„Klarer moralischer Kompass“

„Klarer moralischer Kompass“

Die sieben eigenständigen Raiffeisenbanken im Mostviertel haben sich zusammengetan und Niederösterreichs Auftakt in das Raiffeisen-Jubiläumsjahr gefeiert.

Von Alexander Blach

Um die Not und Armut seiner Gemeinde zu lindern, gründete Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen 1862 im deutschen Westerwald den ersten Darlehenskassen-Verein. Die Ersparnisse wohlhabenderer Mitglieder wurden in Form von günstigen, langfristigen Darlehen an bedürftigere Mitglieder ausgegeben. Die Idee der „Hilfe zu Selbsthilfe“ wurde so zum Grundstein des genossenschaftlichen Wirkens. In Österreich griff diese Idee als Erster Ernst Vergani, Bürgermeister von Mühldorf in Niederösterreich, auf, der 1886 den ersten Spar- und Darlehenskassenverein gründete. Von dort aus entwickelte sich Raiffeisen zur größten Bankengruppe Österreichs.
Mit einem großen Fest im Schloss Zeillern läuteten nun die Raiffeisenbanken im Mostviertel – RBR Amstetten, RB Mittleres Mostviertel, RB im Mostviertel Aschbach, RBR Schallaburg, RB Ybbstal, RK Haidershofen und RK Blindenmarkt – das Jubiläumsjahr „200 Jahre Friedrich Wilhelm Raiffeisen“ ein.
„Dieses Jahr ist eine willkommene Gelegenheit sich der Kraft seiner Idee, aber auch seines persönlichen Anspruchs und Willens, wieder intensiv anzunehmen“, betont Erwin Hameseder, Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und Aufsichtsratsvorsitzender der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, in seinen Begrüßungsworten. Die drei entscheidenden Fähigkeiten Friedrich Wilhelm Raiffeisens – sein Blick für die Realität, seine Vision und sein Umsetzungswille – sind auch heute noch Prüfsteine für das Handeln und Arbeiten der Raiffeisen-Organisation. „Haben wir noch den Blick für die Realität oder leben wir in unserer eigenen kleinen Welt? Haben wir eine Vision, wie etwas besser sein könnte? Haben wir den Willen und den Mut, die Dinge wirklich in Angriff zu nehmen?“, hinterfragt Hameseder. Nur durch die laufende, kritische Selbstreflexion sei es möglich „auf der Höhe der Zeit zu bleiben und als Organisation niemals Selbstzweck zu werden“.

Geschäftsleiter der Raiffeisenbanken im Mostviertel mit den Ehrengästen: Eduard Neumayer (RB Mittleres Mostviertel), Andreas Weber (RBR Amstetten), Johann Galbavy (RB Ybbstal), Franz Fischl (RB im Mostviertel Aschbach), Johann Vieghofer (RB Mittleres Mostviertel), Gerhard Springer (RBR Amstetten), Elisabeth Köstinger, Stephan Pernkopf, Johann Pambalk-Blumauer (RB im Mostviertel Aschbach), Erwin Hameseder, Kurt Moser, Leopold Grubhofer (beide RB Mittleres Mostviertel) und Walter Heigl (RB Ybbstal) (c) Mostropolis.at

Raiffeisen ist heute unverzichtbarer Arbeitgeber, Steuerzahler und Investor und könne deshalb als regionaler Wirtschaftsmotor bezeichnet werden. In Niederösterreich werden insgesamt etwa 11.500 Arbeitsplätze gesichert. In den 58 eigenständigen Raiffeisenbanken mit 482 Bankstellen werden knapp eine Million Kunden von rund 3.000 Menschen betreut. „Alleine im Mostviertel verwalten 522 Raiffeisen-Mitarbeiter Vermögenswerte von 7,6 Milliarden Euro“, unterstreicht Hameseder die regionale Kraft Raiffeisens. Zudem werden österreichweit im Sinne des genossenschaftlichen Förderauftrags verschiedenste Initiativen im Sport-, Kultur-, aber auch im Kunst- und Sozialbereich unterstützt. „Raiffeisen ist also gelebte Regionalentwicklung“, bekräftigt Hameseder und erklärt, dass „durch die enge Verschränkung von Geld-, Waren und Verwertungssektor die Interessen der Menschen im ländlichen Raum im höchsten Maße vertreten werden“. Seit der Gründung des ersten Darlehenskassen-Vereins ist Raiffeisen aus der Region nicht wegzudenken: „Wir sind und bleiben Partner für die Entwicklung des ländlichen Raumes. Hier liegen unsere Wurzeln“, versichert Hameseder.
Auch der Landeshauptfrau-Stellvertreter, Stephan Pernkopf, lobt die enge Partnerschaft zwischen dem Land Niederösterreich und Raiffeisen. Die Genossenschaftsidee sei „die Lösung vieler Fragen der heutigen Zeit und sicher auch in Zukunft ein klarer moralischer Kompass“.
Elisabeth Köstinger, Bundesministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus, gratuliert ebenfalls zum Jubiläum. Ihr imponiere der Mut Raiffeisens: „Er hat sich etwas getraut – und ich bin mir sicher, er hat genug Gegenwind erfahren. Wenn man aber an etwas glaubt und überzeugt davon ist, wird sich auch jeder Gegenwind drehen und die Dinge vorantreiben.“

Rücken stärken
„Es sind unsere Regionalbanken, die als finanzielle Nahversorger das Rückgrat der ländlichen Regionen bilden und durch nichts zu ersetzen sind“, erinnert Erwin Hameseder die Vertreter der Politik. Dieser bewährten Struktur müsse der Rücken gestärkt werden, fordert er in Anbetracht „sinnloser Regulierung und Bürokratie“.
Bei Stephan Pernkopf stoße Hameseder auf offene Ohren. Pernkopf ist sich bewusst, dass nicht jeder Maßstab auch auf Kleinstbetriebe umzulegen sei. „Wir sollten wieder mehr auf Vertrauen anstatt auf Kontrollwahn setzen. Oder, wenn man sich einander in die Augen schauen kann, muss man sich nicht immer auf die Finger schauen“, so der Landeshauptfrau-Stellvertreter. „Es muss nicht immer jeden Rahmen sprengen. Großes soll auch im Großen gelöst werden, Kleines aber im Kleinen“, pflichtet Elisabeth Köstinger bei und will deshalb am „Masterplan für den ländlichen Raum“ ihres Vorgängers Andrä Rupprechter festhalten.
Seitens Raiffeisen verpflichte man sich die Handlungsfähigkeit auch für die Zukunft immer wieder unter Beweis zu stellen, garantiert Hameseder: „Wir werden die erforderlichen Maßnahmen setzen, aber sensibel beurteilend und konsequent, jede Region für sich.“