Hymnen und solche, die es werden wollen

Hymnen und solche, die es werden wollen

Zur Fußball-Weltmeisterschaft wird gesungen. Nicht nur Fans im Stadion tun es, sondern Latinostars, coole Briten und auch einige Österreicher.

Von Stefan Niederwieser

Zwanzig Jahren ist es her. Österreich hat damals zum letzten Mal bei einer Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen. Das hielt Musiker aus diesem Land allerdings nicht davon ab, Lieder zu singen. Andreas Gabalier sorgte kürzlich für aufgeregte Kommentare, weil er heuer ausgerechnet die deutsche Mannschaft mit einem Lied anfeuert. Der Refrain ist nicht allzu kompliziert. Sein Hit „Hulapalu“ wurde einfach umgetextet, jedes „Hodiodiodiodi Eh“ wird durch „Jogi Löw“ ersetzt. Der Song ist allerdings kein offizieller Beitrag der deutschen Auswahl. Antenne Bayern hatte die Idee. Sollte sich der Gesang allerdings auf den Fanmeilen durchsetzen, kann sich Andreas Gabalier über viele Tantiemen freuen. Gabalier ist aber nicht der erste heimatliche Sänger, der für die Deutschen singt.
Am Anfang stand Udo Jürgens. Er hat vor vierzig Jahren vorausgesehen, dass Österreich in Cordoba die deutsche Mannschaft mit ins Aus in der Vorrunde schießen wird. In „Buenos Dias Argentina“ sang der geborene Kärntner „wird die Zeit hier wie ein Traum sein, den man niemals mehr vergisst“. Und auch der andere große Entertainer der Nachkriegsgeneration hat es getan, Peter Alexander. Er sang acht Jahre später „Mexico Mi Amor“. Im Hintergrund schunkeln Klaus Augenthaler, Karl-Heinz Rummenigge, Berti Vogts oder Lothar Matthäus mit, grinsen fröhlich oder halten eine Trompete beinahe so, als würden sie darauf spielen können. Man kann diese rührseligen Songs als Fortschritt sehen. Denn zur Weltmeisterschaft 74 sangen die deutschen Spieler noch „Fußball ist unser Leben”. Vereinzelt waren Haare zwar etwas länger als die Bundeswehr erlaubt, die Musik selbst klang nach strammer Marschmusik.
Ein spezieller Platz in der Hölle ist für „So gehen die Gauchos“ reserviert. In Brasilien hatte die deutsche Mannschaft vor vier Jahren eine tadellose Weltmeisterschaft gespielt. Sie hatte Brasilien denkwürdig mit 7:1 im Halbfinale überrollt und anschließend Argentinien besiegt. Dabei überzeugte sie mit leidenschaftlichem Spiel auf technisch höchstem Niveau – keine Qualitäten, die deutschen Spielern traditionell unterstellt werden. Die Mannschaft hatte die WM nicht einfach gewonnen, sie hatte sich Respekt erkämpft. Als sie auf der Berliner Fanmeile als Weltmeister empfangen wurden, hatte sie sich etwas ausgedacht. „So gehen die Gauchos, die Gauchos die gehen so“ wurde von vielen als blanker Hohn gegenüber dem argentinischen Gegner empfunden, der beeindruckenden Leistung nicht würdig. Selbst die Frankfurter Allgemeine befand, das war ein gewaltiges Eigentor.
Der allerbeste – weil über sich selbst hinausweisende – Song zu einem fußballerischen Großereignis ist aber wohl „Three Lions“. Die Musik der Lightning Seeds ist hymnisch, im Text können sich auch Fans des österreichischen Fußballs leicht wiederfinden. Denn er verarbeitet das Gefühl, dass die großen Erfolge wohl vorüber sind, dass sich die Hoffnungen auf den großen Sieg seit Jahrzehnten nicht mehr erfüllen. Im Intro des Songs hört man Originalaufnahmen, in denen Sportreporter darüber reden, dass man nicht kreativ genug spiele, dass man weiter mit schlechten Ergebnissen wird leben müssen. Der Song ist zudem ein hervorragender Fall von Cool Britannia. 1996 stand Britpop im Zenith, auf der Insel waren unzählige britische Fahnen zu sehen, Ironie war das Gefühl der Stunde, Lads tranken Bier in Parks und die Young British Artists galten als junge Wilde der Kunstszene. Zu diesem Selbstverständnis der sich auflösenden Arbeiterklasse passte der Song ganz hervorragend.
Ganz offiziell gibt es nun zu Weltmeisterschaften seit über fünfzig Jahren Songs – seit der WM 1962 in Chile. Mit der Zeit wurden es immer mehr. In Brasilien hat man es vielleicht sogar übertrieben, ganze acht Lieder waren es. Dabei fällt die starke Präsenz von

Udo Jürgens singt 1978 „Buenos Dias Argentina“ mit der deutschen Mannschaft. Peter Alexander tut es ihm 1986 mit „Mexico Mi Amor“ gleich. Das augenzwinkernde „Three Lions“ zur Fußball-EM in England. 2018 singt Andreas Gabalier dem deutschen Trainer ein Ständchen. (c) Youtube Screenshots

lateinamerikanischen Musikern auf. Seit zwanzig Jahren ist bei jeder Weltmeisterschaft mindestens einer oder eine dabei. Das mag an Ricky Martin liegen. Sein „La Copa Da La Vida“ gilt als Wegbereiter für den weltweiten Durchbruch lateinamerikanischer Musik. Ricky Martin hatte den Song beim Finale in Paris für ein Millionenpublikum gesungen, vielleicht sogar für ein Milliardenpublikum. Anschließend stand er in mindestens elf Ländern auf der Eins. Seither durften sich Anastacia, Pitbull, Jennifer Lopez oder Nicky Jam am Kunststück eines kalkulierten Sommerhits versuchen. Shakira ist das für Südafrika wohl am besten gelungen. „Waka Waka“ rangiert noch heute auf Platz 26 der meistgesehenen Videos auf Youtube. 1.869.000.000 Mal wurde es gesehen. Und über 10.000.000 Mal digital verkauft.
Natürlich lockt das auch weniger glamouröse Musiker an. „Deutschland schießt ein Tor!” ist vielleicht das schlimmste Etwas, das jemals über Fußball gesungen wurde. Adel Tawils „Flutlicht” oder Oliver Pochers „Schwarz und Weiss“ machen ihm viel Konkurrenz. Ein Song österreichischer Sportreporter klingt vergleichsweise putzig. Sie fantasierten 1978 in „Grüß Euch, wir sind aus Öst’reich” zur Weltmeisterschaft in Argentinien von einem 3:2 im Finale. Finale gab es keines. Aber ein 3:2 gegen Deutschland.

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