Eine Spinnerei wird Realität

Eine Spinnerei wird Realität

Raiffeisen lädt zum Vernetzungstreffen zwischen Bayern und Oberösterreich und stellt dabei das Thema E-Mobilität ins Zentrum.

Von Alexander Blach

Vor ein, zwei Jahren war man bezüglich E-Mobilität noch durchaus skeptisch. – Oft abgetan als Spinnerei ohne große Zukunft, kommt in letzter Zeit aber immer mehr Dynamik in die Diskussion, sagt Hubert Aiwanger, Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie sowie Stellvertretender Ministerpräsident, beim Vernetzungstreffen in der Raiffeisenlandesbank OÖ, zu dem Generaldirektor Heinrich Schaller in seiner Funktion als Vorsitzender der Deutschen Handelskammer in Oberösterreich geladen hatte.

Dieselfahrverbote sowie die EU-Vorgabe, den CO2-Ausstoß von Neuwagen bis 2030 um 37,5 Prozent im Vergleich zu 2021 zu senken, hätten der E-Mobilität neuen Schwung verliehen. Ein weiterer großer Treiber sei laut Aiwanger die „Marktmacht China, die rücksichtslos auf E-Mobilität setzt, weil dort der Batteriebau schon weit fortgeschritten ist“. Damit erzwinge China den künftigen Weg. „Plötzlich ist aus der Spinnerei ein Ding geworden, an dem wir nicht mehr vorbeikommen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich ein Markt entwickelt hat, den wir auch bedienen müssen“, resümiert der bayrische Staatsminister. Um China etwas entgegenzuhalten, sei eine europäische Strategie notwendig: „Wer sich massiv verkalkuliert, wird einen Rückstand nicht mehr aufholen können.“ Das wäre gerade für die Region Bayern tödlich, ähnlich der Situation im Ruhrgebiet in den 60er- und 70er-Jahren, so Aiwanger: „Als die Zeit der Kohle- und Stahlindustrie vorbei war, brach auch die Region ein. Genauso drastisch sehe ich das bei der Autoindustrie in Bayern und Oberösterreich.“ Deshalb laute das Gebot der Stunde, den Wandel nicht zu übersehen, sondern mitzugestalten, pflichtet der oberösterreichische Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner bei und warnt ebenso vor „eklatanten Auswirkungen auf unsere beiden Wirtschaftsregionen“.

RLB OOE diskutiert E-Mobilität

Heinrich Schaller, Hubert Aiwanger, Markus Achleitner, Michael-Viktor Fischer und Andreas Klugescheid (c) RLB OÖ

Alle Register ziehen

Ein entscheidender Faktor beim Mitgestalten des Wandels ist mit Sicherheit die Infrastruktur. Die Bedenken, dass es nicht genug Ladestationen für E-Fahrzeuge gibt und das Aufladen unterwegs viel zu lange dauert, seien längst gegenstandslos, ist Hubert Aiwanger überzeugt, denn „jeder, der ein E-Mobil fährt, wird auch die Steckdose dazu finden“. Zudem werden künftig viel mehr private bzw. hauseigene Ladestationen genutzt, prognostiziert der Staatsminister. In Bayern arbeite man auch an einem Förderprogramm für ein Elektro-Gesamtpaket. So soll die Installation einer Photovoltaikanlage am Dach, eines Stromspeichers im Keller und einer eigenen Steckdose in der Garage gefördert werden. Das Land Oberösterreich unterstützt bereits intelligente E-Ladestationen im Haushalt mit 600 Euro. Zusätzlich soll es ein Fördersystem für Schnellladestationen geben, sagt Landesrat Achleitner. Denn beim Ausbau der Ladeinfrastruktur habe die öffentliche Hand eine gewisse Verantwortung zu tragen. „Jetzt in der Übergangsphase schieben wir das noch mit Förderungen und Gesetzesänderungen an. Das Betanken von E-Autos muss sich erst lohnen, dann wird es ein Selbstläufer. Danach regelt der Markt sich selbst“, ist auch Aiwanger überzeugt. Eines sei klar, die „E-Mobilität wird uns in der nächsten Zeit massiv beschäftigen, da müssen wir jetzt alle Register ziehen – auch gemeinsam mit der Automobilindustrie.“

Breiter Mix

Investitionen in Forschung und Entwicklung in Milliarden-Höhe bestätigen das Zugeständnis der Industrie. Man müsse schließlich den sich wandelnden Werten, Interessen und Erwartungen der Kunden Rechnung tragen, betont Andreas Klugescheid, Leiter des Bereichs Steuerung, Politik und Außenbeziehungen, Kommunikation und Nachhaltigkeit bei BMW: „Neben den gesetzlichen Auflagen ist es natürlich wichtig, für unsere Kunden relevant zu bleiben. Wir haben weltweit bereits 300.000 Autos mit Stecker verkauft und sind in Europa auch Marktführer in diesem Bereich. In Norwegen sind bereits 75 Prozent unserer verkauften Autos Plug-In-Hybrid-Modelle oder auch vollelektrische Fahrzeuge.“

Trotz des spürbaren Trends zur E-Mobility werde der Verbrennungsmotor noch lange nicht abgelöst. Global gedacht, ist es noch ein sehr weiter Weg. Selbst in Europa gibt es Länder mit keinem bis marginalem Elektro-Marktanteil. Klugescheid rechnet deshalb mit einem breiten Mix an verschiedenen Antriebsarten, die alle einen Markt vorfinden werden.

Enorme Entwicklung

Die Nachhaltigkeit bzw. der ökologische Fußabdruck der E-Mobilität bleibt nach wie vor Thema einer jeden Diskussion. Vor allem die Herstellung der Batterien und die Herkunft des getankten Stroms spielen dabei eine große Rolle. „Man muss natürlich hinterfragen, woher die Materialien kommen und wie es mit dem Energieaufwand bei der Produktion von Batterien aussieht. Durch den Druck der Autoindustrie gibt es aber enorme Entwicklungsschritte. Die Batterie wurde in den letzten fünf Jahren um circa ein Drittel billiger“, sagt Michael-Viktor Fischer, Geschäftsführer bei Smatrics, ein Wiener Unternehmen, das österreichweit öffentliche E-Ladestationen aufbaut, betreibt und auch für Dritte betreut. 95 Prozent der Lithium-Ionen-Batterien können bereits recycelt und nach der Zeit im Auto auch als Stromspeicher verwendet werden, weiß Fischer. Ein viel größeres Problem, das von der Mehrheit kaum bedacht werde, sind die Massen an Elektrogeräten mit Akkus – man denke an eine elektrische Zahnbürste – , die oft nicht recycelt werden. „Man muss zugeben, dass die Batterie noch nicht zu 100 Prozent sauber ist. Es ist aber kein ‚Auto-Thema’ alleine, sondern viel mehr ein gesellschaftliches“, so Fischer.

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