Jede Zelle meines Körpers ist glücklich

Jede Zelle meines Körpers ist glücklich

Er ist Alchemist, er erzählt billige Geschichten, er erzeugt seine eigene Kohle aus Algen und er ist Philosoph. Thomas Feuerstein stellt in der RLB Tirol aus.

Von Stefan Niederwieser

Prometheus hat das Feuer entzündet – er hat es nicht einfach nur den Göttern geraubt. Prometheus hat in den Menschen das Feuer entzündet, sich aufzulehnen, dass sie sich ihres eigenen Verstands bedienen, dass sie den Göttern misstrauen, dass sie rebellieren, dass sie gerissen sind und die Natur sich unterwerfen, dass sie neue Dinge erfinden, tausende Dinge. All das zu einem kleinen Preis, an jedem Tag wird Prometheus von einem Adler ein kleines Stück Leber aus dem Leib gehackt, während er an den Kaukasus gekettet ist. Die Sage des Prometheus hat schon unzählige Menschen inspiriert, Filmemacher, Denker, Wissenschaftler und natürlich auch den Künstler Thomas Feuerstein.

Prometheus
Er macht aus dem Prometheus-Mythos eine fünf Meter lange Plakatwand, die in wenigen Tafeln eine Geschichte wie aus einem Horrorfilm erzählt. Darauf ist jener Prome-theus zu sehen, wie ihn Nicolas-Sébastien Adam im Jahr 1762 dargestellt hat. Bakterien lösen diese Skulptur auf, die Bakterien dienen menschlichen Leberzellen als Nahrung, die wiederum eine Skulptur bilden. So wird Stein zu Fleisch. Tote Materie wird lebendig. Thomas Feuerstein fasziniert das, er arbeitet sich besonders gerne an solchen Übergängen ab. Bei der christlichen Kommunion wird Brot und Wein ja auch zum Leib und Blut Christi. Wenn man das Nicht-Christen erzählen würde, dass man bei der Kommunion den Leib Christi isst, dann wären sie erst einmal völlig überrascht, so Thomas Feuerstein beim Rundgang durch die Ausstellung. Aber er will nicht nur diesen Übergang zeigen. Er entwirft eine ganze zelluläre Ökonomie, einen ethischen Kannibalismus. Menschen essen keinen Salat mehr, sie essen keinen Fisch, kein Fleisch, nur noch sich selbst, nicht etwa Hände, Füße oder sonst ein Körperteil, sondern das eigene Zellmaterial. Das löst alle ethischen Probleme von klassischem Fleischkonsum und ist doch eine grauenhafte Vorstellung. Soll man lachen, jubeln oder weinen? Thomas Feuerstein zeigt deshalb auch eine Schlange, die sich selbst frisst. Und er denkt die Arbeit in einem dazu gehörigen Hörspiel weiter.

Phlegma
Bei Feuerstein sind die Bedeutungen blitzschnell, seine Arbeiten sehen trotzdem toll aus, manchmal fast poppig. Eigentlich entwirft er sonst oft große Apparaturen, ganze Labore geradezu, die den Raum füllen. Er produziert darin Schleim, er wandelt die eine Materie in eine andere um, er nutzt beispielsweise Algen, um in einem speziellen Verfahren bei niedrigen Temperaturen Kohle zu erzeugen, mit der er dann malt – oder er stellt aus ihnen ein Getränk her. Er lässt sie durch Rohre pumpen, erhitzt sie, kühlt sie, oder er züchtet gleich ganze Pilze. Bei der Ausstellung in Innsbruck hat sich der gebürtige Tiroler Thomas Feuerstein nun erstmals auf Tafelbilder beschränkt.

Pankreas
Einmal, da hat sich Feuerstein ganz dem Fleisch gewidmet, alles Fleisch oder auf griechisch Pankreas. Bücher wurden da zu Glucose umgewandelt, die menschliche Hirnzellen ernährten. Er hat ein psychotropes Molekül erfunden. Er beschäftigt sich aber auch mit Maschinen, die Menschen regieren könnten, spielt mit Worten und knalligen Bildern. Thomas Feuerstein wäre früher vielleicht ein Alchemist gewesen, sicher hat er auch einen kleinen Messias-Komplex. „Jean Paul meinte einmal, er würde sich am liebsten von Rezepten ernähren“, erzählt er, während er sich quer durch Wissenschaft, Religion, Ökonomie und Kunst redet. Solche Dinge faszinieren ihn, offenbar nicht nur ihn. Er stellt in München aus, in Berlin oder in Shanghai, wohnt vor allem in Wien, kommt aber auch gerne nach Tirol, wo er Kunstgeschichte und Philosophie als Doktor abgeschlossen hat. Vor mittlerweile elf Jahren hat er den RLB Kunstpreis erhalten, der zu einer Einzelausstellung im Innsbrucker Ferdinandeum führte. Eine Apparatur, die Kunstpreise in Renommee verwandelt, muss er aber zum Glück nicht erfinden. Das macht die Kunstwelt von alleine.