Moderne Folklore

Moderne Folklore

Was ist Identität? Ein Essiggurkerl, eine Tracht, eine Krampusmaske, ein Heimatfilm oder Schnaps? Eine Ausstellung in Salzburg setzt sich mit Folklore auseinander.

Von Stefan Niederwieser

  • Wir kommen alle nackert zur Welt. Das haben wir gemeinsam. Und gleichzeitig werden wir hineingeworfen in Traditionen und Geschichte. Alles, was wir essen und trinken, die Flora und Fauna, die wir täglich sehen, die Feste, die wir feiern, die Lieder, die wir singen und die Art, wie wir unsere Freizeit verbringen – all das prägt uns.
    Dazu gehört auch Folklore. Das Wort Folklore kommt eigentlich aus dem Englischen, ursprünglich um das Werk der Gebrüder Grimm zu beschreiben, also all die Geschichten gewöhnlicher Leute, die bis dahin nicht niedergeschrieben wurden. Heute ist Folklore der Sammelbegriff für überlieferte Bräuche, die Sitten und die Alltagskultur, die uns umgeben. „Folklore“ heißt auch die neu eröffnete Ausstellung des Museums der Moderne in Salzburg. Gezeigt werden dort Werke aus der eigenen Sammlung, man widmet sich „ganz bewusst einer Thematik, die konträr zum Profil eines Museums für moderne und zeitgenössische Kunst steht“, so die Direktorin Sabine Breitwieser.

    Würstel
    Viele Geschichten, die niemals niedergeschrieben werden, bekommt man nachts beim Würstelstand zu hören. Man tauscht sich aus bei Dosenbier und Käsekrainer. „Senf oder Gurkerl?“, heißt es dann oft. Diese Essiggurke setzt Erwin Wurm in einer Arbeit aufs Podest. Er zeigt sich selbst als kleines Gurkerl, oder zumindest lautet der Werktitel der 36 in Acryl gegossenen Objekte „Selbstporträt als Essiggurkerl“. Aber Erwin Wurm bildet sie nicht einfach nur ab, er verändert wie so oft etwas an dem, was wir ganz alltäglich kennen. Auch die Gurkerln bläst er überlebensgroß auf und lässt sie senkrecht in die Höhe ragen, gerade so, als müsste er mit ihnen etwas kompensieren.

    Janker
    Kathi Hofer wiederum setzt sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinander. Früher, da waren die gewalkten Janker aus dem Hause Hofer angesagt, sogar Grace Kelly und Ernest Hemingway hatten sie an. In den Siebzigern wurde auch der japanische Modedesigner Kenzo auf die traditionellen Janker aus St. Johann im Pongau aufmerksam. Er ließ sie in allerlei grellen Farben herstellen und schickte sie über Pariser Laufstege. Der mondäne Glamour der Hofer Janker verblasste seither langsam, im Jahr 2003 stellte der Betrieb die Produktion ein. In der Arbeit verbindet sich Familiengeschichte mit lokaler Geschichte. Das traditionell hergestellte Kleidungsstück war dabei auch früher schon nicht nur überliefertes Brauchtum, sondern wurde spielerisch verändert und sollte die internationale Modewelt begeistern.

    Weihwasser
    Religion ist da weniger handfest. Aber zweifelsohne gehört sie für viele zur eigenen Identität. Ob man nun „Frohe Weihnachten“ oder „Schöne Festtage“ sagt, kann da schon zu einer Staatsaffäre werden. Vom Speiseplan genommenes Schweinefleisch in einem Salzburger Kindergarten wird Weltnews. Und wenn Künstler nur so tun, als sollten Gipfelkreuze durch Halbmonde ersetzt werden, machen manche daraus schon einen Skandal. Denn es geht ja um unsere Identität. In einer immer stärker von Globalisierung und Migration geprägten Welt wird natürlich auch Religion wieder dazu benutzt, um Menschen in „wir“ und „die da“ einzuteilen. Lois Weinberger – einer von nur zwei österreichischen Künstlern, die heuer auf der weltbekannten documenta in Kassel eingeladen waren – zeigt dabei das Verbindende von Religionen. In einer „(beinahe) posthumen Handlung“ beträufelt er einen Schneemann mit Weihwasser, das seine verstorbene Mutter aus Lourdes mitgenommen hat. Er nennt das „Home Voodoo“ und stellt damit Bezüge zu anderen lokalen Bräuchen und Ahnenkulten her.

    Sensen
    Österreich und der Salzburger Raum sind das Thema vieler Arbeiten in der Ausstellung. Sie zeigt dabei auch, wie sich Folklore über die Jahrzehnte verändert hat. In den Zwanziger und Dreißiger Jahren wurde sie oft politisch instrumentalisiert und für Propaganda verwendet. Rudolf Koppitz hat das selbst nicht mehr erlebt. Koppitz war einer der berühmtesten Fotografen der Zwischenkriegszeit, seine Bewegungsstudien des Wiener Staatsballetts wurden weltweit ausgestellt. Später wandte er sich ländlichen Themen zu, er fotografierte eindrückliche Figuren in spektakulären Berglandschaften. Seine Frau wollte diese Ästhetik später in den Dienst der Nazis stellen. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Nach dem Krieg war es dann häufig der Tourismus, der ein bestimmtes Bild von Heimat pflegen wollte, um Menschen nach Österreich zu locken.
    Manche Arbeiten, die in Salzburg zu sehen sind, richten den Blick auch auf die Folklore ferner Kulturen. Vor mehr als hundert Jahren wurde in ihnen oft eine Art ursprünglicher Zustand gesehen, ein noch unberührter Ausdruck des menschlichen Geistes. Für die Kunst der Moderne sollte sich das als eine wichtige Inspirationsquelle herausstellen. Im Kolonialismus wurden diese Kulturen andererseits fast immer ausgebeutet.
    „Folklore – Eine Kontroverse mit Werken aus der Sammlung“ wurde soeben eröffnet und ist noch bis 15. ­April 2018 im Museum der Moderne in Salzburg zu sehen.

    (RZ 41, 12.10.2017)

  • (c) Museum der Moderne Salzburg (2)

    (c) Kathi Hofer und Gabriele Senn, Foto: Hannes Böck Galerie