Mut zur Brücke

Mut zur Brücke

Die Kunstbrücke wird zwanzig. Zwanzig Künstler und der Philosoph Konrad Paul Liessmann haben sich dazu Gedanken gemacht.

Von Stefan Niederwieser

Hohenzollernbrücke, Köln, 1945 von der Wehrmacht gesprengt. Eisener Steg, Frankfurt, 1945 von der Wehrmacht gesprengt. Ludendorf Brücke, Remagen, 1945 an den Folgen eines Sprengversuchs der Wehrmacht eingestürzt. Rheinbrücke bei Arnheim, 1939 von holländischen Soldaten gesprengt, 1940-44 von der Wehrmacht repariert, 1944 von amerikanischen Soldaten gesprengt. Dieser Auszug aus den Notizen, die Annja Krautgasser auf alte Schwarz-Weiß-Fotografien geschrieben hat, verdeutlicht, wie lebenswichtig Brücken für die Menschen sein können. Die Kämpfe um die beiden letzteren Brücken wurden sogar verfilmt. In anderen Weltkriegsfilmen wie „Die Brücke am Kwai“ (1957), „Die Brücke“ (1959) oder „Der Soldat James Ryan“ (1998) spielen sie eine tragende Rolle. Man will sie zerstören, verteidigen oder wieder aufbauen. Dabei bringen sie Menschen doch näher aneinander.

Annja Krautgasser Ansichtskartenprojekt „memorize the memory“ (2018). (c) RLB Kunstbrücke/Kresser

Brücken sind deshalb so symbolträchtig, weil sie immer von Menschen gemacht werden. „Die Brücke ist eine Sache des Menschen. Die Natur kennt keine Brücken“, schreibt der Philosoph Konrad Paul Liessmann zur Jubiläumsausstellung der Kunstbrücke. Nichts sonst hat die Kluft zwischen den Volksgruppen im ehemaligen Jugoslawien so verdeutlicht, wie die Zerstörung der Brücke in Mostar, die mehr als vierhundert Jahre lang Orthodoxe, Katholiken und Muslime an den Ufern der Neretva verbunden hatte. Brücken werden gefeiert – über den Öresund oder den portugiesischen Tejo etwa – oder misstrauisch beäugt – wie die Krimbrücke oder die neue Verbindung von Hong Kong mit Festlandchina. Auch die Stadt, in der diese Ausstellung stattfindet, verdankt sich einer Brücke, die seit dem späten zwölften Jahrhundert eine leichte Querung des Inns ermöglichte – Innsbruck.

Der Zugang der zwanzig Künstler, die großteils neue Werke ausstellen, ist meist abstrakter als die dokumentarische Postkarten-Arbeit von Annja Krautgasser. Gleich zweimal bleiben Brücken hier unvollendet. Hans Weigand und Christine S. Prantauer betonen damit das Skulpturale dieser Bauwerke. Bei Prantauer zeichnet sich auf einem Foto der Tafelberg hinter einer Autobahn ab, die in Kapstadt nie fertiggestellt wurde. Mittlerweile ist die Foreshore Freeway Bridge zu einer Art Wahrzeichen des Stadtteils geworden, das für Filme, Fashion-Fotografie oder Events genutzt wird. So entwickelte diese schlichte Betonbrücke eine Dimension, die über ihre ursprüngliche Funktion weit hinausgeht. Hans Weigand tut auf seiner Seite des Raums wiederum nur so, als hätte er eine Brücke abgebildet. Bei näherer Betrachtung greifen diese Elemente nicht ineinander, die Holzbalken hängen in der Luft, die gemauerten Steine sind an Stellen, an denen sie nichts verloren haben. Der Künstler setzt diese Fragmente einer holzgeschnitzten Brücke auf dem Rechner zusammen und verfremdet sie. So entsteht eine phantastische Struktur, die Brücken von ihrer Möglichkeit her denkt.

Ein gutes Drittel der Künstler stellt sehr abstrakte Arbeiten aus. Herbert Hinteregger positioniert mehrere Dutzend Rechtecke so, wie sie im Ziegelbau gesetzt werden. Die Balken und Diagonalen von Anna Maria Bogner erinnern nur grob an eine Brücke, sie will damit einen Raum öffnen, der über seine physische Begrenzung hinausreicht. Eva Schlegel hat eines ihrer unscharfen Bilder abgeliefert, Christoph Raitmayr isoliert mit Bleistift einzelne Stufen, Stiegen und Zaha Hadids Wirtschaftsuniversität Wien. Esther Stocker schiebt schwarze und weiße Blöcke so lange gegeneinander, bis sie ein zartes Gleichgewicht aus Ordnung und Unordnung bilden. Der in sich gespiegelte Schriftzug von Christoph Hinterhuber ist dagegen völlig stabil. Zone steht zweimal in fast metergroßen Buchstaben an der Wand, die beiden Z verschränken sich sinnbildlich miteinander.

362 Künstlerinnen und Künstler wurden mit über 2000 Werken in den bisher 20 Jahren der Kunstbrücke gezeigt. Man hat nun fast alle Preisträger versammelt, die seit der Gründung einen der ausgelobten Kunstpreise gewonnen haben. Das ganze Areal in der Adamgasse rund um die Zentrale der RLB soll demnächst umgestaltet werden. Dass Kunst hinterher eine noch größere Rolle als bisher spielen wird, ist durchaus möglich. Das Ausstellen soll hinterher leichter fallen. Brücken verbinden Getrenntes, schreibt der Philosoph Konrad Paul Liessmann in seinem Text weiter. Der Wille des Menschen, an ein anderes Ufer zu gelangen und sich mit dem Anderen zu verbinden, sei zwar schwankend und doch unbeugsam. Das zu betonen, ist in einer Zeit, in der immer neue Mauern, Zäune und bauliche Maßnahmen errichtet werden, nicht selbstverständlich.

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