Ein unterschätzter Standort

Ein unterschätzter Standort

Das Waldviertel zeigt, der Ruf nach ländlichem Wohnen wird vor allem bei Jungfamilien wieder lauter.

Von Hermann B. Hackl

Das Waldviertel hat zu kämpfen, vor allem gegen Vorurteile. Bis vor einigen Jahren galt es als kalte, unbelebte Gegend und nicht gerade als Ziel für einen neuen Lebensmittelpunkt. Wie kann dieser zukunftsfähigen Region nachhaltig mehr Attraktivität verliehen werden? Wie kann sie ihr angestaubtes Image abstreifen? – Diese Fragen stellte sich der Verein Interkomm vor über zehn Jahren und initiierte das Projekt „Wohnen im Waldviertel – Wo das Leben neu beginnt“. Mittlerweile stellt die Initiative mit 56 Mitgliedsgemeinden die größte freiwillige interkommunale Kooperation Europas dar. Gemeinsam bieten sie im „WohnWEB Waldviertel“ Wohnungssuchenden Informationen zur örtlichen Infrastruktur und Lebensqualität sowie zu verfügbaren Immobilien und Grundstücken. „Dass so viele Gemeinden an einem Ziel arbeiten, ist eine Besonderheit des Projektes. Nicht die politischen Grenzen sind relevant, sondern die Standortvorteile, die man miteinander anbieten kann“, zeigt sich Interkomm-Obmann Johann Müllner erfreut über das „abgelegte Kirchturmdenken“ bei diesem Projekt.

Die positive Wirksamkeit von „Wohnen im Waldviertel“ im vergangenen Jahrzehnt lässt sich bereits mit harten Zahlen untermauern. Ehemals von Abwanderung geprägt, sind seit 2009 mehr als 44.000 Menschen in den Nordwesten Niederösterreichs gezogen, fast 12.000 davon zogen von Wien in den ländlichen Raum. Als besonders beliebt scheint das Waldviertel als neuer Wohn­standort bei jungen Paaren mit Neugeborenen – laut Statistik Austria stellen 25- bis 28-Jährige die größte Gruppe der Zuziehenden dar.

Wohnen im Waldviertel

Peter Weinberger und Johann Müllner (c) Raiffeisen Immobilien Vermittlung GesmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger (2)

Besser als sein Ruf

Die positive Bevölkerungsentwicklung des Waldviertels bringt auch den regionalen Immobilienmarkt in Bewegung. Konkret wurden im Vorjahr 2.208 Transaktionen im Grundbuch eingetragen. Das entspricht einem Zuwachs von 27 Prozent im Laufe der vergangenen fünf Jahre. Der Wert der dabei verkauften Objekte belief sich 2018 auf rund 143 Mio. Euro und hat sich somit im Vergleich mit 2013 (86 Mio. Euro) um 66 Prozent gesteigert. „Der Immobilienmarkt im Waldviertel ist definitiv besser als sein Ruf. Steigende Transaktionszahlen gehen mit einer positiven Preisentwicklung einher. Die Nachfrage ist ungebrochen gut“, bestätigt Peter Weinberger, Geschäftsführer Raiffeisen Immobilien NÖ, Wien und Burgenland.

Risiko Leerstand

Mangelware sind laut Raiffeisen Immobilien gebrauchte Häuser und Wohnungen in guter Lage und gutem Zustand. Der Grund: Viele Besitzer leerstehender Objekte verkaufen nicht, weil sie auf weiter steigende Preise spekulieren. „Diesen Überlegungen liegt ein Trugschluss zugrunde: Es stimmt zwar, dass Grund und Boden nicht beliebig vermehrbar ist und daher langfristig an Wert gewinnt – dies gilt aber keineswegs für die darauf errichteten Gebäude“, so Weinberger. Wer ein Haus längere Zeit stehen lässt, riskiere einen Wertverlust von bis zu 5 Prozent im Jahr. Ratsamer sei es, die gute Marktlage im Waldviertel zu nutzen und leerstehende Immobilien zu verkaufen – und danach den Verkaufserlös in einer neuen Vorsorgewohnung anzulegen. „Für die (Zwischen)Finanzierung bieten die Raiffeisenbanken geeignete Angebote, und um die ertragreiche Vermietung der Vorsorgewohnung kümmern wir uns“, stellt der Immobilien-Experte in Aussicht.

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