Ein Paradigmenwechsel

Ein Paradigmenwechsel

Italien hat Anfang 2016 das System der Genossenschaftsbanken reformiert. Welche maßgeblichen Veränderungen das für Raiffeisen in Südtirol bedeutet, erläutert der Obmann des Raiffeisenverbandes, Herbert Von Leon.

Interview: Edith Unger

Herr Obmann, die italienische Regierung hat das System der Genossenschaftsbanken gänzlich neu organisiert. Warum?
Herbert Von Leon: Sieben Jahre lang haben die italienischen Genossenschaftsbanken daran gearbeitet, ein sogenanntes IPS (ein Institutsbezogenes Sicherungssystem) auf die Beine zu stellen, allerdings ohne Erfolg. Neben generellen Schwachstellen, die sowohl die europäische als auch die nationale Bankenaufsicht bei den Genossenschaftsbanken ausmachten, zwangen schließlich die existentiellen Schwierigkeiten einer nicht unbedeutenden Anzahl von italienischen Genossenschaftsbanken die italienische Regierung zum Handeln. Etwa 70 von 340 italienischen Genossenschaftsbanken befanden sich in einer ernstzunehmenden Schieflage.

Worin liegen die wesentlichen Neuerungen?
Von Leon: Die Genossenschaftsbanken müssen sich zu einer Bankengruppe mit einer Aktiengesellschaft als Spitzeninstitut zusammenschließen. Dabei handelt es sich nicht um einen Konzern im herkömmlichen Sinn, sondern um einen Vertragskonzern. Kuriosum dabei: Während bei einem herkömmlichen Konzern die Konzernmutter die Eignerin ist, ist es bei uns umgekehrt: die Raiffeisenkassen sind Eigentümer des Spitzeninstituts. Mit dem Abschluss des Verbundvertrages wird die Bankengruppe gegründet und die Regeln definiert, zu denen diese Gruppe letztendlich funktioniert.

(c) Helmuth Rier

Welche Aufgaben hat das Spitzeninstitut – im Fall von Südtirol die Raiffeisen Landesbank?
Von Leon: Die Landesbank muss die Aufgaben einer Konzernmutter übernehmen, sie übt die Leitung und Koordinierung in der Bankengruppe und über die Raiffeisenkassen aus. Kernbereich ist dabei das interne Kontrollsystem, wie Compliance und Internal Audit, das zentral erledigt wird. Zusammen mit einem Frühwarnsystem soll die Kontrolle über die Raiffeisenkassen sichergestellt sein und das System stabil gehalten werden. Das Spitzeninstitut hat bei der Bestellung der Führungsgremien ein Mitspracherecht und kann im Krisenfall die Führung selbst austauschen. Ergänzt wird das durch einen Garantievertrag, mit dem alle Teilnehmer an der Gruppe eine gegenseitige solidarische Haftung übernehmen.

Hatten die Raiffeisenbanken nicht die Befürchtung, sie müssen ein Stück Autonomie abgeben?
Von Leon: Ja sicher, die Sorge ist auch berechtigt. In Zukunft wird eine Bank nicht mehr gänzlich unabhängig handeln und beispielsweise ihre eigenen Produkte auf den Markt bringen oder Kredite nach ihrem Ermessen vergeben können. All dies hat künftig im Rahmen zentral vorgegebener Leitlinien zu erfolgen. Die Raiffeisenkassen sind zwar in die Erarbeitung dieser Regeln eingebunden, sobald sie vom Spitzeninstitut genehmigt sind, sind sie aber für alle bindend. Leider gibt es dazu keine Alternative – eine Genossenschaftsbank, die keiner Gruppe angehört, verliert nämlich per Gesetz die Banklizenz.

Wie konnten die Raiffeisenbanken noch ein gewisses Mitspracherecht sicherstellen?
Von Leon: Inzwischen wurden bereits an die 100 Leitlinien und Regelungen erarbeitet, mit denen die Gruppe organisiert und gesteuert wird. Gleichzeitig ist vorgesehen, dass in Zukunft Beiräte eingesetzt werden, über die die Ideen und Vorstellungen der Raiffeisenkassen bei der Entscheidungsfindung eingebracht werden sollen. Schließlich sitzen in den Führungsgremien der Landesbank mehrheitlich Vertreter der Raiffeisenkassen. Damit ist es auch Aufgabe dieser Führung, dafür zu sorgen, dass die Interessen der Raiffeisenkassen berücksichtigt werden.

Sind damit alle gesetzlichen Vorgaben umgesetzt?
Von Leon: Es gibt noch ein paar Details zu klären – der Autorisierung einer autonomen Südtiroler Bankengruppe sollte allerdings nichts mehr im Wege stehen. Ein solches Detail betrifft beispielsweise die sogenannten unabhängigen Verwalter, die im Bankensystem verpflichtend vorgesehen sind. Dies kommt bei den Raiffeisenkassen verständlicherweise nicht gut an, ging man doch bis dato vom Prinzip der Selbstverwaltung und von der Grundausrichtung aus, dass die Eigentümer entscheiden, wer sie in den Führungsgremien vertritt. Es führt aber wahrscheinlich kein Weg daran vorbei und wir müssen akzeptieren, dass zumindest ein Drittel unabhängige Verwalter bestellt werden muss.

Also von außerhalb des Raiffeisensektors?
Von Leon: Ja. Man legt hier die für große Banken geltenden und auch nachvollziehbaren Maßstäbe 1:1 auf unsere kleinstrukturierte Bankenwelt um. Während solche Anforderungen für die UniCredit sinnvoll sind, ist dies für uns ein Paradigmenwechsel. Wir werden uns trotzdem arrangieren und ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen.

Widersprechen einige Punkte nicht gänzlich dem genossenschaftlichen Charakter?
Von Leon: Die Konzernlösung widerspricht sicherlich der genossenschaftlichen Idee. Auf der anderen Seite bestimmt selbst der Gesetzgeber, dass die genossenschaftlichen Werte auch innerhalb des Konzerns zu berücksichtigen sind. Auch bei der Ausarbeitung der Leitlinien wurde versucht, die genossenschaftlichen Prinzipien zu verankern. Wir setzen stark darauf, dass die Vertreter im Verwaltungsrat des Spitzeninstituts dieses Gedankengut hochhalten. Eine gewisse Gefahr für den Genossenschaftsgedanken im Rahmen der Bankengruppe kann aber nicht geleugnet werden.

Sehen Sie auch Vorteile in dieser Neuaufstellung?
Von Leon: Natürlich. Als Beispiel kann die Standardisierung der Prozesse in der IT genannt werden. In Zukunft wird das Spitzeninstitut den Best-Practice-Prozess auswählen, der dann für alle Raiffeisenkassen gilt. Damit spart man Kosten. Letztendlich muss man sich immer weiterentwickeln, und ich bin der festen Überzeugung, dass der Raiffeisengedanke bei den Raiffeisenkassen trotz neuer Struktur aufrechterhalten bleibt.

Ist die Umstrukturierung schon abgeschlossen?
Von Leon: Der Prozess ist noch im Gange. Die bisherige Landesbank war ja „nur“ Bank, jetzt muss sie die gesamte Gruppe leiten und koordinieren. Damit betreffen in Zukunft schätzungsweise bis zu 70 Prozent ihrer Aufgaben die Gruppe. Das ist auch für die Landesbank eine große Herausforderung. So einfach, wie es anfangs ausgesehen hat, ist es nun doch nicht.

Haben sich alle Raiffeisenbanken in Südtirol der Landesbank angeschlossen?
Von Leon: Leider nein. Zwei Banken haben entschieden, sich der Gruppe in Trient anzuschließen. Dies ist für uns nicht nachvollziehbar. Auch haben wir uns bemüht, diese beiden von der Sinnhaftigkeit ihrer Teilnahme an der Raiffeisengruppe zu überzeugen. Aus welchen Überlegungen auch immer haben sie sich anders entschieden. Das schwächt uns natürlich in einem gewissen Maße.

Welche Rolle hatte der Verband in diesem Prozess?
Von Leon: Der Raiffeisenverband hat die Umstrukturierung auf strategischer Ebene koordiniert und dazu eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Verbandes, der Landesbank und den Raiffeisenkassen eingesetzt und geleitet. In dieser Arbeitsgruppe wurden alle strategischen Fragen diskutiert und versucht, eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung zu finden. Darüber hinaus arbeiten die Mitarbeiter des Verbandes in den technischen Arbeitsgruppen zur Umsetzung der Reform mit.

Und welche Rolle wird er künftig spielen?
Von Leon: Die Raiffeisenkassen bleiben weiterhin Mitglieder des Raiffeisenverbandes. Wir sind mit unseren 300 Mitarbeitern nach wie vor das Sprachrohr für die Genossenschaften und damit auch für die Raiffeisenkassen. Zudem wollen wir uns weiter als Dienstleister für die Raiffeisenkassen bewähren. Wir haben zwar einige Bereiche wie die Innenrevision an die Landesbank abgetreten, weil diese Aufgabe per Gesetz dem Spitzeninstitut zukommt, bleiben aber auf der anderen Seite nach wie vor Dienstleister für die Bankengruppe.

Worin sehen Sie im aktuellen Umfeld die Schwachstellen und Stärken einer Genossenschaft?
Von Leon: Das genossenschaftliche Bankensystem hat den Ruf, schnell und effizient zu sein. Ein Kreditantrag bei uns wird längstens in einer Woche geprüft, bei anderen Banken kann das auch Monate dauern. Darüber hinaus sind wir stark in der Bevölkerung verankert. Es gibt praktisch kein Dorf, in dem wir nicht präsent sind, und für die Mitglieder ist das „ihre Raiffeisenkasse“. Das ist einer der größten Pluspunkte, die wir haben. Auch beim Sponsoring von Jugend, Sport und sozialen Einrichtungen sind wir engagiert, was von der Bevölkerung geschätzt wird. Wir haben die Möglichkeit, differenziert zu agieren, wenn es darum geht, Härtefälle zu managen. Wir sind trotz aller aufsichtsrechtlichen Auflagen immer noch imstande, die soziale Komponente miteinzubeziehen.

Und welche Schwachstellen sehen Sie?
Von Leon: Eine Schwäche ist sicherlich die breite Vielfalt, die wir haben. Das ist zwar einerseits ein Vorteil, hat aber auch Nachteile in der Entscheidungsfindung und bei gemeinsamen Projekten und verursacht zusätzliche Kosten. Den Menschen ist oft nicht bewusst, dass jede Raiffeisenkasse eigenständig ist, da Raiffeisen in der Öffentlichkeit als eine Einheit gesehen wird. Auch haben wir nach wie vor ein wenig das Image, eine „Landbank“ zu sein, was für viele wohlhabende Kunden vielleicht weniger attraktiv ist.

Wie ist das abgelaufene Geschäftsjahr wirtschaftlich für Raiffeisen Südtirol gelaufen?
Von Leon: Nach einer ersten Auswertung der Zahlen zeichnet sich 2017 als ein gutes Geschäftsjahr ab und wir werden voraussichtlich einen Gewinn von über 70 Millionen Euro ausweisen. Das ist für unsere Verhältnisse mit einer Bilanzsumme von 15 Milliarden Euro ein gutes Ergebnis. Wir verzeichnen nach wie vor ordentliche Zuwächse bei den Krediten und bei den Einlagen und können zufrieden sein, denn trotz des Aufwandes, den wir für die Bildung der Gruppe betreiben müssen, hat man den Markt nicht vergessen. Das muss man unseren Geschäftsführern hoch anrechnen.

Wie wichtig ist Ihnen die Abstimmung mit anderen Raiffeisenverbänden?
Von Leon: Wir sind wie eine Insel in Italien, aus diesem Grund sind für uns die Beziehungen mit Österreich und Deutschland wichtig. Wir schätzen es sehr, dass wir die Möglichkeit haben, uns auszutauschen und können dabei vieles lernen und nehmen Inputs mit. Und wenn wir bei Verhandlungen mit der Politik in Italien auf Österreich oder Deutschland als Beispiel verweisen können, hilft uns das. Wir wollen diesen Austausch keinesfalls missen.