Freundschaft durch Streitkultur

Freundschaft durch Streitkultur

Die Raiffeisenbank Langenlois präsentierte den in Buchform gegossenen Schlagabtausch zwischen Erwin Pröll und Peter Turrini.

Von Hermann B. Hackl

Das Buch ‚Zwei Lebenswege – Eine Debatte’ ist keine Biografie, sondern soll ein Signal an die heutige Zeit sein“, bekräftigt Altlandeshauptmann Erwin Pröll vergangene Woche im randvollen Saal der BauAkademie im Schloss Haindorf. Gemeinsam mit Journalist und Buchautor Herbert Lackner folgte er dem Ruf von Hannes Rauscher, Geschäftsleiter der Raiffeisenbank Langenlois, nach Niederösterreich und stellte das im Ueberreuter-Verlag erschienene Werk vor. Es soll zeigen, dass Freundschaft zwischen Menschen im Gespräch wachsen kann – auch wenn sie noch so weit im Einschätzen und Empfinden auseinander sind, führt Pröll fort, der während den offenen Diskussionen zum Buch immer wieder an einen Satz denken musste: „Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann.“ Bestätigt wird er im Buch von Peter Turrini, der, durch ein gewisses Maß an Radikalität gegen sich selbst und auch gegen den anderen, den Leser mit Aussagen zum Widerspruch reizen will. Auch unter diesen Prämissen lasse sich die Freundschaft zwischen Gesprächspartnern aufrechterhalten, wie die „Lebensdebatten“ von Erwin Pröll und ihm beweisen.

Im Widerspruch vereint

Beide sind Kinder der Nachkriegszeit. Beide wurden sie in Österreich geboren und wuchsen in ländlichen Milieus auf – trotzdem trennen sie bis heute zumindest ideologische Welten: Peter Turrini, Jahrgang 1944, der seine ersten Lebensjahre als gesellschaftlich isoliertes Kind italienischer Einwanderer im Kärntner Lavanttal verbringt, und der wohlbehütete Bauernbub Erwin Pröll, geboren 1946 im 300-Seelen-Dorf Radlbrunn. Der eine wird zum Schriftsteller und kommunistischen Systemkritiker, der andere zum konservativen Langzeitpolitiker. Mitte der 70er-Jahre folgt die erste Kollision der keineswegs konfliktscheuen Charaktere im Kampf um die „Alpensaga“. Die von Turrini und Wilhelm Pevny konzipierte Fernsehserie soll das Bild des Bauernstandes von Grund auf verändern. Heftig kritisiert wurde die Serie vor allem vom ÖVP-Bauernbund – mittendrin Erwin Pröll.

Hannes Rauscher, Erwin Pröll, Herbert Lackner, Adi Feichtinger (RB Langenlois) stellten das Buch vor über 200 Gästen vor.

Hannes Rauscher, Erwin Pröll, Herbert Lackner, Adi Feichtinger (RB Langenlois) stellten das Buch vor über 200 Gästen vor. (c) RB Langenlois

Über 40 Jahre später beschert im Jahr 2016 die Ausstellung „Die Siebziger“ den beiden einen gemeinsamen Bühnenauftritt auf der Schallaburg in Melk und lässt sie über Erfahrungen aus dieser Zeit plaudern. Das Gespräch entwickelt sich zu einem spannenden Dialog über persönliche Wertvorstellungen und die konträren politischen Überzeugungen. Der Gedankenaustausch macht Pröll und Turrini augenscheinlich Spaß, die Idee zur Vertiefung der Debatte in Form eines Buches ist geboren.

Mit Herbert Lackner wurde eine publizistische Koryphäe als Gesprächsleiter für die „Lebensdebatten“ gefunden. Dieser interpretierte seine Rolle „fallweise als Dompteur, fallweise als Mediator und andererseits ab und zu auch als Anheizer dieser Gespräche“, schildert der frühere Profil-Chefredakteur. Lackner hat, so Pröll, mit seiner immensen Erfahrung, seinem bewundernswert großen historischen Wissen und sensiblen Gespür den richtigen Weg durch zwei diametral verlaufende Lebensgeschichten gebahnt.

Drei Debatten mündeten in das Werk ein. Die erste im „Haus Nummer 48“ in der Heimatgemeinde Prölls in Radlbrunn. Die zwei weiteren Streitgespräche fanden in Turrinis Wahlheimat Kleinriedenthal im nördlichen Weinviertel sowie im Vierkanthof Lackners in Weistrach im westlichen Mostviertel statt. Dabei offenbarte sich neben all den Widersprüchen der beiden Persönlichkeiten ein gemeinsamer Nenner: die Affinität zur Kultur.

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