frische Luft, frisches Wasser, frische Kunst

frische Luft, frisches Wasser, frische Kunst

Wie wichtig ist Wien für den globalen Kunsthandel? Und welche Rolle spielt dabei die viennacontemporary? Die künstlerische Leiterin Christina Steinbrecher-Pfandt, die bald ganz nach San Francisco geht, im Interview.

Von Stefan Niederwieser

Der Oktobertermin früher war ungünstig, ist im September alles besser?
Christina Steinbrecher-Pfandt: Alles ist besser. Wir sind jetzt vor den Messen in den Finanzzentren London und Paris und eröffnen die Herbstsaison.

Christina Steinbrecher-Pfandt, Künstlerische Leitung (c) Kristina Kulakova

Wie haben sich Besucher und Umsätze entwickelt, seit die Messe als viennacontemporary geführt wird?
Steinbrecher-Pfandt: Letztes Jahr waren es 30.000 Besucher, jährlich sind wir um etwa zehn Prozent gewachsen. Die Umsätze der Galerien kennen wir nicht, weil sie diese nicht melden müssen. Wir stellen aber sicher, dass gute Galerien teilnehmen und entsprechende Kunden kommen. Das funktioniert in Wien aktuell in genau dieser Dimension, mehr als 110 Galerien wäre schon zu groß. Und sehr viele kommen wieder – jedes Jahr oder jedes zweite Jahr.

Rechnen Sie wieder mit einem Rekordjahr?
Steinbrecher-Pfandt: Die Messe hat sich inzwischen überall herumgesprochen, die Galerien unterstützen uns, deshalb hoffen wir auf zumindest dieselben Besucherzahlen; und dass Leute, die sich letztes Jahr noch nicht getraut haben zu kaufen, das heuer tun.

Für den Kunstmarkt war 2016 noch ein relativ schlechtes Jahr. War das auch auf der Messe zu spüren?
Steinbrecher-Pfandt: Den Eindruck hatte ich nicht, das Geld saß nicht so locker, die Galerien haben sich aber angepasst und Werke mitgebracht, von denen sie wussten, dass sie gekauft werden.

Es gab die Ansage, man möchte unter die Top Fünf der Kunstmessen weltweit aufsteigen. Geht das in den Marxhallen überhaupt?
Steinbrecher-Pfandt: An den Hallen liegt es nicht. Wir sind jedes Jahr besser geworden, können sicher Top Fünf werden, die Frage ist, woran man das misst. Wir können internationale Besucher – derzeit machen sie ein Drittel der Besucher aus – sicher noch mehr an uns binden.

Kann man sagen, dass die Zentren für Handel mit zeitgenössischer Kunst immer noch London, Paris, Amsterdam und Mailand sind?
Steinbrecher-Pfandt: Dort, wo viel Geld umgesetzt wird, wird auch viel Kunst umgesetzt. Zahlreiche Besucher haben auch noch eine Business-Agenda, sie machen diese Termine nebenher. Wenn man nach Wien fährt, muss man sich dagegen Zeit für die Kunst freischaufeln, man konzentriert sich auf die Messe und ihr Programm. Sie ist sozusagen reines Vergnügen.

Wo liegt dann der Fokus, was möchte man in den nächsten Jahren stärken?
Steinbrecher-Pfandt: Das zeitgenössische Bild von Wien … das ist international noch nicht verankert. Als wir vor sieben Jahren angefangen haben, wurde uns oft die Frage gestellt, ob Wien überhaupt eine solche Messe braucht, denn die Stadt hätte zwar alles, aber nur keine zeitgenössische Kunst. Wir stellen in dieser Woche das zeitgenössische Wien heraus, dafür muss man kommen.

Wie geht das konkret, man lädt internationale Journalisten ein, redet mit Wien Tourismus, der Wirtschaftskammer …?
Steinbrecher-Pfandt: Wir haben zwei Filme über junge Galerien und die Lebensqualität der Stadt produziert. Das wird noch nicht richtig verkauft, alle freuen sich, wenn Wien bei internationalen Studien gewinnt, aber einen Tag später wird Sissi schon wieder aus dem Schrank geholt. Frische Luft, frisches Wasser, organisches Essen, das sind relevante Faktoren für Leute aus dem Ausland. Die müssen wir professionell ausarbeiten, denn andere Standorte wie Brügge, Oslo oder Kopenhagen konkurrieren mit uns.

Ist die österreichische Galerienszene pro Kopf eine der leistungsstärksten?
Steinbrecher-Pfandt: Ich denke schon. Es wurde über Jahrzehnte hohe Qualität mit nationalen und internationalen Künstlern gezeigt. Belgien ist pro Kopf auch weit vorne.

Der Kunstmarkt ist in den letzten zehn Jahren sehr gewachsen und war auch relativ krisenresistent …
Steinbrecher-Pfandt: … ja, im Auktionsmarkt und im Blue Chip-Handel, also dem mit den teuersten Künstlern. Ich war vor der Finanzkrise in London, da ging die Post ab, Studentenausstellungen wurden leergekauft, der ganze Osten der Stadt war übersät mit Galerien. Das kam danach nie wieder, viele haben geschlossen oder sich verkleinert, alle möchten jetzt wieder posh sein und in den Westen der Stadt. Die Finanzkrise hat das überschüssige Kapital eingefangen, die Leute geben das aber nicht mehr so aus. Im Investment-Sektor sieht es schön aus – gelegentlich wird gesagt, dass dieselben Leute einfach mehr Kunst kaufen. Kunst ist eine sichere Anlage, wenn es die toten und halbtoten Künstler betrifft. Es gibt dort eine fixe Zahl an Werken eines Künstlers. Es gibt gerade einen Run auf solche Estates, viele große Galerien unterzeichnen Estates, dort lässt sich noch der Preis bestimmen.

Und man kann Steuern vermeiden, indem man die Kunst in Freeports parkt.
Steinbrecher-Pfandt: Das kann man. Indem man Kunst nicht zu sich nach Hause holt, sondern als reines Investment betrachtet.

Viele andere Messen werden von großen Luxusmarken gesponsert, warum ist das bei viennacontemporary nicht so?
Steinbrecher-Pfandt: Sponsoren sehen sich die Verkaufszahlen ihres Produkts im jeweiligen Markt an, das schlägt sich in einem kleineren Land wie Österreich nicht positiv nieder. Wir arbeiten daran, dass wir größere Wellen schlagen, als es die Verkaufszahlen der Markenprodukte hergeben, damit wir solche Sponsoren überzeugen.

Hat man nun alle Galerien aus Österreich zusammen, nachdem anfangs etwa Thaddaeus Ropac nicht teilgenommen hatte?
Steinbrecher-Pfandt: Alle sind da, alle sind Fans.

Nimmt man denn Einfluss auf das, was ausgestellt wird?
Steinbrecher-Pfandt: Nein, und ja. Es gibt ein Komitee, das im Sinn der Messe Empfehlungen an Galerien aussprechen kann, damit möglichst das Beste aus ihrem Programm nach Wien kommt.

Kommen Celebrities zur viennacontemporary?
Steinbrecher-Pfandt: Es gibt einige – Fußballspieler, Schauspieler –, die sammeln, aber normalerweise nicht dazu interviewt und auch nicht fotografiert werden wollen.

Wie wichtig ist es, beim Pre-Opening dabei zu sein?
Steinbrecher-Pfandt: Ein Selfie geht immer. Will man sicherstellen, dass man etwas zuerst kaufen kann, sollte man beim Pre-Opening jedenfalls dabei sein.

viennacontemporary von 27. bis 30. September, Marxhallen Wien.

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