Lebendige Geschichte

Lebendige Geschichte

Seit zehn Jahren erinnert eine Ausstellung im Wiener Haus des Meeres im ehemaligen Kommandoraum des Flakturms an dessen ursprüngliche Verwendung.

Von Sandra Schäfer

Friedlich drehen die Hammerhaie im Haus des Meeres ihre Runden. Da wo sich einst der Schacht befand, in dem das auf dem Dach seinen Dienst verrichtende Radargerät eingefahren werden konnte, ist heute das Aquarium der Tiere untergebracht. Nur wenige Meter daneben lädt das kleine Museum zum – wie es heißt – „Erinnern im Inneren“.

Für den Kurator des Museums, Marcello La Speranza, bildet dieses Nebeneinander von Zoo und Erinnerungsort keinen Widerspruch. Im Gegenteil: „Äffchen, Fische, Haie, Reptilien – die Vielfalt des Lebens ist hier beheimatet. Eine besseres Nutzungskonzept kann man sich für einen Flakturm gar nicht vorstellen“, ist der Historiker überzeugt. Seit Februar steht der Experte für Kriegsarchäologie Interessierten zwei Tage in der Woche für Fragen zur Geschichte der Wiener Flaktürme zur Verfügung.

Der ehemalige Flakturm beheimatet das Haus des Meeres.

(c) Picturedesk.com/Ali Schafler

Nutzung ungewiss

Viele der Gegenstände, die heute hier im zehnten Stock des Turmes im Museum untergebracht sind, hat La Speranza selbst aus dem Schutt der sechs im Dreieck um die Wiener Innenstadt angeordneten Flaktürme geborgen. Medizinische Geräte, Uniformteile, Gasmasken, Feldpostbriefe, Kinderspielzeug und Kinderbücher erzählen von einer Zeit, als die riesigen Betonbunker nicht nur zur Abwehr der feindlichen Flugzeuge über Wien dienten, sondern auch als Schutzraum für die Zivilbevölkerung genutzt wurden. Im Gegensatz zu heute jedoch kein angenehmer Aufenthalt. Eng war es und heiß, die Luft schlecht und die Stimmung gedämpft. Längst war der Krieg auch nach Wien gekommen.

Schon 1940 hatte man begonnen in der Stadt unterirdische Bunkeranlagen zu errichten. Nicht zuletzt ein Eingeständnis der Schwäche. Statt sich in die Erde einzugraben, setzte man mit den Flaktürmen auf Repräsentation. Die Betonbunker sollten nicht nur als Machtsymbol und zur Einschüchterung dienen, sondern auch der Bevölkerung Sicherheit suggerieren. Nach dem Krieg dachte man darüber nach, die Außenhaut speziell zu verkleiden, damit sie besser ins Wiener Stadtbild passt. Im Inneren war eine Verwendung mit Verwaltungsräumen oder gar ein Reichspostamt in Erwägung gezogen worden. Doch es sollte bekanntlich anders kommen.

Noch heute harren die Wiener Flaktürme – obwohl sie anders als die Türme in Berlin oder Hamburg von einer Sprengung verschont blieben – einer adäquaten Nutzung. Abgesehen vom Haus des Meeres – das ab den späten 50er-Jahren den ehemaligen Bunker Schritt für Schritt zum „Aqua Terra Zoo“ umbaute – und dem Flakturm in der Stiftskaserne, der der Regierung im Falle eines Notfalls als Schutzquartier dient, bröckeln die ehemaligen Festungsanlagen vor sich hin. Ein Projekt, den Gefechtsturm im Augarten an eine Datenfirma zu vermieten, die das Gebäude aufgrund seiner Erdbeben- und Strahlensicherheit für Serverstationen nutzen wollte, scheiterte.

Nicht immer unkritisch

Doch nicht alle sehen eine Nutzung in der Art des Haus des Meeres als angebracht. Den Vorwurf der Pietätlosigkeit, der in der Vergangenheit von mancher Stelle aufgrund des dem Gebäude innewohnenden Vergnügungscharakters geäußert worden war, sowie die Aufregung um die Entfernung des an die Vergangenheit erinnernden Schriftzug des Künstler Lawrence Weiner aufgrund der aktuellen Dachausbauarbeiten kann La Speranza nicht nachvollziehen. „Im Haus des Meeres war man von Anfang an darauf bedacht die Geschichte miteinzubeziehen. Ich war bei der Konzeption des Museums immer bemüht alle Bereiche, die mit dem Flakturm in Zusammenhang stehen, einzubringen“, so La Speranza. Auch zum Thema Zwangsarbeit gibt es beispielsweise im Eingangsbereich eine Vitrine. Errichtet wurden die Flaktürme von italienischen Militäreinheiten.

Unpassend hält La Speranza eher den Umgang mit Geschichte, wenn keine Aufklärung stattfindet oder die Existenz der Objekte versucht wird zu unterdrücken. So etwas führe zu Mystifizierungen. Und dafür ist im Haus des Meeres kein Platz. Im Flakturm im Esterházypark sind nicht nur die Bewohner, sondern auch die Geschichte lebendig.

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