Mehrwert für die Gesellschaft

Mehrwert für die Gesellschaft kann nie
ein Problem sein

pm_02327_roGeneralanwalt Walter Rothensteiner hat als Generaldirektor der RZB und als Aufsichtsratspräsident der RBI mit Geschick und Behutsamkeit die Raiffeisen Bankengruppe Österreich während der zuletzt bewegten und von Veränderung gekennzeichneten Wochen und Monate gelenkt.

Im Gespräch mit der Raiffeisenzeitung (Ausgabe 12.01.2017) zog er nicht nur Bilanz über das abgelaufene Jahr, sondern sprach auch über künftige Herausforderungen und die Rolle von Raiffeisen in der Gesellschaft.

 

In wenigen Tagen stehen die Hauptversammlungen von RZB und RBI an. Haben Sie Bedenken, wenn Sie an die erforderliche Beschlussfassung zur Verschmelzung beider Häuser durch die Aktionäre denken?

Walter Rothensteiner: Nein. Die Fusion der beiden Institute bringt allen Beteiligten einen Mehrwert. Unsere Aktionäre profitieren von einem kapitalstärkeren, effizienteren und transparenteren Institut. Schließlich möchten sie bald wieder eine Dividendenausschüttung sehen. Diese ist auch unser Ziel, allerdings erst, wenn nicht nur alle Hausaufgaben gemacht sind, sondern auch ihre nachhaltige Wirkung eingesetzt hat.

Wie sieht denn der weitere Zeitplan für diesen Zusammenschluss aus?

Rothensteiner: Zunächst stehen die beiden Hauptversammlungen am 23. bzw. 24. Jänner 2017 bevor. Danach starten die weiteren Prozessschritte. Bis Ende März soll das neue Institut ins Firmenbuch eingetragen werden. Dann übernimmt auch das neue Managementteam die Führung der Bank.

Der Zusammenschluss von RZB und RBI wurde 2016 in die Wege geleitet und sorgfältig vorbereitet. Wie lautet Ihr generelles Resümee für das abgelaufene Jahr?

Rothensteiner: 2016 war ein sehr forderndes Jahr für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es war geprägt von wichtigen strategischen Entscheidungen, die konsequent umgesetzt oder in die Wege geleitet wurden. Wir konnten die Kapitalausstattung der RZB-Gruppe deutlich verbessern; im Endeffekt war es in Summe ein Plus von rund 700 Millionen Euro an hartem Kernkapital. Wir sind auf unserem Weg, die Komplexität zu reduzieren und die Beteiligungsstruktur zu vereinfachen, ein gutes Stück weitergekommen. Die RBI hat große Fortschritte bei der Umsetzung ihres Transformationsprogramms gemacht. Und schließlich im Herbst dann eben die vorher bereits erwähnte Fusion von RZB und RBI. All das hat den Mitarbeitern sehr viel abverlangt. Einmal mehr hat sich aber gezeigt, dass wir hervorragende Köpfe in unseren Reihen beschäftigt haben. Das macht einerseits stolz. Aber noch wichtiger: Es gibt Zuversicht, auch künftige Herausforderungen erfolgreich meistern zu können.

Sie starten also optimistisch in das Jahr 2017?pm_02320_ro

Rothensteiner: Ja, Optimismus vereinfacht das Leben generell. Und Zuversicht ist durchaus auch angebracht. Die Fusion von RZB und RBI ist ein wesentlicher Schritt. Das Programm „OneIT“ ist in der Finalisierungsphase. Dann stehen weitere große Themen an wie eine Intensivierung der sektorweiten Kooperation zugunsten weiterer Effizienzsteigerungen oder unsere „Digitale Regionalbank“.

„Digitalisierung“ als Schlagwort ist derzeit in aller Munde. Wie bewerten Sie das?

Rothensteiner: Digitalisierung findet momentan tatsächlich in all unseren Lebensbereichen statt. Für uns als Bank bedeutet dieser Wandel Herausforderung und Chance zugleich. Es gilt das neue Umfeld optimal zu nutzen und attraktive Angebote für die Kunden zu entwickeln. Dabei müssen wir die für Raiffeisen typischen Stärken wie enge Kundenbeziehungen und das starke regionale Netzwerk mit der digitalen Welt verbinden.

2016 wurde auch in der Bankengruppe die eben von Ihnen schon angesprochene Digitalisierungsoffensive gestartet. Wie läuft es damit?

Rothensteiner: Das Programm „Digitale Regionalbank“ entwickelt sich gut. Vergangenes Jahr wurden erste Lösungen für den Mobile Payment-Bereich in Österreich ausgerollt. Heuer wird das Persönliche Finanzportal, eine neues System für Online- und Mobile-Banking, den Kunden zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus verbessern wir viele Prozesse und Systeme im Hintergrund und für die Bankstellen, um im Bereich Digitalisierung neue Maßstäbe zu setzen.

Die RZB ist seit vergangenem Jahr auch im Bereich Corporate Startup Engagement aktiv. Wie sehen die weiteren Pläne aus?

Rothensteiner: Vergangenes Jahr wurden die Weichen gestellt, um auch mit Fintech-Startups kooperieren zu können. Ich bin überzeugt, dass eine Zusammenarbeit eine Win-win-Situation für beide Seiten bedeutet. Während die klassischen Banken von der Dynamik der FinTechs profitieren, benötigen diese wiederum Know-how, Daten und Systeme großer Banken, um ihr Produkt- und Serviceangebot zu erweitern. Mit Blue Code, einem Anbieter einer Bezahl-App, haben wir schon im Dezember gemeinsam etwas auf die Beine gestellt.

Lassen sich die traditionellen Raiff­eisen-Werte mit der Schnelllebigkeit und Sprunghaftigkeit unserer Zeit noch vereinen?

Rothensteiner: Über unser Kerngeschäft hinaus, und das ist mir ein besonderes Anliegen, sind wir uns unserer gesellschaftlichen Rolle bewusst und übernehmen gerne und nachhaltig Verantwortung in unserem Land und über die Grenzen hinaus. Das ist seit Gründung Teil unseres Selbstverständnisses und daran ändern auch Niedrigzinsphasen oder überbordende regulatorische Vorgaben nichts.

Diese spezielle Rolle, die Raiffeisen lebt, lässt sich nur schwer quantifizieren. Ist das ein Problem?

Rothensteiner: Der Mehrwert, den wir für die Gesellschaft liefern, kann nie ein Problem sein. Wir handeln auch aus unserer Wertehaltung heraus und nicht, um unser Tun anzupreisen. Dennoch freut es mich, dass es uns mit einer Berichtsserie der vergangenen drei Jahre aus Wertschöpfungsbericht, Ökobilanzierung und Humanvermögensbericht gelungen ist, den Beitrag Raiffeisens für die österreichische Volkswirtschaft oder das Humanvermögen wissenschaftlich untermauert darzustellen.

Dem Vorstand der fusionierten Bank werden Sie nicht mehr angehören, Generalanwalt des Raiffeisenverbands bleiben Sie jedoch.

Rothensteiner: Ich bin jetzt seit mehr als 20 Jahren an der Spitze der RZB und blicke mit Zufriedenheit und Demut auf diese Zeit zurück. Das Kapitel als Vorstandsvorsitzender schließe ich mit dem Wirksamwerden der Verschmelzung ab. Nach wie vor bin ich aber Banker und Raiffeisen-Mensch mit Leib und Seele. Mein über die Jahrzehnte gesammeltes Know-how stelle ich daher gerne dem neuen Vorstand als Konsulent zur Verfügung und werde als Generalanwalt auch weiterhin die Interessen der gesamten Bankengruppe vertreten.

Welche Projekte erwarten Sie in dieser Funktion heuer?

Rothensteiner: Im Raiffeisenverband haben wir den Blick in Richtung Zukunft gerichtet. 2018 steht der Umzug des Raiffeisen Campus in einen neuen und nach modernsten Standards eingerichteten Standort bevor. Unsere Bildungseinrichtung wird im Umfeld des neuen WU-Campus in Wien ideale Rahmenbedingungen vorfinden und das Angebot erweitern können. Die Vorbereitungen dafür laufen heuer auf Hochtouren.

2016 ist der erste MBA-Lehrgang für Raiffeisen-Führungskräfte in Kooperation mit dem Management Center Innsbruck gestartet. Wie sieht die erste Bilanz aus?

Rothensteiner: Hervorragend. 20 Frauen und Männer aus dem Raiff­eisensektor haben sich für diese Ausbildung entschieden. Dazu kann ich nur gratulieren. Denn in drei Semestern durchlaufen diese Teilnehmer eine hochqualitative Ausbildung. Sie erweitern ihr Wissen im Banking- und Managementbereich. Damit sind sie bestens gerüstet für die kommenden Herausforderungen der Branche.

RZB und RBI haben beschlossen, den Anteil der Frauen im Top-Management bis 2024 auf 35 Prozent zu erhöhen und setzen erste Maßnahmen. Auf Ebene der Primärbanken wurde vom ÖRV der Funktionärinnen-Beirat eingesetzt. Gibt es hier Fortschritte?

Rothensteiner: Den Funktionärinnen-Beirat gibt es seit mehr als zweieinhalb Jahren. Zahlreiche Vernetzungstreffen haben mittlerweile stattgefunden. Ein entsprechendes Weiterbildungs- und Schulungsprogramm wurde initiiert und bisher gut angenommen. Der richtige Weg für eine Stärkung der vielen talentierten und qualifizierten Frauen bei Raiff­eisen ist also eingeschlagen. Als Generalanwalt werde ich auch in nächster Zeit darauf achten, dass wir diesen Pfad weiter beschreiten.

Die UNESCO hat die Genossenschafts­idee nun zum Weltkulturerbe ernannt. Was bedeutet diese Auszeichnung für Raiffeisen?

Rothensteiner: Die UNESCO hat wörtlich die Idee und Praxis der Genossenschaft ausgezeichnet – bester Beweis dafür, dass diese Art zu wirtschaften nicht nur aus Sicht früherer Generationen wertvoll war. Im Gegenteil: Raiffeisen-Genossenschaften sind absolut zeitgemäß und ein starkes Modell gerade für die heute anstehenden Herausforderungen.

Vor diesem Hintergrund ist wohl auch die Initiative „Bewusst: Raiffeisen.“ zu sehen, die der ÖRV vor zwei Jahren gestartet hat. Welche Akzente werden hier gesetzt?

Rothensteiner: So ist es. Für Altgediente wie mich ist die – wie ich immer sage – genossenschaftliche Denke eine Selbstverständlichkeit. Viele jüngere Kolleginnen und Kollegen können da oft schon weniger damit anfangen. Und auch die nächste Generation unserer Kunden, obwohl teils selbst Raiffeisen-Mitglieder, tut sich mit „Genossenschaft“ und ihren Spezifika oft schwer. Hier setzt „Bewusst: Raiffeisen.“ an: Indem wir die alte Story immer wieder modern erzählen. Indem wir gelungene Beispiele für genossenschaftliches Engagement vor den Vorhang holen – von der Internet-Genossenschaft über den Dorfladen bis zum E-Car-Sharing.

2018 jährt sich der Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zum 200. Mal. Gibt es schon Pläne, wie Raiff­eisen in Österreich dieses Jubiläum begehen wird?

Rothensteiner: Dieser runde Geburtstag ist eine wunderbare Gelegenheit, unabhängig von den vielen unterschiedlichen Gründungsjahren in den Bundesländern sparten- und länderübergreifende Schwerpunkte zu setzen. Unsere Idee wird 200 – und ist noch immer jung und fit für die Zukunft. 2018 wird es darum gehen, das verstärkt erlebbar zu machen – intern, aber darüber hinaus auch für eine breitere Öffentlichkeit. Der ÖRV ist hier bereits in einem intensiven Planungsprozess gemeinsam mit seinen Partnern in ganz Österreich.

Interview: Edith Unger, Chefredakteurin Raiffeisenzeitung