„Musik ist ein gefährliches Medium“

„Musik ist ein gefährliches Medium“

Von Nymphen, Fröschen und musikalischen Variationen: Bei den steirischen Festspielen „Styriarte“ dreht sich alles um das Thema Verwandlung. Intendant Mathis Huber spricht über das Programm, Musik als politisches Statement und Frauen am Dirigentenpult.

Von Sandra Schäfer

Herr Huber, die steirischen Festspiele widmen sich heuer dem Thema der „Verwandlung“ – ein Schwerpunkt, der rund um die zweite Ausgabe des „Fux.Opernfest“ passend zum Stoff der diesjährigen Eröffnungs-Oper „Apollo und Daphne“ gewählt wurde. Wieso haben Sie sich dazu entschlossen, dem eher unbekannten Komponisten Johann Joseph Fux einen mehrjährigen Schwerpunkt zu widmen?

Intendant Mathis Huber erklärt, wie Musik ins Herz greift. (c) Werner Kmetitsch


Mathis Huber: Fux ist der bedeutendste Barock-Komponist Österreichs. Die Oper „Dafne in Lauro“ war ein Geburtstagsgeschenk für Kaiser Karl VI. Das heißt, er hat die Geschichte der Nymphe, die sich vor den Zudringlichkeiten des Apollon flüchtend in einen Lorbeerbaum verwandelt, für den Hof aufbereitet. Die Erzählung ist eine der vielen Geschichten aus Ovids Metamorphosen, die zum einen der Unterhaltung dienten, zum anderen aber auch den Menschen der Antike erklärten, wie die Welt so geworden ist, wie sie sie sahen. Diese Geschichten haben auch in der barocken Welt einen großen Niederschlag gefunden. Die Oper beginnt zudem mit einer Jagdszene, auch das etwas, das dem Kaiser vertraut war. Karl VI. war ein Mann von großem musikalischen Geschmack, der nur das Beste an seinem Hof gefördert hat und der diesen steirischen Bauernbuben Fux zum Hofkapellmeister bestellt hat. Unsere Überlegung war, was dem Kaiser, der selbst ein hochqualifizierter Musiker war, gefiel, ist etwas, dem wir auch heute noch blind vertrauen können.

War es schwierig rund um diesen Schwerpunkt einzelne Programmpunkte in ein Festival zu verwandeln?
Huber: Die Schwierigkeit bestand eher darin, eine Auswahl zu treffen. Gerade zu diesem Thema gibt es Unmengen an Musik. Mit einem Jagdfest in Schloss Stainz widmen wir uns zum Beispiel erneut einem Thema in den Metamorphosen, der Verwandlung von Aktaion in einen Hirsch durch Diana. In der Listhalle begeben wir uns zu den Geschichten aus unserer Märchenwelt, wie die des Aschenputtels oder des Froschkönigs. Untermalt werden sie von der Musik des 19. Jahrhunderts. Aber wir hören auch in die Musik selbst hinein, die mit zahlreichen Formen der Verwandlung aufwartet, wie zum Beispiel Bachs „Goldbergvariationen“.

Auch als Musikveranstalter ist man Wandlungen unterworfen: Ziel bei der Styriarte ist es auch, neue Formate zur Präsentation von Musik zu entwickeln. Eine Notwendigkeit, um in der Musikwelt von heute zu bestehen?
Huber: Unser Festival besteht zu 95 Prozent aus Musik aus der Vergangenheit. Wobei es so etwas wie alte Musik nicht gibt. Man muss Musik immer neu ins Leben reproduzieren und den Aufführungen ein neues Ziel geben. Die Intentionen, heute eine Oper zu hören, sind andere als damals. Ich muss dem Publikum die Möglichkeit geben, die ursprüngliche Intention der Musik zu erfahren und dabei heute Spaß zu haben. Der bürgerliche Musikbetrieb hat einst den Konzertsaal für sich entwickelt – einen Ort, wo sich im Format zweimal 45 Minuten im Halbdunkeln Musik in höchster Konzentration erfahren lässt. Alles an Musik in dieses Format zu quetschen, halte ich jedoch heute für nicht mehr aktuell. Wir müssen in Zukunft erfindungsreicher sein, um Menschen für Musik zu interessieren. Neben Aufführungen in Konzertsälen organisieren wir zum Beispiel auch Wanderungen durch Wald und Wiesen. Das Publikum hat eine große Sehnsucht danach Neues zu erleben. Unsere Intention, neue Formate zu finden, stammt nicht von daher, weil wir originell, sondern weil wir richtig sein wollen.

(c) Werner Kmetitsch

Arianna Vendittelli in der Fux-Oper „Apollo und Daphne“ (c) Werner Kmetitsch

In den letzten Jahren haben verstärkt auch Dirigentinnen das Pult für sich erobert. Im Orchesterzyklus „recreation“, den Sie über das Jahr veranstalten, ergreifen erneut vermehrt Frauen den Taktstock. Sehen Sie sich diesbezüglich als Beispielgeber?
Huber: Es ist leider eine wenig schmeichelhafte Feststellung für den Kunstbetrieb zu sagen, dass wir diesbezüglich federführend waren. Aus irgendeinem Grund hat sich ein anachronistisches Patriarchatsmodell am Dirigentenpult besonders lange gehalten. Nur wenige Frauen haben diesen Beruf ergriffen, vor allem weil sie keine Chance gesehen haben, ihn auszuüben. In den letzten Jahren sind Frauen zunehmend auch ans Dirigentenpult getreten, was vom Publikum übrigens sehr geschätzt wird. Wir haben uns die Quote 50:50 gesetzt, und es bedarf meiner Meinung nach einer solchen Quote. Einfach, weil es wesentlich einfacher ist, einen Mann als Dirigenten zu finden. Wenn sie sich die Listen der Agenturen ansehen, kommt auf 20 Männer eine Frau. Da machen wir es uns sicher schwerer, wenn wir versuchen, eine gerechte Verteilung zu erreichen. Die Dirigentinnen, die es gibt, sind mittlerweile so begehrt, dass sie einen sehr vollen Terminkalender haben.

Sehen Sie Musik als Medium, das auch eine Gesellschaft verwandeln kann. Oder anders gefragt: Wie gesellschaftspolitisch ist Musik?
Huber: Musik war immer schon ein Medium, das in der Lage ist, positiv und negativ in der Gesellschaft zu wirken. Musik greift in die Seelen und verändert unser Bild von der Welt. Musik erzählt von den existenziellen Themen des Lebens und hilft uns, diese zu bewältigen. Musik zu machen, zu veranstalten, ist für mich nicht möglich, ohne eine politische Haltung zu haben. Natürlich können sie Musik auch dafür einsetzen, um ins Feld zu ziehen und sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, statt für ein friedliches Miteinander zu sorgen. Eben weil Musik ins Herz greift und unseren Verstand aussetzt. Musik ist ein gefährliches Medium. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht.

Posted in: