Neue Wege erforschen

Neu Wege erforschen

Sechs Start-ups wurden für das diesjährige Acceleration Programm des Agro Innovation Lab ausgewählt. In München fiel nun der Startschuss.

Von Alexander Blach

Das Agro Innovation Lab (AIL) wurde Anfang 2016 als Innovationsplattform für die Raiffeisen Ware Austria (RWA) und die österreichischen Lagerhaus-Genossenschaften ins Leben gerufen. Mit dem Ziel „Innovationen aus der Welt in unsere Unternehmen zu holen und zu entwickeln, um sie schlussendlich am Markt platzieren zu können“, erklärt AIL-Geschäftsführer Reinhard Bauer. Da innovative Start-ups aber ganz anders ticken als große Traditionsunternehmen, braucht es eine vermittelnde Schnittstelle. Mit der Entwicklung des Acceleration Programms im Jahr 2016 sei diese dann geschaffen worden.
Der erste Durchgang habe bereits großen Zuspruch gefunden: 160 Start-ups aus 49 Ländern haben sich beworben, wovon es letztendlich vier in das Programm schafften. „Damit haben wir ein wichtiges Instrument etabliert, um agrarische Innovationen frühzeitig zu erkennen, mitzuentwickeln und den heimischen Bauern zugänglich zu machen“, betont RWA-Generaldirektor Reinhard Wolf.
Dies sei in Anbetracht aktueller globaler Entwicklungen auch unbedingt nötig. „Gerade die Landwirtschaft erfährt enorme Veränderungen – Strukturwandel, Globalisierung und Digitalisierung werden unsere Branche nachhaltig verändern. Darüber hinaus werden das globale Bevölkerungswachstum und der Klimawandel einen großen Einfluss haben“, ist man auch im Vorstand der deutschen Baywa AG überzeugt, weshalb sich der langjährige strategische Partner der RWA ebenfalls am Agro Innovation Lab beteiligte.
Mit einem nun breiter aufgestellten Acceleration Programm möchte man heuer gemeinsam und länderübergreifend „Start-ups unterstützen, die die notwendigen Visionen haben, um die Probleme und Herausforderungen von morgen zu lösen“, erklärt Baywa-Vorstandsmitglied Roland Schuler. Um aber schon heute die Fragen von morgen diskutieren zu können, müsse man seine Komfortzone verlassen, neue Wege erforschen und sie auch akzeptieren, so Schuler weiter. „Wir dürfen nicht nur reagieren, sondern müssen agieren“, bestärkt Reinhard Bauer die gebündelte Innovationskraft der beiden Agrarunternehmen.

(c) Baywa (2)

Intensive Zusammenarbeit
Zum zweiten Acceleration Programm haben sich insgesamt 265 Start-ups aus 61 Ländern beworben. 140 Mentoren haben dann zwei Monate lang begutachtet und selektiert, bis am Ende die Wahl auf sechs Finalisten fiel. In den kommenden fünf Monaten werden die Jung-Unternehmer ihre eingereichten Konzepte weiterentwickeln. Das Acceleration Programm bietet dazu unter anderem eine intensive Zusammenarbeit mit externen und internen Mentoren – darunter auch die RWA-Vorstandsdirektoren Reinhard Wolf und Stefan Mayerhofer, ÖRV-Generalanwalt Walter Rothensteiner oder ÖRV-Generalsekretär Andreas Pangl –, spezifische Fach-Workshops, Möglichkeiten des Markt- und Kundenzugangs sowie gegebenenfalls Feldversuche an. Zudem können die Start-ups auf das internationale Netzwerk von RWA und Baywa zurückgreifen. Weiters werden pro Programmteilnehmer 35.000 Euro an Sachleistungen und – wenn benötigt – zusätzlich 15.000 Euro als finanzielle Überbrückungshilfe geboten. Im Gegenzug erhalten RWA und Baywa die Möglichkeit, sich an den Start-ups zu beteiligen.
Im Vorjahr sei dies laut Reinhard Bauer bei zwei Teilnehmern geschehen. Zum einen bei „Evologic Technologies“, einem österreichischen Start-up, das kostengünstig arbuskuläre Mykorrhizapilze (AM-Pilze) züchtet, um die Nährstoffzufuhr für Pflanzen zu verbessern, und zum anderen bei „Evja“ aus Italien. Letztere haben ein Sensorsystem entwickelt, das alle relevanten Daten auf dem Feld misst und zu einem Computer oder Smartphone schickt. Daraus wird automatisch die benötigte Menge an Bewässerung, Dünger oder Pflanzenschutzmittel errechnet.

Plattformen, Drohnen und Mehlwürmer
Auch die diesjährigen Start-ups verfolgen wieder unterschiedliche Ansätze im Agrarbereich. So hat „Agra2b“ aus Deutschland einen Online-Marktplatz für Landwirte und Lieferanten entwickelt. Dieser ermöglicht Landwirten, Angebote zeit- und ortsunabhängig einzuholen, zu vergleichen und somit ihren Einkauf effizienter als bisher zu organisieren.
Über „FarmHedge“ aus Irland können Landwirte Ein- und Verkaufsgemeinschaften bilden. Die Online-Plattform dient somit als zusätzlicher Vertriebskanal zwischen Ein- und Verkäufern von Agrarprodukten.
„BartsParts“ aus den Niederlanden ermöglicht es Agrartechnikhändlern, nur schwer absetzbare Ersatzteile für Landmaschinen weltweit über eine Online-Plattform zu verkaufen.
„DroneClouds“ aus Südafrika unterstützt Landwirte, anhand von Drohnen- und Satellitendaten mögliche Bedrohungen durch Schädlinge, Pflanzenkrankheiten oder Versorgungsdefizite frühzeitig und teilflächengenau im Feld zu erkennen.
In Echtzeit und mit 98 Prozent Genauigkeit kann „Livestock Technologies“ aus Südkorea mittels Sensortechnik den Gesundheitszustand von Kühen sowie den optimalen Besamungszeitpunkt vorhersagen. Das Start-up hat einen Temperatur- und Bewegungssensor entwickelt, der der Kuh gesundheitlich unbedenklich zugeführt wird und bis zu sieben Jahre im Pansen verweilt.
„LivinFarms“, eine chinesisch-österreichische Kooperation, widmet sich der Proteinproduktion in Form einer Mehlwurmzucht. Durch den Rückgang an verfügbarer Ackerfläche konkurrieren hier Lebensmittel- und Futtermittelproduktion miteinander. Insekten könnten eine Alternative zu gegenwärtig angebauten proteinreichen Futterpflanzen sein.
Die Auswahl der Start-ups entspreche natürlich den aktuellen Bedürfnissen der RWA, wie Reinhard Bauer betont. Das Digitalisierungsprojekt SMART und die Entwicklung eines Onlineshops für die Lagerhaus-Genossenschaften könnten vom Know-how mancher Programmteilnehmer sicher stark profitieren. Ziel sei aber eine nachhaltige, langfristige Kooperation und gegebenenfalls eine Investition. „Aber nur, wenn es für beide Sinn macht“, so Bauer.

(RZ 41, 12.10.2017)