Naturkatastrophen werden häufiger

Naturkatastrophen werden häufiger

500 Millionen Euro Schaden werden für heuer erwartet. Der österreichische Versicherungsverband fordert nun ganzheitliche Lösungen zur Prävention und Schadenbewältigung.

Von Alexander Blach

2018 war ein Jahr der Extreme“, sagt Michael Staudinger, Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik. Es wird als eines der zwei wärmsten Jahre der 252-jährigen Messgeschichte eingehen. Ob auf Platz eins oder zwei tue nichts zur Sache, entscheidend sei die Tatsache, dass „wir mit 2,5 Grad deutlich über dem Jahresmittel liegen“. Die fast durchwegs sommerliche Wetterlage von April bis Oktober sei äußerst ungewöhnlich gewesen. Zudem gab es heuer doppelt so viele Tage mit mindestens 25 Grad als in einem Durchschnittsjahr. Während der Norden Österreichs mit enormer Trockenheit zu kämpfen hatte, war es im Süden hingegen etwas zu feucht. „Vereinzelt gab es besonders dramatische Verhältnisse. Ein Mittelmeertief brachte Ende Oktober in Ober­kärnten und Osttirol Regenmengen, wie sie statistisch gesehen hier nur alle 75 bis 150 Jahre vorkommen“, betont Staudinger.
Dass extreme Wetterphänomene in Österreich keine Zukunftsprognosen, sondern viel mehr Realität sind, weiß auch Othmar Ederer, Präsident des österreichischen Versicherungsverbandes (VVO). Die langfristige Statistik zeige einen deutlichen Anstieg der Naturkatastrophen in den letzten Jahrzehnten. Dieser weltweite Trend sei auch in Österreich klar erkennbar: „Die ersten schweren Schäden 2018 gab es bereits im April bedingt durch Hagel und Überschwemmungen. Ihren bisherigen Höhepunkt erreichten die Naturkatastrophenschäden im Oktober in Kärnten und Osttirol“, fasst Ederer zusammen. Für 2018 rechnet er mit Schäden von über 500 Mio. Euro, davon rund 300 Mio. versichert. Die Hagelversicherung geht von 270 Mio. Euro Gesamtschaden alleine in der Landwirtschaft aus.
„Im österreichischen Regierungsprogramm wurde die Schaffung von Rahmenbedingungen für verbesserte finanzielle Schadensgutmachung bei Naturkatastrophen und die Ermöglichung von Rückversicherungen bereits festgelegt, die zeitnahe Umsetzung dieser Maßnahmen ist wichtig“, fordert Ederer.

(c) APA/EXPA/JOHANN GRODER

Bewusstsein steigt
Mittlerweile ist aber das Gefahrenbewusstsein hinsichtlich Naturkatastrophen bei der Bevölkerung gestiegen, sagt Othmar Thann, Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV), und bezieht sich dabei auf entsprechende KFV-Umfragen. Sahen 2013 nur 25 Prozent der Befragten Unwetter, Hagel und Stürme als große Gefahr, sind es heute bereits 50 Prozent. Auch Hochwasser ist eine immer präsentere Naturgefahr für die Befragten – während sich 2013 mehr als die Hälfte gar nicht gefährdet sah, trifft dies 2018 nur auf rund ein Drittel der Befragten zu. „Dennoch gibt es noch Risikobereiche, die noch nicht im Bewusstsein angekommen sind“, so Thann. Diese seien vor allem örtlich bedingt wie zum Beispiel Schneelastereignisse. Diese werden laut einer aktuellen Befragung nur von 3 Prozent als Gefahr wahrgenommen.
„Die Bevölkerung hat jedenfalls ein Gefahrenbewusstsein entwickelt. Es gibt keine Region, die sich nicht mehr betroffen fühlt. Man setzt sich mit den Gefahren auseinander und versucht mit ihnen umzugehen“, resümiert Thann. Dennoch könne man noch lange nicht von einer Verankerung im Bewusstsein sprechen. „Wir werden daran arbeiten, dass sich das in den nächsten Jahren weiter verbessert.“
Dazu beitragen soll auch die neue Risikolandkarte Hora des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT). „Die Bevölkerung vor Naturgefahren bestmöglich zu schützen, gehört zu unseren Kernaufgaben. Dafür müssen wir die Bürger informieren, einbinden und sensibilisieren. Hora ist dazu ein wichtiges Instrument“, bekräftigt BMNT-Sektionschef Günter Liebel. Unter www.hora.gv.at erhält jeder schnell und einfach per Mausklick eine Ersteinschätzung der persönlichen Gefahrensituation. Durch die Eingabe der Adresse kann man das Gefährdungspotenzial unter anderen für Sturm, Hagel, Hochwasser oder Erdbeben erfahren. „Wir möchten mithelfen, das Bewusstsein für Naturkatastrophen in der Bevölkerung zu schärfen“, so Liebel.

Effizientere Systeme
Für Franz Prettenthaler vom Zentrum für Klima, Energie und Gesellschaft (Life) der Joanneum Research, ist neben der persönlichen Eigenvorsorge auch die Diskussion um die volkswirtschaftliche Bewältigung von Schäden in der Zukunft wichtig. In Österreich sind rund 200.000 Gebäude durch Hochwasser gefährdet. Der Wert der Gebäude alleine im Einflussbereich des Jahrhunderthochwassers beträgt 150 Mrd. Euro.
„Wir haben hier als Volkswirtschaft ein erhebliches Risiko, das zunimmt. Die öffentliche Hand und die Versicherungswirtschaft sind sehr engagiert das Risiko zu tragen. Die Kernfrage ist aber, wie man zu effizienteren Systemen kommen kann, damit Betroffene im Katastrophenfall nicht zu Bittstellern werden. Rein privatwirtschaftlich ist das Thema für die Zukunft nicht zu lösen und der Katastrophenfonds leistet zu geringe Summen im Schadenfall“, so Prettenthaler. Hier brauche es eine gesamtheitliche Lösung, die mit einer flächendeckenden Versicherung für das ganze Land funktioniert. „Das ist für Österreich mit dem EU-weit zweithöchsten Hochwasserrisiko angesichts steigender Klimarisiken ein Muss.“

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