Meisterleistung in Rot-Weiß-Rot

Meisterleistung in Rot-Weiß-Rot

Österreichs Exporte steuern auf die Rekord­marke von 150 Milliarden Euro zu. Künftig legt die Außen­wirt­schafts­organisation den Fokus auf neue Wachstums­märkte in Südostasien und Afrika.

Von Edith Unger

Österreichs Exportwirtschaft trotzt sowohl neoprotektionistischen Strömungen als auch schwierigen internationalen Rahmenbedingungen und steuert mit riesigen Schritten auf ihr nächstes All-time-High zu. Laut vorläufigen Berechnungen der Außenwirtschaft Austria der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) sind die Ausfuhren 2018 im Gesamtjahr um 5,9 Prozent gestiegen. Damit wird die Schallmauer von 150 Milliarden Euro im Export voraussichtlich durchbrochen werden.

Der Außenhandel sei „das Kronjuwel der österreichischen Wirtschaft“, zeigt sich WKÖ-Präsident Harald Mahrer stolz: „Wir verdienen 60 Prozent der österreichischen Bruttowertschöpfung auf internationalen Märkten, mit Produkten und Dienstleistungen ‚Made in Austria‘.“

Dafür gebühre der heimischen Exportwirtschaft großer Dank, „das ist eine Meisterleistung, für die wir uns im Namen der gesamten Wirtschaft bedanken, denn diese Leistung wurde unter schwierigen Rahmenbedingungen erbracht“, so Mahrer. Dazu zählen die Handelskonflikte zwischen USA und China beziehungsweise auch den USA und der EU, aber auch die Unsicherheiten rund um den Brexit inklusive dem drohenden „harten Brexit“, aber auch die hohe Volatilität der Rohölpreise und die Verlangsamung der Weltwirtschaft.

Mannigfaltig vernetzt

Vor allem die Zukunft von Österreichs neuntwichtigstem Handelspartner Großbritannien ist angesichts des Brexits völlig offen. „Wir sind mannigfaltig vernetzt, daher wäre ein Brexit für Österreich nicht so negativ wie für andere Länder“, sagt Mahrer. Die aktuell unklaren Aussichten seien jedoch eine generelle Lose-lose-Situation. Man arbeite aber eng mit dem dortigen Büro der Außenwirtschaft zusammen, um den Schaden für österreichische Unternehmen gering zu halten.

Den Exporten stehen geschätzte Einfuhren von 155,1 Mrd. Euro gegenüber, das sind 5,1 Prozent mehr als 2017. Für die Handelsbilanz ergibt sich somit ein Defizit von 4,8 Mrd. Euro, nach 5,6 Mrd. im Jahr 2017. Laut Wifo-Prognose soll diese Differenz in Zukunft weiterhin schrumpfen.

Wichtigster Exportmarkt Österreichs ist nach wie vor Europa: Acht von zehn der wichtigsten Handelspartner stammen aus dem europäischen Raum. Das große Wachstumspotenzial für Österreichs Exportwirtschaft liegt aber nicht mehr in Europa. Sieben von zehn Ländern mit den größten Exportsteigerungen – wie beispielsweise Indien, Japan, Mexiko oder China – liegen nicht mehr in Europa.

Michael Otter und Harald Mahrer

Michael Otter und Harald Mahrer (c) picturedesk.com/APA/HANS PUNZ

Die Außenwirtschafts-Organisation richtet daher ihr weltweites Netzwerk neu aus. Die Außenhandelsstellen werden in Europa reduziert, in Asien und Afrika sollen sie ausgebaut werden. „Wir wollen in Europa verkleinern und stattdessen in Wachstumsmärkte investieren“, sagt Michael Otter, Leiter der Außenwirtschaft Austria. „Wenn wir dahin gehen, wo unsere Betriebe Märkte finden, schaffen wir Wachstum und sichern damit Beschäftigung und Wohlstand in Österreich“, ergänzt Mahrer.

Besonders China, trotz des zuletzt gedämpften Wirtschaftswachstums, gilt nach wie vor als wichtiges Zugpferd im asiatischen Raum. Aber auch andere Länder wie Indien, Indonesien oder Vietnam sind aufstrebende Wachstumsregionen – weswegen die Außenwirtschaft künftig ihr Netzwerk in Asien verstärken möchte. Konkret soll noch in diesem Jahr die Eröffnung eines Außenwirtschaftscenters in Ho-Chi-Minh-City, Vietnam, erfolgen. „Vietnam ist ein absoluter Wachstumsmarkt mit Exporten aus Österreich im Wert von 250 Millionen Euro und einer DER Technologie-Hotspots“, so Otter.

Künftig sollen auch vermehrt österreichische Unternehmen in Afrika unterstützt werden. In Westafrika soll der Ausbau der Präsenz in Ländern wie Senegal, Ghana und der Elfenbeinküste erfolgen. Allerdings nicht in Form von Büros vor Ort, sondern lokalen Mitarbeitern, die an Büros in Marokko oder Nigeria berichten.

Branche statt Länder

„Zudem folgen wir dem neuen Denkmuster Branchen statt Länder – das bedeutet, dass wir jede Branche dorthin begleiten, wo die größten Möglichkeiten für österreichische Unternehmen zu finden sind.“ Auch das Innovationsnetzwerk der Außenwirtschaft Austria wird ausgebaut, kündigt Otter an. So soll, mit Singapur als Basis, ein Accelerator Programm für österreichische Unternehmen in Südostasien entstehen. Zudem soll das internationale Projektgeschäft künftig strategisch analysiert und durch den Aufbau von Kooperationen mit Generalunternehmen aus China, Japan oder Korea forciert werden.

An den Märkten Russland und Türkei habe Österreich nach wie vor großes Interesse, doch mache es die schwierige politische Situation in den beiden Regionen nicht einfach. „Vor allem Russland hat mit seiner aufstrebenden jungen Bevölkerung ein gewaltiges Potenzial“, sagt Mahrer. Auch in Italien, Österreichs drittwichtigsten Handelspartner, ist keine Entspannung in Sicht. Das Land kämpft mit hohen Schulden und befindet sich mit der EU wegen der Haushaltspläne der neuen Regierung in einem Konflikt. „Die Situation war schon mal besser“, sagt Mahrer. Derzeit stagnieren Österreichs Exporte nach Italien.

Sogar die aktuellen politischen Turbulenzen in Venezuela sind bis nach Österreich spürbar. 2014 lag das Exportvolumen bei 140 Millionen Euro, in den vergangenen zwei Jahren ist es auf 10 bis 15 Millionen Euro eingebrochen.

Die Stimmung in Österreichs Exportwirtschaft ist jedenfalls nach wie vor gut. Drei von vier Niederlassungen erwarten in den nächsten zwölf Monaten eine gleichbleibende oder positive Entwicklung, hat eine Umfrage der Außenwirtschaft Austria ergeben.

Export­kredite gefragt

Parallel zum regen Außenhandel haben sich auch die Exportfinanzierungen bei Raiffeisen erfreulich entwickelt. Mit einem Plus von 30 Prozent (NÖ-Wien) bzw. 21,9 Prozent (OÖ) sind 2018 die Volumina in den beiden größten Landesbanken stärker als der Markt gewachsen.

„Dieses Ergebnis zeigt deutlich, dass die richtigen Export- und Investitionsfinanzierungen wesentlich für die erfolgreiche Abwicklung des Auslandsgeschäfts der Unternehmen sind“, unterstreicht Felix Mayr, Bereichsleiter für „Transaction Banking und Vertriebsmanagement“ in der RLB NÖ-Wien. Mit individuellen Lösungen und Kreativität ergeben sich für KMUs viele Möglichkeiten, Exporte abzusichern und zu finanzieren – ohne die eigene Bonität zu schwächen.

„Wir konnten unsere Bindung zur Industrie und großen mittelständischen Unternehmen weiter ausbauen und auch klassische KMUs intensiv im Export begleiten. Damit ist es gelungen, unseren Marktanteil österreichweit auf 10 Prozent auszubauen“, ergänzt Siegfried Raml, Experte für strukturierte Finanzierung in der RLB OÖ.

Die Exportländer der RLB-Kunden seien breit gestreut – vom mit Abstand größten Exportland Deutschland bis hin zu aufstrebenden Emerging Markets. Regionaler Schwerpunkt seien jedoch nach wie vor die EU-Länder. Durch Sanktionen sei der Handel mit manchen Ländern wie beispielsweise dem Iran zum Erliegen gekommen oder wurde stark eingeschränkt, etwa mit Russland, analysiert Raml.

Die Kosten für Exportfinanzierungen sind seit einiger Zeit auf einem historisch äußerst niedrigen Niveau. Zunehmende Unsicherheiten im Auslandsgeschäft stellen jedoch Firmen vor große Herausforderungen und seien meist auch mit einem erhöhten Aufwand verbunden, räumt Mayr ein, der Exporteuren rät, frühzeitig mit der Hausbank Kontakt aufzunehmen, um geeignete Strukturen zur Risikominimierung zu finden.

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