Hereinspaziert

Hereinspaziert

Während viele Städte Weihnachts­märkte aufsperren, hält sich Salzburg an den „Nouveau Cirque“: Das Winterfest, Österreichs größtes Festival für zeitgenössischen Zirkus.

Von Magdalena Meergraf

Zersägte Jungfrauen, Zauberer, tanzende Bären und andere Klischees sucht man hier vergebens: Der Neue Zirkus hat mit traditionellen Darstellungsformen nur mehr wenig zu tun. Entwickelt hat sich „Nouveau Cirque“ in den 70er-Jahren in Frankreich, als Künstler und Künstlerinnen begannen, den klassischen Zirkus in Frage zu stellen. Zeitgenössischer Zirkus strebt ein breites Ausdrucksspektrum an und bedient sich verschiedenster Kunstformen wie Tanz, Theater, Musik und bildende Kunst. Die Produktionen sind unterhaltend, aber nur selten kommerziell. Sie zeigen nicht nur akrobatische Hochleistung, sondern greifen auch Themen auf oder erzählen eine ganze Geschichte.
Mittlerweile ist der Neue Zirkus eine höchst populäre und angesehene Kunstform, die in vielen Ländern bereits gleichberechtigt mit Tanz und Theater existiert. In Österreich ist die Szene noch klein, dabei nimmt das Winterfest – Österreichs größtes Festival für zeitgenössischen Zirkus – eine besonders wichtige Rolle ein. Namhafte Gruppen sowie eine große Bandbreite an Kompanien haben bereits die Zelte im Salzburger Volksgarten bespielt. Und das kommt sehr gut an: An die 30.000 Besucher und Besucherinnen werden heuer bei den 54 Aufführungen erwartet.
Im Programm darf man sich besonders auf ein Wiedersehen mit Cie XY aus Frankreich freuen. Der verstorbene Festivalgründer Georg Daxner hatte die damals noch junge Kompagnie bereits vor zehn Jahren entdeckt und mit ihrem ersten Stück zum Winterfest eingeladen. Heuer kehrt die Gruppe, die inzwischen zu den renommiertesten Ensembles im zeitgenössischen Zirkus zählt zurück. „Damit geht ein lang gehegter Herzenswunsch in Erfüllung“, sagt Intendantin Caroline Stolpe.

(c) David Levene

Das Stückt trägt den Titel „Il n’est pas encore minuit“ („Es ist noch nicht Mitternacht“). Auf die Frage, welche Botschaft dahintersteckt, antwortet Denis Dulon, Gründungsmitglied des Kollektivs: „Jeder von uns legt seinen eigenen Sinn in diesen Satz. Für mich transportiert er Hoffnung. Die Idee, dass noch alles möglich ist, dass es noch nicht zu spät ist, um loszulegen.“ Womit man loslegen soll? „Mit Lachen, Glauben, Singen, Tanzen, Lieben. Wir müssen daran glauben und es in vollen Zügen leben, aber man muss sich beeilen, Mitternacht naht und schon beginnt der nächste Tag.“ Körper katapultieren sich von Sprungbrettern, wirbeln durch die Luft, kreuzen sich im Flug, landen übereinander, bilden Menschentürme. Die schwindelerregenden Konstruktionen können nur durch das Zutun aller im Gleichgewicht bleiben. Cie XY schafft damit ein bildgewaltiges Stück vom Zusammen- und Alleinsein, vom Fliegen und vom Fallen und der Idee einer alltäglichen direkten Solidarität.
Nicht minder spannend sind weitere Kompagnien: Flip FabriQue aus Kanadas Talentschmiede Québec zeigen mit ihrem Stück „Attrape-Moi“ („Fang mich“) ein Plädoyer für die Freundschaft. Die sechs Künstler und Künstlerinnen sind dabei mehr als nur eine Rolle, sie selbst sind die Show. Es sind Freunde, die miteinander Spaß haben und ihre Emotionen mit dem Publikum teilen. Claudio Stellato aus Belgien zeigt mit „La Cosa“ ein absurd-amüsantes Körpertheater rund um einen Stapel Holz. In einer rhythmischen Choreografie wird die Idee vom Erbauen und Zerstören auf die Spitze getrieben, Skulpturen entstehen und zerfallen. Im dritten großen Programmpunkt erinnert die Schweizer Compagnia Baccalà in „Pss Pss“ an die Ästhetik der großen Helden der Stummfilm-Ära.
Auf dem Programm stehen außerdem Konzerte, Filme, Lesungen und Kulinarik. Dieses Konzept macht das Winterfest nicht nur in der Zirkusszene unverwechselbar. Es wird dadurch auch zum niederschwelligen Öffner in die zeitgenössische Kunst für alle.

 

Wovon hängt es ab, ob ein Stück in die engere Auswahl kommt?
Caroline Stolpe, künstlerische Leiterin des Winterfest-Festivals: Zum einen hängt es davon ab, ob wir überhaupt die technischen Möglichkeiten für das jeweilige Stück haben. Zum anderen muss ich natürlich selbst von der Produktion überzeugt sein. Neben aller akrobatischen Höchstleistung muss die Gruppe in der Lage sein, etwas bei mir auszulösen und zu hinterlassen. Der Großteil unseres Publikums sieht Zirkus in dieser Form nur einmal im Jahr, nämlich bei uns. Da sollen die Vorstellungen etwas Außergewöhnliches sein. Jenen Menschen, die sich mehrere Vorstellungen ansehen, wollen wir die große Bandbreite des zeitgenössischen Zirkus zeigen. Jede einzelne Produktion ist für sich einzigartig und gleichzeitig müssen alle Gruppen ein Gesamtbild ergeben. Erst diese Zusammensetzung macht ein spannendes Festival aus.

Was erwartet das Publikum im Programmpunkt „Kaleidoskop“?
Stolpe: Uns ist es ein großes Anliegen, auch die deutschsprachige Szene zu stärken und jungen Kreationen eine Plattform zu geben. So wird zum Beispiel Ralph Öllingers „Madman” oder die Fußjonglage von Ariane & Roxana zu sehen sein. Wir wollten außerdem einen Schwerpunkt innerhalb des Programms schaffen, der ohne Auslastungsdruck gestaltet werden kann. Hier können wir dem Publikum die ersten Schritte von Zirkusproduktionen zeigen und für die jahrelange harte Arbeit der Artisten und Artistinnen sensibilisieren.

Im vergangenen Jahr ist der Neue Zirkus erstmals in die Förderrichtlinien für Kunst und Kultur des Bundeskanzleramts aufgenommen worden. Hat die Förderung etwas gebracht?
Stolpe: Das war ein wichtiges Signal. Der zeitgenössische Zirkus wurde somit erstmals als eigene Kunstform erkannt. Ich habe schon das Gefühl, dass dies in der Künstlerszene eine Motivation ausgelöst hat, Stücke zu kreieren. Eine der dringendsten Ressourcen bleibt aber immer noch die Infrastruktur, in der Zirkusakteure heranwachsen können. Der Verein Circusschulen in Österreich und der Verein MOTA haben erst kürzlich ein Trainingszentrum in Salzburg gegründet und damit einen großen Traum von Evelyn und Georg Daxner verwirklicht – nämlich Ausbildungsmöglichkeiten für zirkusbegeisterte Menschen.

Eine Definition für zeitgenössischen Zirkus zu formulieren, ist schier unmöglich. Wie würden Sie jemanden die Idee dahinter erklären?
Stolpe: Ich bin kein großer Fan von strikten Trennungen und Schubladen. Es gibt viele Gruppen, die an der Schnittstelle arbeiten. Für mich liegt der größte Unterschied jedenfalls darin, dass der traditionelle Zirkus die körperliche Leistungsfähigkeit möglichst glamourös zur Schau stellt. Der neue Zirkus bedient sich zwar derselben körperlichen Techniken, sie sind aber nur noch das Mittel, um das Inhaltliche in den Vordergrund zu stellen.

Muss immer eine Botschaft dahinterstecken oder kann Neuer Zirkus auch einfach unterhaltend sein?
Stolpe: Ich würde schon sagen: Ja. Weil ich der Meinung bin, dass Kunst immer eine Botschaft haben sollte. Ob man diese auch erkennt und was man damit macht, bleibt einem selbst überlassen. Das Tolle daran ist, dass diese Botschaften jenseits von Sprache und Hintergrundwissen funktionieren.