Essenswissen

Essenswissen

Unser tägliches Brot kommt aus der Erde, aus Fabriken und Laboren. Warum aber essen wir gerne, was wir essen? Auf Schloss Hof gibt es Antworten.

Von Ulrike Schöflinger

Immer mehr Menschen wollen wissen, wo ihr Essen herkommt. Supermärkte und geliefertes Essen sind sicher praktisch, aber was man dabei genau in den Mund einwirft, ob die Tiere und Pflanzen mit Chemie voll gepumpt wurden oder nicht, ist oft schwer nachzuvollziehen. Halb- und Fertigprodukte ersetzen das Kochen mit frischen Nahrungsmitteln und sparen Zeit. Sie werden heute oft in Laboren designt, damit sie uns ganz instinktiv anzusprechen. Letztendlich kommen ihre Zutaten aber aus der Natur, sie werden so umgeformt oder aufbereitet, damit sie besonders ansprechend aussehen und schmecken. Manche Kinder erkennen deshalb keine Gemüsesortenvielfalt mehr und das Gerücht, dass es lila Kühle gibt, hält sich hartnäckig. Selbst dass die Grundlage vieler alkoholischer Getränke allerlei Getreidesorten, Rohrzucker oder Kartoffeln sind, kommt einem beim Trinken kaum noch in den Sinn.

(c) Dieter Nagl fü SKB – Ausstellung „Warum isst die Welt, wie sie isst?“ Schloss Hof und Schloss Niederweiden

„Warum isst die Welt, wie sie isst?“ heißt eine große, mehrteilige Ausstellung in Schloss Hof und Schloss Niederweiden. Die Orte sind nicht unpassend, wurden doch in den Räumen beider Schlösser hochherrschaftliche, barocke Galadinners zelebriert. Menschen haben früh begonnen, die Arbeit am Essen in kleinere Häppchen aufzuteilen – das wird schon im ersten Raum der Ausstellung klar. Alles, was einst auf einem Stückchen Land begonnen hat, als Menschen noch Jäger, Sammler oder Bauern waren, wird verschiedenen Aufbereitungsprozessen unterzogen, was geerntet oder geschlachtet wurde, waschen wir, schälen, schneiden, kochen, frittieren, um es genießbar zu machen. An einem Fließband-Imitat, dessen Handkurbel man selber betätigen muss, kann man die ersten Entwicklungsschritte der Industrialisierung von Lebensmitteln ablesen. Überraschend früh – 1804 – gab es die ersten Konservendosen.
In Betrieben wird gestanzt, geschnitten und gewalzt, gepresst, bis das Format und die Größe perfekt scheinen. Das Extrawurst-Raderl muss auf die Semmel passen, der in Blöcke gequetschte Schinken aufs fast quadratische Toastbrot. Neue Geschmäcker werden industriell aufbereitet und plötzlich gibt es Hummus auch mit Koriander oder Roter Beete. Food Design nennt man das, wenn neue Lebensmittel kreiert werden. Dabei geht es nicht nur die richtigen Zutaten und die richtige Konsistenz, sondern alles bis hin zur verkaufsfördernden Verpackung. In der Ausstellung wird beantwortet, was man sich immer schon gefragt hat. Man lernt etwa, dass bei unter 30-Jährigen Tiefkühlpizza und Sugo aus dem Glas die beliebtesten Fertigprodukte sind.
Wie aber sieht die Zukunft der Ernährung aus? Ein Bauer hat früher eine ganze Familie ernährt, in den 1970ern waren es schon zusätzliche drei Personen, heute versorgt ein einziger Bauer 20 Menschen. Man erfährt viel über alternative Eiweißquellen, denn dass es zum Fleisch – dem wichtigsten Eiweißlieferanten – angesichts von Bevölkerungswachstum und Ressourcenverbrauch rasch Ersatz geben muss, macht die Ausstellung ebenfalls deutlich. Von Algen über Mehlwürmer bis zu Süßlupinen, ja sogar In-vitro-Fleisch (Laborfleisch) – es wird fleißig geforscht und gearbeitet.
Im Abschnitt „Kochen als Kulturtechnik“ stellt Kurator Alexander Szadeczky nicht nur Konservierungsmethoden und -verfahren vor, sondern auch Ernährungskonzepte wie Paleo oder Konsumprotestformen wie die Freegans, die sich mit dem, was sie essen, gegen die Wegwerfgesellschaft auflehnen. Der Kurator weist außerdem auf die Aquaponic-Anlage und die Vertical Framing-Kultur hin: „Im Gutshof können Gäste innovative Produktionskonzepte, die heute als ressourcen- und klimaschonende Verfahren gelten, hautnah erleben.“

(c) Nofrontiere/Evelyn Leiter

Der Ausstellungsteil im Schloss Niederweiden nähert sich dem sinnlichen Teil des Essens. Auch dort gibt es viel zu be-greifen. Noch ehe man die Ausstellungsräume betritt, kann man einen Streifzug durch die original in Barock eingerichtete Wildküche gleich beim Eingang des Anwesens machen. Dort bekommt man einen lebendigen Einblick in die Ernährung von damals, Kräutersammlung und Konservierungsmethoden inklusive. Dann geht es im Schloss weiter mit vier interaktiven Installationen. Sie sind an den Sinnen Sehen, Hören, Fühlen und Riechen der Naturschätze ausgerichtet. Das Sprichwort „Das Auge isst mit“ ist nicht bloß eine Floskel. Blaues Ketchup konnte sich selbst mit dem kessen Namen „Stellar Blue“ nicht durchsetzen. Bei Kartoffelchips ist der „Crunch-Sound“ für mindestens so ausschlaggebend wie der Geschmack.
Dafür steht die Kirsche für natürliche und kulturelle Schönheit. Der Apfel ist Symbol für Erde, Sexualität, für Fruchtbarkeit, Leben und Reichtum. Der rituellen und symbolischen Bedeutung der Lebensmittel wird Rechnung getragen, indem sie in einen religiösen oder sozialen Kontext gestellt werden. Wie fühlen sich Gummibärchen an, wenn man ins Volle greift, oder Mehl? Das kann jeder selbst ausprobieren, denn auch die Haptik oder die Konsistenz von Nahrungsmitteln beeinflussen unser Essverhalten maßgeblich.
Ein Fragespiel in futuristischer Optik stellt einen vor echte Gewissensfragen: Auf was verzichten wir leichter, auf Fleisch oder auf unser Smartphone? Sind wir offen für neue Ernährungserfahrungen? Nach einem Knopfdruck sieht man via Farbregler, welche Antwortvariante überwiegt. Die Schau ist voller spannender Zusammenhänge. Und man geht nächstes Mal sicher satt an Wissen und mit bewusstseinserweiternden Eindrücken in den Supermarkt.

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