Für das Christkindle

Für das Christkindle

Weihnachten ist die perfekte Zeit, um sich Geschichten rund ums Fest hinzugeben. Von Klassikern und solchen, die es werden könnten.

Von Ulrike Schöflinger

Die weltweit wohl bekannteste Weihnachtserzählung – nach dem biblischen Original – handelt von Ebenezer Scrooge, einem reichen, alten Grantler, der von drei Geistern besucht wird und sein bitteres Leben ändert. Das Buch aus dem Jahr 1843 fängt den Geist des viktorianischen Zeitalters ein und verarbeitet dabei zahlreiche sozialkritische Untertöne. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Weihnachten wiederentdeckt. Dickens war es dabei wichtig, das Humanistische, das Wohltätige und das Familiäre des Fests herauszustreichen. Das gelang ihm so nachdrücklich wie sonst wohl niemandem – keine andere Weihnachtsgeschichte wurde so oft verfilmt und wird so häufig auf Bühnen, im Radio und Fernsehen zum Besten gegeben.
Wie die beiden Schusterkinder Sanna und Konrad die Weihnachtsnacht statt mit ihren Eltern in der kalten Höhle eines Berges verbringen, hat Adalbert Stifter nur zwei Jahre später, im Jahr 1845, in „Bergkristall“ niedergeschrieben. Die Kinder besuchen ihre Großeltern, beim Rückweg überrascht starker Schneefall die Kinder, ein roter Wegweiser wurde verweht. Sie verlaufen sich in den Bergen, sehen einmalige Naturschauspiele und schaffen es, mithilfe eines mitgegebenen Weihnachtsgeschenks wach und am Leben zu bleiben. In diese spannende, entschleunigte Erzählung wird man förmlich hineingesogen. Die meisterliche Beschreibung der Kinder in ihrem Schicksal sowie der bergigen Eis- und Schneewelt lässt bedrohliche und doch wunderschöne Bilder im Kopf entstehen.
Der Steirer Peter Rosegger schrieb in seiner Geschichtensammlung, die 1900 erstmals veröffentlicht wurde, in „Als ich Christtagsfreude holen ging“ über den Jungen Peter. Dieser soll für seine große Familie die Zutaten fürs Festessen im entlegenen Dorf holen. Es ist Heiliger Abend. Im Ort muss er vom Holzhändler das Geld einfordern, das dieser seinem Vater schuldet. Der Bub wird auf die Probe gestellt. Nur durch die Güte kann er das erfüllen, was ihm seine Eltern aufgetragen haben. Die Geschichte handelt von Wohlwollen zu Zeiten, als das Leben in den steirischen Bergen noch sehr mühselig war, von Gutgläubigkeit, Hinterlist und von Herzensgüte.

Mr. Fezziwig war der erste Chef von Ebenezer Scrooge in Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. Der erste Geist zeigt dem alten Grantler seine unschuldige Jugend. (c) John Leech

Immer wieder hat auch Astrid Lindgren ihre Geschichten rund um Weihnachten angesiedelt, seien das nun die Kinder von Bullerbü, Pippi Langstrumpf, Madita oder Michel aus Lönneberga. Vierzehn Geschichten, die alle grob fünfzig Jahre alt sind, hat der Oetinger Verlag kürzlich zusammengestellt und mit originalen Illustrationen versehen. Wer Astrid Lindgren kennt, weiß, dass diese Geschichten nicht nur bei Kindern hervorragend ankommen. Diese Sammlung schickt sich an, zu einem echten Klassiker zu werden. Seit Erscheinen führt sie rund um die Weihnachtszeit die einschlägigen Bestenlisten an. Mittlerweile ist „Weihnachten mit Astrid Lindgren“ auch als Hörbuch erschienen.
In der weihnachtlichen Miniatur des großen amerikanischen Romanciers Paul Auster aus dem Jahr 1990 entpuppt sich der Protagonist Auggie Wren als Mann mit einem großen Herz. Er ist Verkäufer in einem Zigarettengeschäft in Brooklyn, New York. Sein Herz schlägt aber für die Fotografie. Er erzählt einem Kunden die Geschichte von einem Ladendiebstahl, einer verlorenen Geldbörse und dem kleinen Schwindel einer alten, blinden Frau gegenüber. Eine Weihnachtsgeschichte voller Charme über einen kleinen Schwindel, die mit schönen Winterbildern eine mystische Stimmung erzeugt.
Als Antiweihnachtsbuch könnte man Tomi Ungerers „Achtung Weihnachten“ bezeichnen. Die hintersinnigen Kurzgeschichten anderer Autoren sind gut aufeinander abgestimmt und garniert mit Bildern von Ungerer selbst. „Dieses Buch bringt nur die Schieflage ein wenig wieder ins Gleichgewicht, wenn die Werbung zu zuckersüß wird, die Gefühle außer Rand und Band geraten und die Familie sich in den gemeinschaftlichen Kaufrausch stürzt“, meinte ein Kritiker. Altbekanntes ist darin zu finden von einem „Who is Who“ der Literatur – wie etwa Joachim Ringelnatz, Elke Heidenreich, Erich Kästner, Doris Dörrie, Heinrich Heine, Ingrid Noll und viele andere. Dieses Werk ist eine Sammlung von Geschichten zum Fest, gespickt mit viel Humor. Für Kinder ist diese satirische Abrechnung mit den unterschiedlichsten Ritualen und dem Weihnachtszauber nicht wirklich geeignet. Was es aber zu leisten vermag, ist, den Stress und die Hektik abzubauen, indem Tomi Ungerer die Weihnachtszeit ordentlich auf die Schaufel nimmt.
Ähnliche Sammlungen von Weihnachtsgeschichten gibt es natürlich zahlreich. Im Netz sind viele Geschichten, deren Urheberschutz ausgelaufen ist, zu finden. Ganze hundert Exemplare von Tucholsky über Karl Kraus, von Tolstoi bis Oscar Wilde und natürlich Hans Christian Andersen sind für den Kindle um einen Euro zu haben. Wenn man die elektronischen Geräte aber einfach einmal abschalten will und hintersinnige Geschichten mit ebensolchen Illustrationen auf Papier genießen will, dann hilft Tomi Ungerer garantiert gegen den grassierenden Vorweihnachtswahnsinn.