Klimawandel kostet

Klimawandel kostet

Wenn es um die Energiewende geht, spielt Biomasse eine entscheidende Rolle. Wo aber ein „Milliarden-Joker“ begraben liegt, erklärt Universitätsprofessor Franz Josef Radermacher.

Von Alexander Blach

Im Dezember 2015 vereinbarten in Paris 196 Staaten, die menschengemachte globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten zu begrenzen. Seitdem werden entsprechende Maßnahmen zur Reduktion fossiler CO2-Emissionen gesetzt und der Ausbau erneuerbarer Energien forciert. Auf europäischer Ebene lautet das Ziel, bis zum Jahr 2030 die Treibhausgasemissionen um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, bis 2050 um 80 bis 95 Prozent. Österreich will die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 36 Prozent gegenüber 2005 reduzieren und 100 Prozent des österreichischen Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugen. Neben Wind-, Wasser- und Sonnenkraft kommt auch der Biomasse eine bedeutende Rolle zu. Darunter versteht man biologische Abfälle und Reststoffe, die zum größten Teil aus der Land- und Forstwirtschaft stammen – Stichwort Holz.

„Österreich emittiert rund 80 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. 30 Millionen Tonnen konnten durch die Nutzung erneuerbarer Energie eingespart werden. Davon gehen rund 13 Millionen Tonnen oder 43 Prozent auf das Konto der für Wärme, Strom und Treibstoffe genutzten Bioenergie“, unterstreicht Franz Titschenbacher, Präsident des Österreichischen Biomasse-Verbandes, und ergänzt: „Die Branche kann noch mehr Verantwortung übernehmen und fordert einen nationalen Schulterschluss sowie effektive Weichenstellungen zum Ausstieg aus fossilen Energien. Gemeinsam mit den anderen erneuerbaren Energieträgern können wir bis 2030 mehr als 60 Prozent erneuerbare Energie bereitstellen. Es sind ausreichende Potenziale vorhanden.“ Damit diese gehoben und die Klimaziele „mit Leben erfüllt“ werden können, stellt der Biomasseverband in „einer sehr schwierigen innenpolitischen Situation“ drei Forderungen an die Übergangsregierung: Die Warteschlange bei Biomasse-KWK-Anlagen müsse abgebaut werden. „Rund 15 Megawatt sind in der Warteschleife“, macht Titschenbacher aufmerksam. Gleichzeitig gelte es, die Übergangslösung bis zum Inkrafttreten des Biomasse-Grundsatzgesetzes abzusichern und zu verlängern. Weiters soll die Förderung des Kesseltausches, also der Umstieg von einer Öl- auf eine Holzheizung, weitergeführt werden.

Franz Titschenbacher, Franz Josef Radermacher und Jürgen Schneider

Franz Titschenbacher, Franz Josef Radermacher und Jürgen Schneider (c) Österreichischer Biomasse-Verband

Dass politische Maßnahmen alleine nicht ausreichen, um die Klima- und Energieziele zu erreichen, betont Franz Josef Radermacher von der Universität Ulm und Autor des Buches „Der Milliarden-Joker“. Damit bis 2050 das 2-Grad-Ziel erreicht werden kann, müssen weltweit rund 500 Mrd. Tonnen CO2 eingespart werden. Dazu brauche es ein jährliches Investitionsvolumen von 500 Mrd. Euro. „Von Paris sollte man sich nicht zu viel erwarten. Selbst wenn alle täten, was sie gesagt haben, würde es für 2 Grad nicht reichen“, so der Professor und kritisiert: „Der Paris-Vertrag besteht aus schönen Worten, die sich auf Verpflichtungen beziehen, die man nicht einhalten muss und auch nicht sanktioniert werden. Und ein großer Partner – die USA – ist gerade dabei auszusteigen.“

Nichtsdestotrotz seien politische Maßnahmen notwendig, aber um das benötigte Geld aufzubringen, sollte laut Radermacher viel mehr der private Sektor in die Pflicht genommen werden: „Der wohlhabende Teil der Weltbevölkerung von rund ein bis zwei Prozent, ich nenne sie Top-Emitters, verursacht die meisten Emissionen und besitzt rund die Hälfte des Weltvermögens.“ Während der Durchschnittsösterreicher unter 10 Tonnen pro Jahr emittiert, kommen die Top-Emitter auf 500 bis 1.000 Tonnen im Jahr. Radermacher meint „die richtig reichen Leute, mit großem Vermögen, Besitz von Firmen, die ständig reisen“. Denen sei auch nichts vorzuwerfen, weil ihre Rolle in der Gesellschaft und in der Ökonomie dieses Emissions-Verhalten bedingt. „Diese Gruppe würde von der Vermeidung einer Klimakatastrophe unter dem Strich auch am meisten profitieren. Die Politik und Umwelt-NGOs müssen den Fokus verstärkt auf diese Gruppe lenken. Konkret müssten die Top-Emitters 5.000 Euro jährlich pro Kopf zur Verfügung stellen“, sagt Radermacher. Als positives Beispiel nennt er das Industrieunternehmen Robert Bosch, das bis 2020 3,3 Mio. Tonnen CO2 neutralisieren will und dafür etwa 1 Mrd. Euro investiert.

Die freiwillige Finanzierung der Klimaneutralität sei ein wesentlicher Schlüssel zur Erreichung des 2-Grad-Ziels. Das Geld muss laut Radermacher für die Stilllegung des fossilen Energiesystems genauso verwendet werden wie für Kompensationsmaßnahmen in Nichtindustrieländern zum CO2-Entzug aus der Atmosphäre beispielsweise durch Aufforstungen und Humusbildung: „Nachhaltige Waldbewirtschaftung sorgt dafür, dass Wälder der Atmosphäre konstant große Mengen an Treibhausgasen entziehen und gleichzeitig erneuerbare Rohstoffe für den Ersatz fossiler Energien bereitgestellt werden.“

Eines dürfen freiwillige Maßnahmen laut Radermacher jedoch nicht sein: Ein Persilschein für die Politik, nicht alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Dasselbe gelte aber auch für Unternehmen, sagt Jürgen Schneider, Leiter der Sektion Klima im Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus: „Freiwillige Kompensationen auf Unternehmensebene dürfen nie Ausrede sein, nicht auch Maßnahmen in unseren Ländern umzusetzen.“ Es sei auch wichtig zu zeigen, dass Österreich „eine funktionierende, prosperierende Volkswirtschaft mit hoher Lebensqualität ohne fossile Energie bauen“ kann.

Insgesamt sei man auf dem richtigen Weg, fasst Franz Titschenbacher zusammen: „Es ist unsere gemeinsame Verantwortung. Dabei gilt nicht Entweder-oder, sondern Sowohl-als-auch.“

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