Hochkonjunktur in Österreich hält an

Hochkonjunktur in Österreich hält an

Osteuropa hält den Wachstumsvorsprung vor der sich ab­kühlenden Eurozone. Die politische Großwetterlage könnte die Stimmung auf den Aktienmärkten im Sommer verhageln. Danach steigen wieder die Aussichten auf Sonnenschein, geht aus der RBI-Kapitalmarktstrategie für das dritte Quartal hervor.

Von Christian Lovrinovic

Die Konjunktur in der Eurozone hat den Zenit überschritten, dennoch wird auch heuer und im kommenden Jahr das Wirtschaftswachstum robust ausfallen. „2017 war noch die Frage: Wie viel Aufwärtspotenzial hat die Konjunktur? 2018 lautet sie: Wie hoch sind die Abwärtsrisiken für den Konjunkturverlauf?“, erklärt Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek zu den aktuellen Prognoseschätzungen. Die Risiken seien in erster Linie politischer Natur wie der Brexit, die Unsicherheiten in Italien, die ungelöste Regierungs­situation in Deutschland, die zu einer Blockade der EU führen könnte, aber auch die Migrationsthematik. Die größte Bedrohung für das

„Drei Prozent Wirtschaftswachstum ist für Österreich eine nach wie vor sensationell hohe Zahl.“ – Peter Brezinschek
(c) RBI

Wirtschaftswachstum sieht Brezinschek allerdings im Handelskonflikt zwischen den USA, China und der EU. Diese Risiken seien auf den Märkten noch nicht eingepreist, daher sei man für die Sommermonate vor­sichtig hinsichtlich riskanter Assetklassen wie Aktien, wo negative Kursentwicklungen ausgelöst werden könnten. Die ökonomischen Fundamentaldaten seien dagegen „gar nicht so schlecht“. Für heuer erwarten die Experten von Raiffeisen Research eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums der Eurozone auf 2,25 Prozent, nach 2,6 Prozent im Vorjahr. Auch 2019 dürfte sich die Abkühlung mit 1,7 Prozent fortsetzen. Dennoch liege man damit aber über dem Potenzialwachstum, das von der EU-Kommission mit 1,3 Prozent beziffert wird.
„In Österreich haben wir eine gewisse Sondersituation“, berichtet Brezinschek. Die für 2018 prognostizierte Zunahme des Bruttoinlandsproduktes (BIP) wurde von 2,8 auf 3,0 Prozent aufgrund des starken Wachstums von über 3 Prozent im ersten Quartal nach oben revidiert und liegt damit auf dem Niveau des Vorjahres. „Das ist für Österreich eine nach wie vor sensationell hohe Zahl“, betont der Chefökonom. Hintergrund für die hohe Wirtschaftsdynamik sind die anhaltend starken Bruttoanlageinvestitionen, die heuer im Jahresabstand um 4 Prozent steigen dürften. „Für nächstes Jahr sehen wir dann beim BIP-Wachstum einen Gleichklang mit dem internationalen Umfeld und einer Verlangsamung des Wachstums auf 1,9 Prozent“, so Brezinschek. So soll es etwa in der zweiten Jahreshälfte zu einer Abschwächung der Wachstumsdynamik im Export kommen.

Hohes Tempo auch in Osteuropa
Auch in der für Österreich wichtigen Region Zentral- und Osteuropa (CEE) ist von der Abkühlung der Wirtschaftsdynamik der Eurozone noch wenig zu spüren. Manche Länder wie Ungarn, Polen, die Slowakei, aber auch Slowenien haben wirtschaftlich positiv überrascht. Diese Länder dürften heuer real um über 4 Prozent wachsen. Im Hinblick auf die Wachstumszusammensetzung ist davon auszugehen, dass der Inlandskonsum weiter expandiert und die Investitionen in einigen Märkten möglicherweise anziehen werden. Etwas enttäuscht habe Rumänien, wenn auch auf einem sehr hohem Niveau. Nach einem Wachstum von fast 7 Prozent im Vorjahr legte die Wirtschaft im ersten Quartal „nur“ um rund 4 Prozent zu. Ähnlich ist es in der Türkei. Für das kommende Jahr erwarten die Raiffeisen-Experten ein Wachstum für die gesamte Region zwischen 3 und 4 Prozent. Damit werde CEE den Vorsprung gegenüber der Eurozone behaupten können.
Russland dagegen weise ein konstantes Wachstum um die 1,5 Prozent aus. Die Unterstützung wird weiterhin von höheren Ölpreisen und einem schwächeren Rubel ausgehen. Eine moderate Erholung sollte es bei der Inlandsnachfrage geben, auch vor dem Hintergrund steigender Löhne im öffentlichen Sektor sowie im Schattensektor. Auswirkungen der Fußballweltmeisterschaft auf die russische Wirtschaft gebe es aber kaum.
Die derzeit neue EU-Haushaltsperiode ab 2021 bis 2027 könnte für Osteuropa aufgrund der Neuverteilung der EU-Kohäsionsmittel weniger Geld bringen. Laut aktuellem Vorschlag der EU-Kommission dürfte die Gesamtsumme zwar nur minimal von 335 auf 329 Mrd. Euro sinken, allerdings bedeute dies einen Rückgang von 175 Mrd. auf 160 Mrd. Euro für die für zentral- und osteuropäischen EU-Länder. Bezogen auf das BIP ergebe sich sogar ein Rückgang der Mittel von 28 Prozent auf 18 Prozent. Der Wachstumsbeitrag dieser Fördermittel könnte von 0,3 bis 0,8 Prozent des BIP auf 0,2 bis 0,4 Prozent sinken.

Geldpolitik ohne Überraschungen

Auch in den nächsten Quartalen sollten die Risikokosten der Banken unter dem langjährigen Durchschnitt bleiben.“ – Stefan Maxian
(c) RCB


Von der Geldpolitik erwartet sich der Chefanalyst für die Sommermonate keine neuen Entwicklungen. Die diametrale geldpolitische Tendenz zwischen den USA und der Eurozone wurde festgeschrieben. In den USA könnte es heuer zwei weitere Zinsschritte geben und nächstes Jahr dürfte der Leitzins in Richtung 3 Prozent gehen. Von der Europäischen Zentralbank sei auf der Zinsseite vorerst nichts zu erwarten, bis Jahresende 2018 werde die Liquiditätsausweitung weitergefahren. „Auch nächstes Jahr wird die Bilanzsumme der EZB konstant bleiben, weil abreifende Staatsanleihen nachgekauft werden. Dann wird die EZB zwischen 180 Mrd. und 200 Mrd. Euro an Tilgungen wieder auffüllen. Die EZB bleibt ein Big Player auf den Rentenmärkten der Eurozone und wirkt damit weiterhin renditedämpfend“, prognostiziert Brezinschek.

Vorsicht auf Aktienmärkten
Auf den Aktienmärkten überwiegen derzeit die Risikofaktoren. Nicht nur seien saisonal die Sommermonate schwache Monate – „auch das Sentiment macht uns vorsichtig“. Obwohl die Gewinndynamik der Unternehmen noch nicht am Ende angelangt sei, dürfte die Korrekturphase überwiegen. Die Gewinndynamik dürfte aber noch drei bis vier Quartale lang anhalten. Bis zum Jahresende sollten die Indexstände wieder höher liegen.
Stefan Maxian, Managing Director Research der Raiffeisen Centrobank (RCB), erwartet, dass der Aktienmarkt, der knapp über der 3.200-Punkte-Marke liegt und seit Jahresanfang im Minus sei, per Jahresende 2018 wieder bei 3.500 Punkten zum Liegen kommt. Die Variation innerhalb der ATX-Titel sei groß, mit dem Versorger Verbund und dem Ölindustriezulieferer SBO an der Spitze als derzeitige Topperformer. Auch die Banken weisen eine starke Entwicklung auf, allerdings weniger aus zusätzlichem Ertragswachstum, sondern aufgrund der extrem niedrigen Risikokosten. „Auch in den nächsten Quartalen sollten die Risikokosten der Banken unter dem langjährigen Durchschnitt bleiben“, so Maxian. Von der anhaltenden Baukonjunktur sollten etwa Palfinger und Strabag profitieren. Am unteren Ende liegen AT&S und Voestalpine. Insgesamt sei das Bewertungsniveau günstig, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liege mit etwa 11 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt von 12 Prozent.
„Für das Sommerquartal rechnen wir mit einer flachen Performance in Österreich und einer schwächeren in einigen CEE-Ländern. Zu Jahresende ist allerdings mit einem Rebound zu rechnen – sollten die Handelskonflikte nicht eskalieren, so ganz nach dem Motto: „Wake me up, when september ends.“

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