„Mercosur ist eine Lex Automobil-Industrie“

„Mercosur ist eine Lex Automobil-Industrie“

Agrana-Generaldirektor Johann Marihart kämpft derzeit an mehreren Fronten. Wir sprachen mit ihm über den niedrigen Zuckerpreis, das Zucker-Bashing seitens des Handels und warum das Freihandels­abkommen Mercosur für die europäische Landwirtschaft unfair ist.

Von Edith Unger

Die Kritik am Freihandelsabkommen Mercosur nimmt immer größere Dimensionen an. Wie sehen Sie das Abkommen?
Johann Marihart: Ich finde es grundsätzlich nicht sehr nobel, dass die alte EU-Kommission das Abkommen noch schnell durchgeboxt hat. Das macht man nicht. Darüber hinaus kennen wir noch gar keinen endgültigen Text, den erfahren wir nur in Häppchen. Das ganz abgesehen von den Inhalten. Ich kann nicht nachvollziehen, warum die EU durch ein solches Abkommen Tür und Tor für Praktiken öffnet, die wir alle anprangern. In der EU bekommen wir eine Pflanzenschutz-Auflage nach der anderen. Für die Mercosur-Länder gibt es die alle nicht.
Gleichzeitig hat die Automobilindustrie über Jahre die Ethanol-Beimischung in Europa behindert, Daten manipuliert und Emissionen schöngeredet. Mercosur wird hauptsächlich davon getrieben, dass die europäische Automobil-Industrie zollfrei auf dieses Märkte kommen will. Mercosur ist eine Lex Automobil-Industrie.

Welche Punkte sind aus Ihrer Sicht problematisch?
Marihart: Agrana wäre von den aktuellen Vorschlägen zweifach betroffen: Bei Zucker, wo es die Möglichkeit geben soll, dass 190.000 Tonnen aus einem ohnehin schon zollreduzierten Kontingent von 400.000 Tonnen künftig gänzlich zollfrei in die EU kommen sollen. Das entspricht dem Gegenwert einer Zuckerfabrik in Europa und  ist angesichts der Abschaffung der Zuckerquoten inkonsistent.
Bei Alkohol sollen fast 800.000 m3 zollreduziert in die Union kommen, was gemessen an einer Gesamtproduktion in Europa von fast 5 Millionen m3  eine erhebliche Menge darstellt. Ich kann nicht nachvollziehen, dass die EU einerseits eine Renewable Energy Directive verabschiedet, in der man die Alkohol-Beimischung auf 7 Prozent begrenzt – mit dem Argument, dass eine höhere Beimischung zu einer stärkeren Abholzung des Regenwaldes in Brasilien führt – und auf der anderen Seite lassen wir die Produkte zollfrei herein.

Johann Marihart

(c) Arnold Burghardt (2)

Wie sieht der weitere Fahrplan aus?
Marihart: Zunächst müssen wir den endgültigen Text sehen, dann geht es in den Ratifizierungsprozess. Wenn ich denke, wie lange das bei CETA gedauert hat – mit wesentlich weniger einschneidenden Dingen, dann wird das ein schwieriger Prozess werden, der wohl zu Anpassungen wird führen müssen. Alkohol in die EU zu lassen und gleichzeitig die Beimischungsmengen zu beschränken, wird nicht möglich sein. Entweder es geht der Deckel nach oben, oder es kommt zollfrei kein Alkohol in die Union. Es kann nicht sein, dass die Landwirtschaft zugunsten der Automobilindustrie geopfert wird.

Bei der Beimischung von Ethanol ist ja auch in Österreich noch einiges ungeklärt …
Marihart: Ja durchaus. Wir hatten die Hoffnung, dass die vorige Regierung  die Erhöhung der Beimischung von derzeit 5 auf 10 Prozent Ethanol umsetzen wird. Denn die Deadline ist nach wie vor aufrecht: die Renewable Energy Directive schreibt vor, dass jener Beimischungsanteil, der 2020 erreicht wird, als Referenz gilt und maximal um 1 Volumsprozent überschritten werden darf.
Ich bin aber überzeugt, dass man an E10 im Sinne eines ernstgemeinten Klimazieles nicht herumkommen wird, weil es eine der wenigen Maßnahmen im Verkehr ist, die sofort wirksam ist, die für die gesamte Fahrzeugflotte wirkt und auch den Feinstaub um 20 Prozent senkt. Im Vergleich zur E-Mobilität ist der Aufwand erheblich geringer. Es muss nur in der Raffinerie mehr beigemischt werden. Jedes Auto, auch das älteste, fährt mit E10 problemlos weiter – nur mit entsprechend weniger Emissionen. Der Staat spart damit auch noch einen Zukauf von 10 Mio. Euro an CO2-Zertifikaten ein.

Ein weiteres offenes Thema sind die Kampagnen mancher Handelsketten gegen Zuckerkonsum. Wie sehr trifft Sie das?
Marihart: Es geht mir auf die Nerven, im Absatz merken wir aber nichts davon. Besonders ärgert mich, dass viel Unsinn behauptet wird und sich jede Menge Experten zu Wort melden, die dem Zucker alles in die Schuhe schieben wollen, was es an Zivilisationskrankheiten gibt. Zu viele Kalorien, zu wenig Bewegung, zu viel Fast Food, bis hin zu Alkoholmissbrauch – an allem ist der Zucker Schuld. Daher glaube ich, dass all diese Aktivitäten zur Verbesserung der Volksgesundheit nichts nützen werden. Denn es liegt nicht am Zucker per se. Auch wenn man überhaupt keinen Zucker mehr essen würde, gäbe es dicke Leute.

Einige Experten behaupten ja auch, Zucker mache süchtig. Was sagen Sie denen?
Marihart: Es ist wirklich schlimm, wenn man Zucker in die Suchtgift-Ecke stellt. Hier sollte man vielmehr beim Alkohol ansetzen. Denn die Österreicher nehmen mehr Energie bzw. Kalorien über Alkohol zu sich als über Zucker. Alkohol hat fast doppelt so viel Kalorien wie Zucker.
Wenn man also Zucker vermeidet, sollte man trotzdem auf die Kalorien schauen, denn 20 Prozent weniger Zucker heißt nicht automatisch 20 Prozent weniger Kalorien. Man könnte ja auch ganz einfach auf Light-Produkte verweisen, ohne den Zucker so negativ darzustellen.

Bereits in Begutachtung findet sich das Plastik­sackerl-Verbot in Österreich, das mit Jänner 2020 in Kraft treten soll. Stehen Sie mit der Produktion schon in den Startlöchern?
Marihart: Hier hat die Politik mit dem neuen Gesetz eine Möglichkeit geschaffen, trotz des Verbots für dünne Knotenbeutel, wie sie im Supermarkt üblich sind, Säckchen auszunehmen, die überwiegend aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. Der Handel sucht derzeit nach Möglichkeiten, um ihn ein gutes Gewissen haben zu lassen und wir haben mit unserem Bio-Kunststoff Agenacomp, der zu 100 Prozent im Hauskompost abbaubar ist und sich für jede Art von Sackerl eignet, die Antwort dafür.

Kommen wir noch zum Quartalsergebnis. Obwohl das Ergebnis in Q1 zurückging, erwarten Sie für das Gesamtjahr 2019/20 eine Steigerung. Woher soll das Plus kommen?
Marihart: Unser erstes Quartal ist etwas verzerrt, weil zu Beginn des Vorjahres das Zuckersegment noch leicht positiv war. Nun konnte das Minus im Zucker nicht mehr zur Gänze von Frucht und Stärke aufgefangen werden, daher liegen wir im Betriebsergebnis um 6,1 Mio. Euro unter dem ersten Quartal 2018/19. Was aber nichts an der Konzern-Prognose ändert, dass wir deutlich besser als im Vorjahr abschließen werden. Wir erwarten, dass wir im Ebit zumindest um 10 Prozent besser sein werden als im Vorjahr.

Wie haben sich die einzelnen Bereiche entwickelt?
Marihart: Zucker ist derzeit alles andere als befriedigend, wenngleich wir damit rechnen, dass der Zuckerpreis in den nächsten Monaten noch nach oben geht und sich auf einem moderat höheren Niveau einpendelt. Die Stärke läuft angesichts hoher Werksauslastungen gut, im Spätherbst kommt die zweite Weizenstärkeanlage in Pischelsdorf dazu und die Alkoholpreise sind derzeit hoch. Aus dem Fruchtbereich kommt mittlerweile die Hälfte unseres Umsatzes, nur noch 19 Prozent waren in Q1 Zucker und 33 Prozent Stärke. Die Frucht ist eine schöne Wachstumsstory, wenngleich in der westlichen Welt schon gesättigte Märkte vorherrschen. Die Mehrmengen sind Marktanteilsgewinne, aber kein Marktwachstum. Hier hilft uns die Größenstruktur, um uns behaupten zu können. Immer wichtiger wird auch, dass wir den Rohstoff bereitstellen können. Selbst unsere größten Kunden wollen, dass wir den Rohstoff nachhaltig und rückverfolgbar bereitstellen. Und das ist gar nicht so einfach, weltweit zu jeder Zeit an jedem Ort jede Frucht verfügbar zu haben.

Hat der Zuckerbereich nun ein Niveau erreicht, bei dem Sie auch strategisch eingreifen oder lautet die Devise ‚Augen zu und durch’?
Marihart: Wir greifen sehr wohl strategisch in die Organisation ein und werden ab Oktober ein sogenanntes Werkbankmodell umsetzen. Dabei werden etwa 120 Mitarbeiter in eine Managementgesellschaft, die Agrana Sales and Marketing GmbH, ausgegliedert, über die der gesamte Ein- und Verkauf von Zucker gesteuert wird. Bisher wurde das in den Länderorganisationen abgewickelt, künftig läuft der Ein- und Verkauf zentral. Dieses Modell haben wir im Fruchtsaftkonzentratbereich schon erfolgreich verwirklicht und Synergien gehoben.

Setzen Sie auch Kapazitätsmaßnahmen? Schließlich haben ja viele Rübenbauern wegen des Zuckerpreisverfalls und nach massiven Schäden durch den Rübenrüsselkäfer mit dem Rübenanbau aufgehört …
Marihart: Nein, derzeit nicht. Wir versuchen vielmehr, die Anbauflächen für Zuckerrüben mit Mehrjahresverträgen von derzeit 32.000 wieder auf ein Niveau von 40.000 Hektar zu heben. Wir hoffen, dass das von den Rübenbauern angenommen wird. Davon wird abhängen, ob wir Kapazitätsmaßnahmen treffen werden. Denn wenn es die Rübe nicht gibt, müssen wir handeln.

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