Interview mit Generalsekretär Andreas Pangl

PM_361Herr Dr. Pangl, Sie haben mit 1. Oktober die Nachfolge von Dr. Ferdinand Maier als Generalsekretär des Österreichischen Raiffeisenverbandes angetreten. Wie schwer wiegt der Erwartungsdruck?

Andreas Pangl: Ich verspüre keinen Druck, ganz im Gegenteil, ich freue mich auf die Aufgabe, denn immerhin gehören zum ÖRV nicht nur die Interessenvertretung und Beratung, sondern auch der Campus, die Revision und die Raiffeisenzeitung. Ich bin mir bewusst, dass wir derzeit keine leichten Zeiten haben, ich kann aber auf eine gute und engagierte Mannschaft zurückgreifen. Zudem ist mir die Arbeit im Verband ja nicht fremd, zumal ich bereits seit 1990 im ÖRV und seit 1999 im Fachverband der Raiffeisenbanken tätig bin, und über die europäische Vereinigung der Genossenschaftsbanken kenne ich auch die anderen Verbände in Europa.

Welche Tipps hat Ihnen Ihr Vorgänger mitgegeben?

Pangl: Da meine Bestellung zum Generalsekretär des ÖRV schon frühzeitig bekannt gegeben wurde, hatten wir genügend Zeit für eine geordnete Übergabe. Ferry Maier hat mich umfassend und herzlich vorbereitet, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Letztlich muss ich aber natürlich meinen eigenen Weg finden.

Sie sind seit knapp 30 Jahren im Raiffeisen-Sektor tätig. Ist das ein Vorteil für Ihren neuen Job?

Pangl: Das ist auf jeden Fall ein Vorteil, denn ich hatte ja praktisch mit allen Sparten, Stufen und Führungsebenen in allen Bundesländern zu tun. Das ist vor allem für die Interessenvertretung sehr wichtig, weil Raiffeisen in vielen Wirtschaftsbereichen tätig ist und man als Interessenvertreter nah an den Bedürfnissen der Mitglieder sein muss.

Nach so vielen Jahren bei Raiffeisen muss man fast fragen: Was fasziniert Sie an der Idee Raiffeisen?

Pangl: Raiffeisen lebt von Menschen, die ein gemeinsames Ziel erreichen wollen. Bei Raiffeisen haben sie die Möglichkeit, ihre Zukunft mitgestalten zu können. Daraus entsteht eine starke Gemeinschaft, die sogenannte „Raiffeisen-Familie“. Und in dieser Familie fühle ich mich ausgesprochen wohl. Neben der Gemeinschaft fasziniert mich dieVielfalt des Sektors, die ja wiederum nur möglich ist, weil die Idee Raiffeisen so überzeugend ist. Ein System des nachhaltigen Wirtschaftens mit lokaler Verantwortung in einem starken Verbund passt für viele Branchen.

PM_349Welche Aufgaben sehen Sie auf den ÖRV, der Dachorganisation von Raiffeisen in Österreich, zukommen?

Pangl: Ich habe mir drei Schwerpunkte gesetzt: Genossenschaft, Ausbildung und Kommunikation. Zentrale Aufgabe wird die Vermarktung der Genossenschaft als attraktive Rechtsform sein. Denn die Genossenschaft ist mehr als nur Zahlen in der Bilanz, und wir wollen die Genossenschaft auch für neue Geschäftsideen interessant machen. Dazu gibt es schon einige engagierte Initiativen in den Bundesländern und wir wollen nun durch eine eigene Stabsstelle im ÖRV diese Initiativen verstärken und als Drehscheibe agieren. Mein zweiter Schwerpunkt ist die Ausbildung, weil ich glaube, dass die Bildung Investition in Zukunft ist. Wir sind mit dem Campus bereits gut aufgestellt. Die neue Funktionärsausbildung ist prächtig angelaufen und wir haben erst kürzlich 130 Absolventen auszeichnen dürfen. Aber wir müssen uns stärker bemühen, mehr Frauen in den Funktionärskader zu bekommen. Deshalb hat Generalanwalt Walter Rothensteiner beim Raiffeisentag in Graz vergangenen Juni auch den Funktionärinnen-Beirat initiiert. Schließlich liegt mir die Kommunikation am Herzen, sektorintern, aber auch nach außen. Jedes Raiffeisen-Unternehmen leistet einen beeindruckenden Beitrag für die Wirtschaft dieses Landes, und das sollten wir besser dokumentieren.
Auch der ÖRV ist gefordert, seine Leistungen besser seinen Mitgliedern darzustellen. Ein erster Schritt dazu wird eine neue Homepage sein.

Das wirtschaftliche und das politische Umfeld sind rauer geworden. Wie wird Raiffeisen in Österreich im stärkeren Wettbewerb bestehen können?

Pangl: Das geopolitische Umfeld ist schon seit einigen Jahren durch wirtschaftliche und politische Krisen geprägt – da können wir uns auch nicht ausschließen. Aber insgesamt haben wir das bisher gut überstanden, in vielen Bereichen sind die Genossenschaften sogar stärker geworden. Die Leute haben offenbar Vertrauen in die Art, wie wir wirtschaften. Daher bin ich überzeugt, dass Raiffeisen weiterhin erfolgreich sein wird, wenn wir uns weiter auf unsere Stärken konzentrieren.

Inwieweit hat die Rechtsform damit zu tun, dass Genossenschaften die Krisenjahre gut überstanden haben?

Pangl: Ich bemühe mich zu unterscheiden zwischen der Idee Raiffeisen und der Rechtsform der Genossenschaft. Das geht weitgehend deckungsgleich, aber die Rechtsform ist die Organisationsform, um die Idee Raiffeisen umsetzen zu können. Raiffeisen ist daher nicht unbedingt Genossenschaft, aber es lässt sich sehr vieles, wie wir Wirtschaften verstehen und Unternehmen führen, am besten in der Genossenschaft darstellen.

Worin liegen die Stärken der Raiffeisen-Organisation, wo etwaige Schwachstellen?

Pangl: Unsere Stärken ergeben sich aus unseren
Werten: Regionalität, Nachhaltigkeit, Solidarität, Subsidiarität und demokratische Willensbildung. So steht’s im Lehrbuch und das ist auch richtig so. Aber letztendlich sind die Menschen entscheidend, die diese Werte leben. Andererseits schwächen wir uns, wenn wir einander unnötig misstrauen. Und ich wünsche mir manchmal, dass auch im Sektor die Unschuldsvermutung gelten möge.

Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Genossenschaften wieder zu. Was ist ausschlaggebend für die Renaissance der genossenschaftlichen Idee?

Pangl: Die Genossenschaft ist für alle Projekte geeignet, wo Kostenvorteile durch Kooperation gefragt sind. Eine Genossenschaft ist dazu die beste Rechtsform, weil sie einen großen Gestaltungsspielraum bietet. Durch diese Flexibilität ist sie sehr vielfältig einsetzbar. Zudem gibt es auch die Sicherheit für die Mitglieder durch die Revision, daher hat es in den letzten Jahren auch viele Neugründungen im Energie- und im landwirtschaftlichen Bereich gegeben.

Crowdfunding scheint derzeit sehr modern zu sein. Ist das eine Konkurrenz zur Rechtsform der Genossenschaft oder kann dieser Trend auch befruchtend sein?

Pangl: Der Begriff Crowdfunding ist sehr weit gespannt, aber insgesamt kann man sagen: Bei Crowdfunding tun sich mehrere zusammen, um ein gemeinsames Projekt zu verwirklichen. Und das ist ja eigentlich auch der Gründungsauftrag der Genossenschaft. Aber: Es ist nicht jedes Crowdfunding-Projekt als Genossenschaft darstellbar. Ich betone daher: Genossenschaft ist für nutzenorientiertes Crowdfunding geeignet, nicht aber für rein dividendenorientiertes Crowdfunding. Mit dieser Position können wir den Schwung für Crowdfunding nutzen, grenzen uns aber von dubiosen Projekten ab. Ich sehe auch im Crowdfunding keine Konkurrenz zu einem Bankkredit, weil durch die eingezahlten Geschäftsanteile das Projekt eine gesicherte Eigenkapitalbasis hat, was den Banken wiederum eine Anschlussfinanzierung erleichtert – auch unter den strengen aufsichtsrechtlichen Bestimmungen.

Welche Akzente wird der ÖRV in diesem Bereich setzen?

Pangl: Es gibt bereits einige interessante Initiativen in den Bundesländern, die wir verstärken wollen, wo wir Drehscheibe für Interessierte sein wollen. Wir haben in einem ersten Schritt auf kooperieren.at ein Gründerpaket gestellt. Wir bringen unsere Botschaft auch in Vorträgen zur Kenntnis, und in weiterer Folge wird es vielleicht möglich sein, dass es auch Förderungen oder Haftungen für Crowdfunding-Projekte in Genossenschaftsform gibt. Das ist aber abhängig davon, wie sich der Rechtsrahmen für Crowdfunding gestaltet. In diesem Zusammenhang sind zwei Anmerkungen wichtig: Wir wollen nicht Crowdfunding vermarkten, sondern die vielfältige Einsatzmöglichkeit der Genossenschaft. Und den Namen Raiffeisen werden solche Crowdfunding-Projekte sicher nicht tragen.

Wo sehen Sie Raiffeisen in zehn Jahren?

Pangl: Das hängt natürlich sehr von externen Entwicklungen ab, die in einer globalisierten Welt von uns nur schwer zu beeinflussen sind. Aber ich bin überzeugt, dass Raiffeisen, wenn wir uns auf unsere Stärken konzentrieren, auch weiterhin eine bedeutende Rolle in diesem Land spielen wird. Der ÖRV möchte dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

PM_346Wo holt sich ein Andreas Pangl Kraft und Energie für seine beruflichen Herausforderungen?

Pangl: In der Natur. Im Winter beim Skifahren, im Sommer beim Golfspielen.

Haben Sie nun mit dem Job als ÖRV-Generalsekretär Ihren Traumberuf erreicht?

Pangl: Eigentlich habe ich keine genaue Karriereplanung, aber ich gebe gerne zu, dass ich schon zu Beginn meiner Zeit bei Raiffeisen mit großer Hochachtung und Demut auf jene Menschen geblickt habe, die diese Position innehatten.



Das Interview führte Edith Unger, Chefredakteurin der Raiffeisenzeitung
Fotos: Pia Morpurgo
VON EDITH UNGER