Immer dem Naske nach

Immer dem Naske nach

Matthias Naske ist seit fünf Jahren Intendant im Wiener Konzerthaus. Die Zahlen sind erfreulich, das Programm wird dichter und breiter, einmal wollte ihm Gabalier ins Haus grätschen. Das ist ausgestanden. Ihm ist Resonanz wichtiger.

Interview: Stefan Niederwieser

Wie hat sich das Konzerthaus unter Ihnen verändert?
Matthias Naske: Ich freue mich, dass es gelingt, die Kolleginnen und Kollegen zu motivieren. Ich weiß, dass sie es mit mir nicht nur einfach haben, ich mute ihnen viel zu. Auf der anderen Seite bekommen wir viel Resonanz, das macht uns stolz und gibt uns Mut für die Zukunft. Ich werde sicher einmal sagen, das ist es, nach zehn Jahren sollte man sich eine neue Konstellation suchen, aber noch bin ich nicht fertig mit dem Haus und ich hoffe, dass es auch so von anderen gesehen wird. Es ist toll hier zu arbeiten und wahnsinnig anstrengend.

(c) Lukas Beck

Sie haben in fünf Jahren plus 26 Prozent Besucher geschafft, auch durch mehr Konzerte. Das Pensum wird immer höher.
Naske: Absolut. Quantitatives Wachstum kann gefährlich sein. Es spiegelt den unternehmerischen Erfolg wider. Der eigentliche Erfolg ist viel subtiler, er spielt sich im Inneren der Menschen ab, er ist intrinsisch, wenn er ein­tritt, funktioniert auch der unternehmerische. Ich wünsche mir, dass wir uns so über Partnerschaften aufstellen können, mit der Wirtschaft und der öffentlichen Hand, dass wir unseren Job gut machen können. Ich habe mir meine Hörner abgestoßen, weil ich dachte, es ist doch evident, wie wichtig dieses Haus ist, aber nicht überall wird das so gesehen. Das war nicht nur schmerzfrei. Aber wir sammeln weiter Freunde, arbeiten an einem intelligenteren Mitgliedersystem. Wir haben eine fördernde Mitgliedschaft eingeführt, bei der wir um hundert Euro mehr bitten, die vollständig in inklusive Projekte und die Weitergabe des Feuers an die Jugend investiert werden. Das ist ganz im Geiste der Gründungsidee, das Haus wurde aus zivilem Engagement gegründet.

Das Konzerthaus gibt es über hundert Jahre, es braucht Adaptierungen, der Schönberg-Saal soll klimatisiert werden.
Naske: Im Rahmen der Generalsanierung bis 2001 ist wegen der Kosten – die deutlich höher waren als geplant – ein Teil der Vorhaben nicht realisiert worden, der Schönberg-Saal wurde nicht an die Belüftung angeschlossen. Das konnten wir mittels Crowdfunding sicherstellen. Im Juni wird es ein Benefiz-Konzert von Kammermusik-Ensembles der Philharmoniker geben, sie stellen sich unentgeltlich für die Renovierung zur Verfügung, das ist eine starke symbolische Unterstützung, ein schöner Spiegel von Relevanz. Ja, es wäre schön, wenn die öffentliche Hand das Haus angemessen unterstützen würde, aber es geht anders auch. Ich muss offen sagen, baue mehr und mehr auf die Menschen. Wir sind ein privater Verein, das Haus gehört sich selbst und den Menschen, wir als Vorstand sind verantwortlich, das Beste aus dem Haus zu machen. Ich möchte die Entschuldung schaffen und dann weiter an Kraft und an Allianzfähigkeit gewinnen.

Kann die Bawag einfach so einen Kredit kündigen?
Naske: Die Generalsanierung war unglaublich wichtig für das Haus. Aber sie hat 14,8 Millionen Euro Mehrkosten verursacht. Davon sind heute noch 6,4 Millionen bei der Bawag ausständig, das muss gelöst werden. Die Bawag hat den Kredit fällig gestellt – ob das juristisch geht, möchte ich nicht öffentlich bewerten – in Wirklichkeit ist es eine Aufforderung miteinander zu sprechen. Ich versuche mit den Gebietskörperschaften dieses Problem zu lösen, es sind immerhin 18 Jahre, die dieser Kredit schon läuft. Wir sind aus eigener Kraft in der Lage, einen Teil zu finanzieren, aber die ganze Summe würde die Liquidität zu stark belasten.

Das Konzerthaus wäre gut in die Bankenszene vernetzt …
Naske: Durch das Engagement des ehemaligen Generalanwalts Christian Konrad als Präsident gibt es eine starke Achse zum Raiffeisen-Verband; wie auch durch Klaus Buchleitner, der zum Kuratorium gehört. Auch die Erste Bank ist engagiert, Kapsch ist jahrzehntelanger Hauptsponsor des Hauses. Für Konzerne ist es wichtig, angemessene Innovationskraft gepaart mit angemessener Verlässlichkeit zu finden. Wir werden dieses Potenzial weiter schärfen und entwickeln.

Sie haben in einem Interview gesagt, Sie wollen sich an Inhalten der Gegenwart reiben und Irritationen auslösen. Wie macht man das, wenn das Kern-Repertoire historisch ist?
Naske: Irritation kann in unterschiedlichen Subtilitätsgraden passieren, in der Programmierung, im Setting, indem Musiker ihr Wort an das Publikum richten. Sie hat auch mit Resonanz zu tun. Irritation funktioniert nicht, wo vollkommene Harmonie ist. Deshalb wird das Publikum ganz gezielt mit zeitgenössischer Musik konfrontiert. Ich kann Ihnen eine Veranstalter-Wahrheit sagen, je konservativer man programmiert, desto gefährlicher wird es, das Repertoire wird immer enger und wir werden der Qualität der Gegenwart nicht gerecht. Nicht jeder kann und muss alles lieben, aber wir müssen hier so geschickt sein, dass wir Besucher mit Themen konfrontieren, die sie zum Denken anregen. Es gibt da starke Persönlichkeiten, wie Patricia Kopatchinskaja, Pierre-Laurent Aimard oder Martin Grubinger, der hier zeitgenössische Schlagwerk-Konzerte im Großen Saal spielt und das Haus füllt.

Wird man diese Aspekte im Gemischten Satz geballt sehen und hören können?
Naske: Am Beginn stand die Idee von Andreas Schett, dem Leiter des Ensembles Franui. In Wien wird Wein nicht sortentypisch angebaut, es wird der Natur und dem Boden überlassen, das Produkt zu beeinflussen. Deshalb ist der Gemischte Satz immer ein wenig anders. Wir übertragen diese Idee ins Haus, wir gestalten musikalische Blöcke, wir stellen Franui zusätzliche Musiker, beziehen Bildende Kunst und das Wort mit ein, der Abend bekommt ein maßgeschneidertes Ambiente. In den Pausen wird der Satz der Wiener Winzer verkostet, das ist der Rezeption zuträglich, die Stimmung ist besonders, sehr sympathisch. Die Musiker haben mindestens so viele Freude wie das Publikum, sie hören einander zu, haben große Freiheiten, weil ganz unterschiedliche Werke aufeinander treffen.

Wie oft schaffen Sie es selbst abends ins Konzerthaus?
Naske: Ich bin eigentlich immer hier, das ist ein Dilemma für meine Familie, ich wechsle aber nicht die Säle, weil ich mir einbilde, dem Geschehen sonst nicht gerecht zu werden. Ich liebe immer noch die Musik. Wenn ein Konzert fliegt, bin ich der glücklichste Mensch.