Moderne Kunst trifft auf Monstranz

Moderne Kunst trifft auf Monstranz

Die Direktorin des rundumerneuerten Dom Museums Wien, Johanna Schwanberg, spricht über Erwartungen, das Museum als Ort der Begegnung und das Aufbrechen von Stereotypen.

Von Sandra Schäfer

Rudolfsporträt

Mit dem Rudolfsporträt verfügt das Dom Museum Wien über einen Meilenstein der Kunstgeschichte. (c) Deinhardstein, Lisa Rastl

Es gilt als Ikone der Porträtkunst, das Bildnis Rudolf des Stifters. Gemeinsam mit der Grabhülle des Habsburgers und rund weiteren 1.000 hochkarätigen Stücken bilden sie den Bestand der Dauerausstellung in Österreichs wichtigstem Museum für historische Sakralkunst. Hinzu kommen rund 3.000 Werke der Moderne aus der Sammlung Otto Mauer, die sich im Besitz des Dom Museums befinden. Jährlich lädt eine Sonderausstellung mit einer Auswahl aus beiden Sammlungen wie auch internationalen Leihgaben zu einer kontrastreichen Reise durch die (Kunst)Geschichte. Ein Museumskonzept, das dem Dom Museum Wien jüngst eine Nominierung zum jährlich vergebenen Europäischen Museumspreis einbrachte.

 

Frau Schwanberg, als sie 2013 den Direktionsposten angetreten sind, war das Museum geschlossen. Nach der Aufbauphase erfolgte im Herbst 2017 das Erwachen aus dem Winterschlaf. 2019 folgt die Nominierung für den europäischen Museumspreis. Eine Überraschung?
Johanna Schwanberg: Das Museum gibt es seit 1933, seit den 70er-Jahren ist es in diesem Gebäude untergebracht. Seit damals wurde an der Präsentation kaum etwas geändert. Mir war von Anfang an klar, dass es einen kompletten Paradigmenwechsel braucht, um in einer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft ein spannendes Angebot für eine breite Besucherschicht zu kreieren. An ein Museum mit einer derart vielfältigen Sammlung wie die des Dom Museums Wien wurden während der Bauzeit natürlich die unterschiedlichsten Erwartungshaltungen herangetragen. Da war es nicht immer leicht zu sagen, ich gehe den Weg der Mitte: Es wird weder eine traditionelle Domschatzkammer noch ein Otto Mauer Museum oder eine Galerie der Gegenwart. Im besten Fall ist es ein Dialog von sakral und profan – von Geschichte und Gegenwart. Ein Museum ist mehr als ein Ausstellungsraum. Es ist auch eine soziale und politische Einrichtung. Eine wichtige Rolle spielen die vielen Begleitveranstaltungen – Diskussionen, Performances et cetera, wo wir die Geschichte und die Gegenwart verbinden. Dass dieser innovative, vermittelnde und kulturell ungewöhnliche Weg von einem internationalen Fachgremium bestätigt wurde und dass wir als kleines Haus mit dieser Nominierung auf dem internationalen Parkett mithalten können, empfinden wir als große Wertschätzung.

Johanna Schwanberg

Johanna Schwanberg (c) Lena Deinhardstein

In früheren Zeiten war die Kirche ein großer Förderer neuer Kunst. Monsignore Otto Mauer sammelte in den 50/60er-Jahren als Dompfarrer moderne Kunst. Durch den Otto-Mauer-Preis und ebenso durch von Ihnen seit der Neukonzeption beauftragte Projekte und Ankäufe werden die Sammlungen des Dom Musuems Wien um Gegenwartskunst erweitert. Wie steht es um das Verhältnis von Kirche und zeitgenössischer Kunst heute?
Schwanberg: Seit dem 19. Jahrhundert waren die großen Förderer der Kunst wie Otto Mauer in Österreich oder Pater Mennekes in Deutschland immer Ausnahmeerscheinungen. Was heute oft in kirchlichen Museen passiert, ist, dass sich im historischen Bereich hochkarätige Werke finden, während man sich in der Gegenwartskunst in Feldern bewegt, die ein innerkirchliches Milieu bedienen, aber nicht auf der Höhe der Kunstentwicklung unserer Zeit stehen. Das wollten die früheren Päpste, die sich mit Bernini, Michelangelo usw. die talentiertesten Künstler geholt haben, nicht. Das wollte Otto Mauer nicht. Das wollen wir heute nicht. Dementsprechend sind die Kriterien für die Vergabe des Otto-Maurer-Preises nach wie vor die künstlerische Qualität. Das spiegelt sich auch in den Namen der Preisträger wider, zu denen so hochkarätige Künstler wie Brigitte Kowanz, Franz West oder Erwin Wurm zählen.

Moderne Kunst genießt oft den Ruf skandalös zu sein. Wenn man sich ältere Werke ansieht, sind es einige nicht minder. Im Dom Museum Wien bietet sich die Möglichkeit der Gegenüberstellung. Welche Möglichkeiten bietet ein derartiges Konzept?
Schwanberg: Vor allem in unseren Themenausstellungen, wo sich eine Monstranz beispielsweise neben einer modernen Videoarbeit befinden kann, kommen die Besucher mit Kunstwerken in Berührung, für die sie sich sonst nicht interessieren würden. Vielleicht gelingt es uns dadurch stereotype Sichtweisen und Schubladisierungen aufzubrechen – indem wir zeigen, welche spannenden Fragen und ästhetische Ausdrucksweisen in dem jeweils anderen liegen. Unser Ziel ist es, substanzielle Ausstellungen zu substanziellen Fragen zu machen, die nicht nur geistig, sondern auch emotional berühren. Die meisten Besucher sind überrascht, weil sie sich so eine Offenheit und Modernität der Kirche oder eines Museums mit kirchlichem Hintergrund nicht erwartet hätten. Der Mensch beschäftigt sich immer mit denselben Fragen, nur die Antworten unterscheiden sich je nach Zeit und kulturellem und religiösen Hintergrund. Die Frage nach der Religion und dem Sakralen ist gesellschaftspolitisch – nicht zuletzt durch andere Religionen, die durch die Zuwanderung nach Europa kommen – wieder eine sehr starke.

Inwieweit sehen Sie das Dom Museum Wien – um ein Wort aus dem religiösen Kontext zu verwenden – auch als Ort der Kontemplation?
Schwanberg: Uns war es auch wichtig eine liebevolle Atmosphäre zu schaffen, einen Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann, inmitten des hektischen Treibens der Innenstadt. Wir lassen die Kunstwerke bewusst auch sehr nah an die Besucher heran, indem wir wenig hinter Glas haben. Auch um bei den sakralen Objekten den Andachtscharakter zu betonen. Neu sind Reliefs für sehschwache und blinde Menschen vom Rudolfsporträt und von einem Ausschnitt der Grabhülle. Interessant auch für andere, um die Kunst zu begreifen und mit vielen Sinnen wahrzunehmen.

 

(c) Beitragsbild:Hertha Hurnaus, Dom Museum Wien

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