung von politischen Risiken in Österreich und deshalb seien Unternehmen stärker wieder bereit, Markt- und Technologierisiken zu übernehmen und investieren wieder. Mehr als 70 Prozent des heimischen Wachstums kommen von der Industrie, das ist „der stärkste industriegetriebene Aufschwung seit 30 Jahren“. Das quartalsmäßige Stimmungsbarometer unter Unternehmern zeigt aber, dass sich der Optimismus etwas abschwächt. Die nachlassenden Erwartungen an die Auftragslage begründet Helmenstein mit einem zunehmenden Fachkräftemangel.

Georg Knill und Marc Fähndrich

„Erfolg ist kein Zufall“, erkennt der Ökonom, wenn er sich den Wohlstand auf steirischer Gemeindeebene anschaut. Die Steiermark sei Österreichs Technologiepol, habe aber kein metropol-zentriertes Wirtschaftssystem. Helmenstein begrüßt diese regionale und lokale Standortstrategie, denn das begünstige, dass mehr Frauen in Vollzeit arbeiten und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

Auf der Überholspur
RLB-Generaldirektor Martin Schaller sieht die Steiermark „auf der Überholspur“. So haben die Steirer bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung Baden-Württemberg überholt und sind nun Innovations-Europameister. Auch beim Export sei die Steiermark Europameister, aber auch „auf Überholspur im Rückwärtsgang bei der Arbeitslosenquote“, freut sich Schaller. Gute Wirtschaft brauche gute Partner. „68.000 Firmenkunden, 9 Milliarden Finanzierungsvolumen, im Vorjahr 7.000 neue Finanzierungen, im Durchschnitt jeden Tag rund 11 Millionen Euro an neuen Finanzierungen – Raiffeisen nimmt Verantwortung wahr“, unterstreicht Schaller.

Johann Strobl (c) Raiffeisen (4)

Das jährliche Konjunkturgespräch ist für den Generaldirektor auch das klare Bekenntnis für eine offene Wirtschaft: „Wer handelt, führt keine Kriege.“ Schaller erinnert an den Gründungsgedanken der Europäischen Union und plädiert für offene Handelsbeziehungen.
Christian Helmenstein spricht sich klar für eine Erweiterung der Eurozone aus – in Kombination mit einem Staatsinsolvenzrecht. Er hält generell die internationalen Netzwerke für „verbesserungswürdig“ und nennt die Holzindustrie als konkretes Beispiel: Denn während die österreichische Holzwirtschaft Innovationen mit den deutschsprachigen Nachbarn vorantreibt, gebe es wenige Erfindernetzwerke mit Italien, Slowenien oder Osteuropa. Er rät den Unternehmern auch die Entfernungsaversion im Export abzulegen und Wachstumsmärkte wie die BRICS-Staaten stärker zu beliefern.

Mehr Europa
Die internationale Politik wird derzeit als größtes Risiko des Wirtschaftsaufschwungs betrachtet, so der einhellige Tenor bei der Podiumsdiskussion. Ob Brexit, die Isolation von Russland, die Marktdominanz von China oder US-Strafzölle – es gibt derzeit wenig politischen Rückenwind. In Anbetracht der aktuellen Zölle stellt der IV-Chefanalyst allerdings klar: „Im Moment sind die USA der Ort der Freihändler und nicht Europa.“ Georg Knill, Präsident der IV Steiermark, ergänzt: „Freier Handel bringt Wohlstand für beide Seiten.“ Er sieht in der Abschottung gegenüber Russland viele Nachteile und begrüßt, dass Österreich keine diplomatischen Konsequenzen nach dem Giftanschlag in London gezogen hat.
Auch Marc Fähndrich, Vertreter der EU-Kommission in Wien, betont: „Im globalen Umfeld brauchen wir mehr Europa und eine stabile Wirtschafts- und Währungsunion.“ Er fordert eine stärkere europäische Sicht, dann wäre es auch nicht zum Brexit gekommen: „Es gibt nicht uns und die in Brüssel, sondern wir alle sind Europa.“ Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexit seien geringer als die Auswirkungen eines Schaltjahres, beruhigt Helmenstein und sieht sogar etwas Positives: „Die zukünftige Zusammenarbeit mit Großbritannien könnte zur Blaupause für Russland, Ukraine oder Türkei werden.“
Geprüft von politischen Konflikten – etwa in der Ukraine – ist die Raiffeisen Bank International, wie deren Vorstandsvorsitzender Johann Strobl betont: „Banken können sich einer Entwicklung in einer Region nicht entziehen, aber wenn man breit unterwegs ist, kann man Krisen kompensieren.“ Als Hemmnis für zusätzliches Wachstum sieht Strobl die zunehmende Regulierung, die den Freiraum für Unternehmer und Banken eingrenzt: „Hier sollte vieles reduziert werden.“