Lisztomania

Lisztomania

Das Liszt Festival hat im zwölften Jahr ein Orchester gegründet. Wohin man damit will, darüber sprechen die Intendanten im Interview.

Von Stefan Niederwieser

Franz Liszt wurde im Burgenland geboren, nur wenige Kilometer südlich von Sopron. Dort in Raiding wurde vor zwölf Jahren ein blankweißes Gebäude eingeweiht, in dem seither Liszt gespielt wird. Wir haben die langjährigen Intendanten Johannes und Eduard Kutrowatz um einige Antworten zum diesjährigen Festival gebeten.

Johannes und Eduard Kutrowatz (c) Julia Stix

Was waren drei Highlights in diesen zehn Jahren Intendanz?
Johannes und Eduard Kutrowatz: Das Festivaljahr 2011 war sicher ein erster Höhepunkt unserer Intendantenzeit. Es ist uns gelungen, zum 200. Geburtstag von Franz Liszt ein Weltklasseprogramm mit 100 Prozent Auslastung zu präsentieren, Volltreffer sozusagen – der Star des Festivals war immer und ist immer Franz Liszt. Die Zusammenarbeit mit dem Orchester Wiener Akademie unter Martin Haselböck hat ein „Jahrhundertprojekt“ ermöglicht und Wirklichkeit werden lassen, die Aufführung aller Orchesterwerke Liszts beim Festival in Raiding und Dokumentation aller Orchesterwerke auf CD, die heuer im Frühjahr 2018 bei Gramola veröffentlicht werden. Unserer Freundschaft zum Pianisten und Lisztomanen Boris Bloch ist zudem eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit beim Liszt Festival zu verdanken, Boris Bloch hat inzwischen einen großen Teil des Klavierwerks von Liszt in Raiding aufgeführt. Diese Konzerte wurden dokumentiert und sind vor drei Jahren als CD-Box ebenfalls bei Gramola erschienen.

Ist der Érard-Hammerflügel von 1852 versichert, auf dem Liszt selbst konzertiert hat, wenn er heuer beim Festival zu hören sein wird? Und konnten Sie selbst schon darauf spielen?
Kutrowatz: Der Érardflügel ist ein ganz besonderes Ausstellungsstück im Liszt-Geburtshaus. Im Rahmen der Dauerausstellung ist dieses Instrument natürlich versichert, den hohen ideellen Wert wird man aber wohl nie in Zahlen fassen können. Wir haben mehrmals im Rahmen von Präsentationen auf diesem Flügel gespielt und das Erlebnis einer akustischen Zeitreise genossen.

Gibt es Stücke von Liszt, die Sie nicht sonderlich mögen?
Kutrowatz: Es gibt bei allen Komponisten Werke, die besonders sind und somit zeitlos faszinierend bleiben und andere, die zum Teil wunderbare Einblicke in die Entwicklung des kompositorischen Schaffens aufzeigen, aber weniger Wirkung im Konzert erzielen. Die Aufgabe des Liszt Festivals ist somit auch Werkdokumentation im Sinne einer Gesamtsicht des Giganten Liszt.

Welche Qualitäten hat die Musik von Liszt für Sie, die Sie bei anderen Komponisten so nicht entdecken?
Kutrowatz: Liszt hat das Klavierspiel völlig neu und radikal definiert und präsentiert, darunter „leiden“ wir Pianisten bis heute und sind zugleich fasziniert. Er hat auf dem Klavier orchestral gedacht, Robert Schumann nannte Liszt das „Genie des Ausdrucks“ – alles diente dem Ausdruck, auch Virtuosität war nicht Selbstzweck.

Der Anteil von Werken von Liszt, die international gespielt werden, hat sich erhöht, meinten Sie kürzlich. Gibt es dazu Zahlen? Und warum könnte das so sein?
Kutrowatz: Die Wahrnehmung der steigenden Präsenz Lisztscher Werke in den Konzertprogrammen registrieren wir mit Freude. Wir haben dazu allerdings keine statistischen Auswertungen. Es ist interessant zu bedenken, dass Liszt in der künstlerischen Ausbildung der „östlichen europäischen Staaten“ immer eine bedeutende Rolle spielte, das hat sich auch hier gewandelt, wenn das Liszt Festival Raiding dazu beitragen konnte, ausgezeichnet.

Wie passt Orffs „Carmina Burana“ zu Franz Liszt?
Kutrowatz: Die Antwort und Logik der Programmierung ist im folgenden Liszt-Zitat zu finden: „Mein einziges Bestreben als Musiker war und ist es, meinen Speer in die unendlichen Räume der Zukunft zu schleudern!“

Das Liszt Festival Orchester ist eine neue Unternehmung. Wie lange haben Sie mit ihm bisher geprobt? Wie gut sind Sie eingespielt?
Kutrowatz: Das neu gegründete Liszt Festival Orchester ist international und europäisch besetzt, also ganz im Geiste Liszts. Allein diese Tatsache bedingt Probenarbeit in geblockter Form in Raiding.

Wird das Orchester – das im Budget des Festivals verankert ist – auch auf Tour gehen oder außerhalb des Festivals zu hören sein?
Kutrowatz: Das Orchester ist völlig offen Einladungen anzunehmen, das kann ab der Saison 2019 stattfinden.

Sie wollen mit dem Orchester auch modernes und zeitgenössisches Repertoire spielen. Gibt es schon Namen und Wünsche?
Kutrowatz: Den Anfang macht das Concerto für 2 Klaviere und Orchester, komponiert von Eduard Kutrowatz, Uraufführung am 23. März. Einige Komponistennamen kann man gerne schon anführen, deren Werke für Aufführungen angedacht sind: Arvo Pärt, Philip Glass, Alfred Schnittke …

Wie oft sind Sie selbst in Raiding? Was schätzen Sie an Liszts Geburtsort?
Kutrowatz: Unsere vielfältigen Betätigungsfelder erlauben keine regelmäßige Anwesenheit in Raiding, wir schätzen die Atmosphäre des Blaufränkischlandes sehr, wie viele wissen sind wir leidenschaftliche Burgenländer. Das Besondere in Raiding: Bei keinem anderen Komponisten findet man die bauliche Einheit von historischem Geburtshaus mit tollem Konzertsaal, das hat eine starke Wirkung und Anziehungskraft.

Welchen Anteil macht internationales Publikum beim Festival in Raiding aus?
Kutrowatz: Unsere Ideen und Visionen für den Liszt-Geburtsort sind umfangreich. Wir konnten das weltweit bedeutendste Liszt Festival etablieren, die „Marke Liszt“ darf man gerne als Geschenk fürs Burgenland sehen und annehmen. Wir sind bereit zu expandieren, mehr Konzertprogramme, Aufbau des bereits gegründeten Forums Europa-Liszt-Raiding, die bewährte enge Kooperation mit dem Liszt Verein Raiding, der Gemeinde Raiding und dem europäischen Liszt-Netzwerk zu verfeinern, um damit natürlich immer mehr Gäste ins Burgenland zu bringen.