„Ethik ist immer relativ“

„Ethik ist immer relativ“

Der Moraltheologe Michael Rosenberger kennt die Prinzipien ethischer Veranlagung. Der Wissenschafter sitzt in der Gentechnik-Kommission des Bundes und im Ethikboard der Kepler Fonds KAG. Im Interview erklärt Rosenberger, wie man sein Geld moralisch veranlagt.

Interview: Ulrich Ahamer

Univ.-Prof. Michael Rosenberger ist Institutsvorstand für Moraltheologie der katholischen Privatuniversität Linz, seit 2004 Mitglied der Gentechnik-Kommission des Bundes und Mitglied im Ethikboard des Kepler Ethikfonds sowie Mitglied in zahlreichen internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen. (c) Privat

Warum soll man über Geld sprechen? Der Volksmund will es ja nicht.
Michael Rosenberger: In unseren Breiten gilt Geld als etwas Intimes und Privates. Aber der Umgang damit hat erhebliche soziale und ökologische Auswirkungen. Deswegen muss es Thema sein, wie mit Geld umgegangen wird.

Erlaubt die Bibel bei Fragen nach Geld und Reichtum eine Auslegung nach Gutdünken? Je nach Weltanschauung könnte man zitieren „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht … euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Oder aber das Gleichnis der anvertrauten Talente. „Wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“
Rosenberger: Das Talente-Gleichnis ist ein sehr schwieriges, weil sich die beiden Versionen bei Lukas und Matthäus zum Teil widersprechen und gegenläufig sind. Es ist schwierig herauszufinden, was Jesus mit diesem Gleichnis sagen wollte. Es gibt im Alten und Neuen Testament jedoch einige Richtlinien für den Umgang mit Geld. Da geht es immer um den ehrlichen, redlichen Zugang, dem Verbot des Betruges. Zum Zweiten geht es um die soziale Verantwortung. Geld ist nicht nur Privatsache, sondern eine Möglichkeit, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen.

Eine Frage zu den Zehn Geboten. Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut. Geht es hier primär um den Schutz des Eigentums?
Rosenberger: Ich würde es primär als Schutz des Eigentums verstehen. Die Zehn Gebote sind ja nicht alles, was die Bibel zum Umgang mit Geld und Besitz sagt. Hier geht es um Respekt gegenüber dem Eigentum anderer, damit stabile Beziehungen in der Gesellschaft möglich sind. Doch schon die Bibel geht weit über die Zehn Gebote hinaus, um eine Ethik zur Verteilungsgerechtigkeit zu begründen.

Wie kann man erklären, dass es in Fragen der Veranlagung keine so klaren Grenzen gibt, nicht schwarz-weiß, sondern viele Grautöne.
Rosenberger: In der Ethik sind immer zwei Ebenen aktiv. Zuerst geht es um Prinzipien. Hier geht es um Grundsätzliches, hier ist es schwarz-weiß. Da kann man sagen, das ist ein gutes Handlungsprinzip, das ist ein schlechtes. Dies deshalb, weil Prinzipien so abstrakt formuliert sind, dass sie zu einer relativ hohen Eindeutigkeit führen können. Auf der zweiten Ebene geht es um konkrete Einzelfälle. Da kann man nicht mehr so eindeutig unterscheiden. Man wird feststellen, dass in vielen Fällen eine Handlung sowohl etwas Gutes, als auch Schlechtes bewirken kann. Jetzt kommt es auf die Bewertung an, denn Unerwünschtes kann ja nicht ungeschehen gemacht werden.
Die Frage lautet dann: kann das verantwortet werden, ist es sinnvoll, soll es vielleicht sogar gemacht werden? Oder muss gesagt werden, da überwiegt das Negative so stark, dass es nicht gemacht werden darf.

Welche Rolle spielt die Finanzwirtschaft im Klimaschutz? Im Pariser Vertrag wird darauf explizit verwiesen.
Rosenberger: Die Hebelwirkung ist sicher nicht gering. Man weiß, wie stark gerade börsennotierte Unternehmen von den Finanzflüssen abhängig sind. Diejenigen, die Geld im größeren Maßstab investieren, entscheiden darüber, wie sich ein Unternehmen entwickelt und wie es sich in Fragen des Klimaschutzes oder anderen ethischen Fragen verhält. Wenn ich in ein Unternehmen investiere, das hinsichtlich Klimaschutz sehr rücksichtslos umgeht, dann unterstütze ich das durch mein Investment. Umgekehrt, wenn Geld abgezogen und in eine saubere Industrie investiert wird, ist das auch ein sehr starkes Signal an das Management, dass hier etwas getan werden muss.

Die Österreichische Bischofskonferenz hat sich mit 1. Jänner eine sehr klare Richtlinie über ethische Geldanlage verordnet. Da sie einstimmig verabschiedet wurde, ist das auch verbindlich. Wie ist das zu bewerten?
Rosenberger: Revolutionär ist vielleicht ein zu starkes Wort, aber es ist ein sehr einschneidender Schritt für die katholische Kirche in Österreich. Jetzt müssen sich alle Diözesen daran halten und die Richtlinien der ethischen Geldanlage umsetzen, da kann sich jetzt keine herausnehmen. Das ist ein ganz bedeutender Schritt in die richtige Richtung. Eine Vorbildfunktion für andere Player am Markt.

Welche Folgewirkung erhoffen Sie sich?
Rosenberger: Das wird Kreise ziehen, weil die Kirche jemand ist, dem Beachtung geschenkt wird. Gleich ob wohlwollend oder kritisch, man wird beachtet. Das stößt eine Diskussion an, auch andere Institutionen werden ihre Finanzierung sukzessive ändern. Finanzdienstleister werden Produkte auf den Markt bringen, die den neuen Standards entsprechen, weil sie mit der Kirche im Geschäft bleiben wollen. Diese Finanzprodukte stehen dann einem breiten Publikum zur Verfügung.

Sie sitzen im Ethikboard des Kepler Ethikfonds. Bitte beschreiben Sie kurz Ihre Aufgabe. Wie gehen Sie hier vor?
Rosenberger: Das Ethikgremium hat wie das ökonomische Gremium ein Vetorecht. Wenn wir im Ethikgremium sagen, das geht aus bestimmten Gründen gar nicht, dann akzeptieren das die Banker. Vetos fallen aber nur sehr selten, in der Regel fallen die Entscheidungen im Konsens. Es geht darum, ethische und ökonomische Aspekte in eine gute Balance zu bringen.

Was ist schwieriger: Ein ethischer oder ein ökonomischer Kompromiss?
Rosenberger: Das hängt immer von den Menschen ab, wie kompromissfähig sie sind. Wie sehr ist man etwa bereit, sich auf die Logik der anderen Argumente einzulassen. Das ist die Grundvoraussetzung für eine gute Entscheidung. Ich glaube, dass wir das im Keplerfonds sehr gut schaffen.

Wie gesellschaftlich relativ sind einzelne Positionen? In Österreich und Mitteleuropa gibt es eine sehr kritische Position zur grünen Gentechnik – in den USA beispielsweise nicht.
Rosenberger: Ethik ist relativ, sie kann immer nur aus Erfahrungen schöpfen. Erfahrung wiederum hängt von konkreten Lebens- und Kulturhorizonten ab, in denen man zuhause ist. Ethik ist nicht die Beurteilung für die Ewigkeit, sie gilt immer in Relation zu einer konkreten geschichtlichen Erfahrung, die man gemacht hat. Bei der Frage der Gentechnik geht es immer darum, welche Art von Landwirtschaft gewollt ist. Ohne diese Klärung kann die Frage zur grünen Gentechnik nicht sinnvoll beantwortet werden.

Wie sehen Sie als katholischer Moraltheologe die agnostische Sicht auf Moral und Werte, ohne Gottesbezug, rein auf Basis von gesellschaftlichen Konventionen und der säkularen Verfassung des Staates?
Rosenberger: Ich kann damit sehr gut leben und umgehen. Moral braucht die Religion nicht. Moral kann auch ohne Gott formuliert und begründet werden. Der moderne säkulare Staat versucht so etwas, in dem er bestimmte ethische Standards für die Bürger verbindlich setzt. Ich würde aber mit dem Philosophen Jürgen Habermas, der sich als „religiös unmusikalisch“ bezeichnete, sagen: Die Religionen können bestimmte Erfahrungen, die sie selbst in ihrem Regelsystem gespeichert haben, profilierter einbringen, als es in einem säkularen Staat geht.

In der Veranstaltungsreihe „Werte Leben“ dieser Tage in Innsbruck forderte Fred Luks, Leiter des Kompetenzzentrums Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien, die Zuhörer unmissverständlich auf, „nicht naiv“ zu sein und sich für politische Lösungen stark zu machen. Wie sehen Sie das?
Rosenberger: Man darf das Heil der Welt natürlich nicht von den ethischen Geldanlagen erwarten. Ein großes Potenzial löst noch nicht alle Probleme. Dafür braucht es politische Rahmenbedingungen. Etwa Ökosteuern einführen, die auch von der Kirche in vielen Dokumenten schon bejaht wurden. Wenn Treibhausgase emittiert werden, wird für jede Tonne eine entsprechende Steuer eingehoben. Wer die Umwelt belastet, muss dafür zahlen. So würde sehr schnell und effizient eine Entwicklung in Gang kommen, die zu mehr Klimaschutz führt. Nicht alles lässt sich mit ethischen Geldanlagen regeln, gleichwohl sie ein wichtiges Instrument sind.

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